Details

Herausgeber Lenhart, Peter; Schuller, Marianne; Sohnemann, Jasmin; Zahn, Manuel (Hg.)
Verlag Parodos Verlag
Auflage/ Erscheinungsjahr 05.2014
Format 21 × 14 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 250 Seiten
Gewicht 360
SFB Artikelnummer (SFB_ID) 9783938880654

Zu diesem Reader

Die »Hamburger Forschungsgruppe für Psychoanalyse« (HaFPa) beschäftigt sich mit der Psychoanalyse »nach« Freud. Sie setzt sich zusammen aus Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen, aus Studierenden, Promovierenden und Lehrenden verschiedener Disziplinen wie Erziehungswissenschaft, Literatur- und Kunstwissenschaft, Philosophie und Soziologie.

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Frage nach Freuds Erfindung des Über-Ich. Die Ergebnisse der bisherigen Forschung werden in dem Buch zusammengebracht und zur Diskussion gestellt. Dabei werden folgende Fragen aufgeworfen: Was hat es mit dem Über-Ich unter subjekttheoretischen, kulturtheoretischen und politischen Aspekten auf sich? Vor allem: Inwiefern hat diese vor rund einem Jahrhundert erfundene Instanz heute noch Gültigkeit? Können damit gesellschaftliche und individuelle Phänomene produktiv untersucht und analysiert werden? In welchen Formen, Medien und Technologien zeigt es sich? Kurz: Wo ist das Über-Ich und was macht es dort?

Die Konzeption des vorliegenden Bandes hat zum Ziel, den von Dialog und Auseinandersetzung geprägten Charakter unserer gemeinsamen Arbeit in das Medium Buch zu übersetzen. Wie die HaFPa unterschiedliche Herangehensweisen erprobt und zulässt, so schlagen sich diese unterschiedlichen Verfahren auch im Buch nieder: von der thesenhaften Behauptung über den Essay bis hin zur wissenschaftlichen Abhandlung. Die Publikation möchte eine Debatte nicht nur anstoßen, sondern auch in Gang halten.

Aus dem Vorwort der Herausgeber

"Die Rede vom Über-Ich ist so geläufig wie dunkel. Das Über-Ich wandert ebenso unbehelligt und leicht geschürzt durch Alltagsdiskurse wie es als psychoanalytischer Begriff schwer zu fassen und schwer zu erschließen ist. Wäre es da nicht am einfachsten, den Begriff in die Dunkelkammer einer längst überwundenen Vergangenheit zu schicken und ihn, wenn überhaupt, als unscharfe Metapher sein Leben fristen zu lassen? Denn schließlich: Wo findet sich heute diese Instanz Über-Ich, die Freud in seiner zweiten Topik als eine Art Bindeglied und Umschlagplatz zwischen den Instanzen des Ich und des Es konstruiert hat? Folgt diese Konstruktion nicht einer obsolet gewordenen Vorstellung vom Subjekt, von Gesellschaft und Kultur, die an feste Strukturen im Zeichen von Autoritäten und institutionell fest verankerten Regeln gebunden ist? Kurz: Trifft die Instanz des Über-Ich noch unsere sich flexibilisierenden gesellschaftlichen Prozesse, welche die Fugen und Fügungen verinnerlichter Vorschriften gleichsam wegspülen? Und die zugleich die Herrschaftstitel des ›Du musst, du sollst‹ entkräften, die mit jedem Schritt auf Erfüllung hin, sich in Form neuer Ansprüche wieder und verstärkt zu Wort melden und auf diese Grenzen setzende Weise dem Subjekt Halt geben? Und wie steht es mit den neuen Überwachungstechnologien und massierten Datenströmen, an denen jede topographische Vorstellung von Innen und Außen, von Einrichtung und Wahrung symbolischer, vom Subjekt einzunehmender Plätze zu zergehen und individuelle Spielräume zu öffnen scheint?

Das ›offene Milieu‹ als Signet unseres Gesellschaftstyps aber ist zugleich das Milieu, in dem sichtbarnsichtbar neue Formen der Kontrolle entstehen und in Funktion treten. Formen der permanenten Kontrolle, die,indem sie auf den Wellen der Kommunikation und des medialen Austausches gleiten, in die Subjekte einziehen und dort fast unbemerkt aber wirkungsvoll ihre Arbeit der Normalisierung verrichten. Dann aber erwiese sich das unsere Welt auszeichnende offene Milieu zugleich als das Milieu, in dem die Instanz des Über-Ich besonders gut gedeiht und zur verteilten Herrschaft gelangt.

Trägt der Titel dieses Bandes in seiner komischen, gleichsam haltlosen Wendung diesen Fragen Rechnung, so werden sie in den Beiträgen des vorliegenden Bandes im Zeichen unterschiedlicher Interessenlagen nd methodischer Ansätze verhandelt. (...)"

Die Beiträge

Vorwort

Verortungen

  • Julian Rohrhuber: Raum als Reuse – Über Mathematik und Über-Ich
  • Adrienne Crommelin: »Die Lücke, die der Teufel lässt«. Aufrichtungen des Über-Ichs
  • Frank Wörler: Das Über-Ich und seine methodologische Funktion.Lacans Interpretation der Freud'schen Topik

Umtriebe

  • Masaaki Sato: »Humorisque«
  • Stephanie Maxim: Wohin mit der Schuld? Von Freuds Zirkel des Gewissens zur Frage der Verantwortung
  • Karl-Josef Pazzini: Die Schuld, die aus der Zukunft kam. Wohin damit?
  • Claus-Dieter Rath: »Über-Ich? Nein danke!«

Eingänge, Ausgänge

  • Harald Strauß: Vom Wandel der Agenturen der psychischen Vergesellschaftung.
  • Herbert Marcuses metapsychologische Spekulationen zum Über-Ich 
  • Manuel Zahn: Das hyperkulturindustrielle Über-Ich? 
  • Peter Lenhart: »What does a scanner see?« Verbindungen zwischen biometrischer Beobachtungstechnologie und Über-Ich
  • Gereon Wulftange: Biometrisches Vermessen
  • Marianne Schuller: Die Figur des »Nachlebens« und die Instanz des Über-Ichs. Zu Aby Warburgs Bilder-Denken
  • Renate Wieser: Konzepte der Stimme in der Kunst. Was würde wohl das Über-Ich dazu sagen – und vor allem wie?
  • Ulrike Oudée Dünkelsbühler: »Schreib dich!«, schreit das Über-Ich: Lengage der Libellen

Autorenverzeichnis

Die Herausgeber

Peter Lenhart, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, Arbeitsbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaftliche Grundlagenforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Erziehungs- und Bildungstheorie, kulturelle Transformationen, Bildung und Ökonomie, Kritische Theorie und Psychoanalyse. Er promoviert zur Frage der psychischen Ökonomie von Selbstverhältnissen nach unternehmerischem Vorbild.

Marianne Schuller, Dr. phil., ist Professorin em. am Institut für Neuere deutsche Literatur der Universität Hamburg. Sie lehrt inzwischen als Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Ein zentraler Forschungsschwerpunkt ist das Grenzgebiet von Literatur und Wissen (Medizin, Psychiatrie, Anthropologie) sowie von Literatur und Psychoanalyse.

Jasmin Sohnemann ist Promovierende im Walther-Rathenau-Graduiertenkolleg am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte sind deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Psychoanalyse und Literatur, Freud und die Literaten. Ihre MA-Dissertation (Goldsmiths, University of London) beschäftigt sich mit Stefan Zweig und Sigmund Freud,

Manuel Zahn, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, Arbeitsbereich Ästhetische Bildung und Medienpädagogik. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Medienphilosophie und Ästhetik, die Visuelle Bildung, insbesondere Film-Bildung, die Psychoanalyse und die Kunst-Pädagogik.

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