Details
| Autor | Habermas, Jürgen (1929-2026) |
|---|---|
| Verlag | Suhrkamp |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 2001, EA |
| Format | 12,0 × 20,2 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | kartoniert |
| Seiten/ Spieldauer | 164 Seiten |
| Gewicht | 240 |
| SFB Artikelnummer (SFB_ID) | SFB-000855_SIG |
Zu dieser Erstausgabe
Nach wie vor wird die Debatte über die Gentechnik und ihre Folgen lebhaft geführt. In seinem Buch Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? bezieht Jürgen Habermas dezidiert Stellung. Er führt die philosophische Auseinandersetzung über den Umgang mit Genforschung und Gentechnik vom weltanschaulichen Streit über den moralischen Status des vorpersonalen menschlichen Lebens weg und nimmt die Perspektive einer künftigen Gegenwart ein - einer Gegenwart, aus der wir vielleicht auf die heute umstrittenen Praktiken als Schrittmacher einer liberalen, über Angebot und Nachfrage geregelten Eugenik zurückblicken.
Aus dem Vorwort des Autors
"(...) Noch beunruhigender ist die andere Frage, warum die philosophische Ethik das Feld für jene Psychotherapien räumen sollte, die sich bei der Beseitigung psychischer Störungen der klassischen Aufgabe der Lebensorientierung ohne große Skrupel annehmen. Der philosophische Kern der Psychoanalyse tritt beispielsweise deutlich bei Alexander Mitscherlich hervor, der die psychische Krankheit als Beeinträchtigung einer spezifisch menschlichen Existenzweise versteht. Sie bedeute einen selbstverschuldeten Verlust an Freiheit, weil der Kranke mit seinen Symptomen ein unbewusst gemachtes Leiden nur kompensiert - ein Leiden, dem er durch Selbstverbergung entgeht. Das Ziel der Therapie sei eine Selbsterkenntnis, die »oft nicht mehr ist als die Verwandlung von Krankheit in Leid, aber in ein Leid, das den Rang des Homo sapiens erhöht, weil es seine Freiheit nicht vernichtet«.
Der Begriff der psychischen »Krankheit« verdankt sich einer Analogiebildung zur somatischen Krankheit. Aber wie weit trägt die Analogie, wenn auf psychischem Gebiet beobachtbare und eindeutig beurteilbare Parameter für den gesunden Zustand weitgehend fehlen? Offenbar muss ein normatives Verständnis des »ungestörten Selbstseins« die fehlenden somatischen Indikatoren ersetzen. Das wird besonders in Fällen deutlich, wenn der Leidensdruck, der den Patienten zum Analytiker treibt, selbst verdrängt wird, sodass sich die Störung unauffällig ins normale Leben einfügt. Warum sollte die Philosophie vor dem zurückschrecken, was sich beispielsweise die Psychoanalyse zutraut? Es geht um die Klärung unseres intuitiven Verständnisses der klinischen Züge eines verfehlten oder nicht verfehlten Lebens. Die erwähnte Äußerung von Alexander Mitscherlich verrät ohnehin die Spuren von Kierkegaard und dessen existenzphilosophischen Nachfolgern. Das ist kein Zufall (...)"l.
Inhalt
- Vorwort
- Begründete Enthaltsamkeit. Gibt es postmetaphysische Antworten auf die Frage nach dem »richtigen Leben«?
- Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Der Streit um das ethische Selbstverständnis der Gattung
- I Was heißt Moralisierung der menschlichen Natur?
- II Menschenwürde vs. Würde des menschlichen Lebens
- III Die gattungsethische Einbettung der Moral
- IV Das Gewachsene und das Gemachte
- V Instrumentalisierungsverbot, Natalität und Selbstseinkönnen
- VI Moralische Grenzen der Eugenik
- VII Schrittmacher einer Selbstinstrumentalisierung der Gattung?
Pressestimmen
»Mit seiner bravourösen Intervention in die Biomedizindebatte«, so schreibt Andreas Kuhlmann, gelingt es Jürgen Habermas, jenseits der Frage, welcher moralische und rechtliche Status Embryonen zukommt, deutlich zu machen, warum die Instrumentalisierung früher Stadien menschlichen Lebens beunruhigt.
Für den Autor, heißt es, der als »philosophischer Pfadfinder« die Natur der anstehenden normativen Probleme und damit ›neues Terrain‹ zu erschließen sucht, steht dabei nicht weniger als die »Identität des Einzelnen als Mitglied der Gattung Homo sapiens« auf dem Spiel. Wie das Selbstverständnis einer Person und ihr Status in einer Kommunikationsgesellschaft durch eine genetische Programmierung korrumpiert werden, stellt Habermas laut Kuhlmann überzeugend dar. Weniger brillant dagegen fällt offenbar die Beurteilung von Formen der Embryonenforschung aus, die nicht als Praktiken »positiver Eugenik« zu verstehen sind. Hier, so Kuhlmann, spricht Habermas »in sehr konventioneller Weise« vom »verdinglichenden« Umgang mit menschlichem Leben. Möglich allerdings, dass dies Ausdruck ist für die wieder lobenswerte Skepsis des Autors »gegenüber dem eigenen ›Alarmismus‹.« (Aus einer Besprechung in der ZEIT vom 29.01.2001, redigiert von Perlentaucher.de)
Der Autor
Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Von 1949 bis 1954 studierte er in Göttingen, Zürich und Bonn die Fächer Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie. Er lehrte unter anderem an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt am Main sowie der University of California in Berkeley und war Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. Jürgen Habermas erhielt zahlreiche Ehrendoktorwürden und Preise, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2001) und den Kyoto-Preis (2004). Habermas verstarb am 14. März 2026 in Starnberg.
Lieferbarkeitshinweis / Erhaltungszustand
Bei der SFB als ein vom Autor auf dem Vorsatzblatt signiertes und verlagsfrisches Archivexemplar; beim Verlag in dieser Ausgabenvariante vergriffen.
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