Details
| Herausgeber | Angehrn, Emil; Küchenhoff, Joachim (Hg.) |
|---|---|
| Verlag | Velbrück |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 08.2025 |
| Format | 22.2 × 14 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 215 Seiten |
| ISBN | 9783958323933 |
Wahrhaftigkeit gilt als Tugend der Wahrheitsliebe, als Leitidee des Erkennens, als Voraussetzung gelingender Kommunikation. Doch begegnet sie uns zumeist im Spannungsverhältnis zum Unwahrhaftigen. Der Gegensatz von Wahr und Falsch, Authentizität und Verstellung durchdringt die individuelle wie die soziale Lebenswelt. Wir sind nicht sicher, wieweit wir normalerweise wirklich aufrichtig und wahrhaftig sind, wieweit wir es sein können, wieweit wir es sein wollen.
Die Beiträge des Bandes untersuchen dieses Spannungsverhältnis mit besonderem Augenmerk auf das Gespräch. Es erweist sich als exemplarischer Ort der Verdeckung, aber ebenso als besondere Ressource der Wahrheit, des Sich-selbst-Findens und Sich-Verständigens mit anderen. Das Gespräch begründet die Forderung nach Wahrhaftigkeit als ethische Norm und funktionales Gebot; es kann dazu verhelfen, Selbsttäuschung zu überwinden.
Aus dem Vorwort der Herausgeber
"Es ist nicht einfach, mit sich ins Reine zu kommen. Über sich Klarheit zu gewinnen und sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, versteht sich nicht von selbst. Wir sind uns fremd und wissen nicht, wann wir uns selbst täuschen. Auch im Umgang mit anderen bewegen wir uns zwischen Offenheit und Verdeckung, Aufrichtigkeit und Simulation. Wahrhaftigkeit ist ein Ideal des Verhaltens zu anderen und zu sich selbst. Sie gilt als Tugend der Wahrheitsliebe, als Leitidee des Erkennens, als eine konstitutive Voraussetzung gelingender Kommunikation. Ein wirklicher Austausch setzt voraus, dass wir anderen vertrauen und sie uns glauben. Doch begegnet uns Wahrhaftigkeit zumeist im Spannungsverhältnis zum Unwahrhaftigen. Der Gegensatz von Wahr und Falsch, Authentizität und Verstellung durchdringt die individuelle wie die soziale Lebenswelt. Vielfach haftet der normativen Leitidee des Wahrhaftigen selbst eine Ambivalenz an, die auch verwandte Konzepte wie Aufrichtigkeit, Authentizität, Integrität ebenso wie ihre Gegenbegriffe der Lüge, Täuschung oder Inszenierung affiziert.
Für keine dieser Ideen ist die Geltung schlechthin eindeutig und feststehend. Wir sind nicht sicher, wieweit wir normalerweise wirklich aufrichtig und wahrhaftig sind, wieweit wir es sein sollen, ja, wieweit wir es sein können und wirklich sein wollen. In Frage steht, ob das kulturelle Gebot der Wahrhaftigkeit alternativlos gilt oder ob das ›Ende der Aufrichtigkeit‹ (L. Trilling) die Signatur unserer Zeit bildet. Worin Wahrhaftigkeit besteht und wieweit wir im Erkennen und Handeln über sie verfügen, versteht sich nicht von selbst. Heidegger und Sartre vertreten die Auffassung, dass wir im normalen Alltagsleben unwahrhaftig, uneigentlich sind, und Nietzsche äußert den Verdacht, dass niemand in Sachen der Wahrhaftigkeit restlos ehrlich, wahrhaftig sei. Zumeist stehen Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit in unserem Verhalten zu anderen zur Diskussion. Wahrhaftig sein heißt daran interessiert sein, von anderen Wahres zu erfahren und ihnen die Wahrheit zu sagen. Doch betrifft Wahrhaftigkeit gleichermaßen unser Verhältnis zu uns selbst. Integrität und Aufrichtigkeit sind Auszeichnungen des personalen Selbstseins, wie Verstellung und Selbsttäuschung Defizite im eigenen Sein sind, die sich ihrerseits in der Falschheit gegen andere niederschlagen können.
In ihrer Entstehung wie ihrer Geltung sind Wahrhaftigkeit wie Unwahrhaftigkeit in herausgehobener Weise mit der sozialen Interaktion und dem zwischenmenschlichen Gespräch verschränkt, und dies in mehrfacher Hinsicht. Die Kommunikation ist ein privilegierter Ort der Verbergung und Täuschung, wie sie umgekehrt eine Ressource der Wahrheit und der Befreiung aus Selbsttäuschung und Unaufrichtigkeit ist. Der zwischenmenschliche Austausch begründet die Forderung nach Wahrhaftigkeit als ethische Norm und funktionales Gebot und liegt gleichzeitig der Ausbildung der individuellen Grundhaltung und Fähig
keit zur Wahrheit zugrunde. Das Gespräch eröffnet die Möglichkeit, sich aus der existentiellen Aporie des Unwahrhaftigseins zu befreien und Blockierungen der Intransparenz und Falschheit zu überwinden.
Vor dem Hintergrund der fundamentalen Bedeutung, die dem Gespräch als solchem für das menschliche und zwischenmenschliche Dasein, als Quelle von Sinn und Verstehen zukommt, ist das besondere Potential aufzuhellen, das im psychoanalytischen Gespräch erworben und er schlossen wird. Diese vielschichtige Konstellation wird im vorliegenden Band im Dialog zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Philosophie und der Psychoanalyse erörtert. (...)"
Die Beiträge
Einleitung
I. Wahrheit und Verstellung im Zwischenmenschlichen
- Emil Angehrn: Vom Zwiespalt der Wahrhaftigkeit. Wahrsein vom Anderen her
- Angelika Ebrecht-Laermann: Überzeugen – Überreden – rechthaberische Kritik. Drei Möglichkeiten, die Wahrheitsliebe im Gespräch durch Rechthaberei zu pervertieren
- Joachim Küchenhoff: Potentiale der Veränderung. Zum Verhältnis der Wahrhaftigkeit zu sich selbst und zu anderen
II. Lüge und Wahrheit im Sozialen und Literarischen
- Oliver Hallich: Lügen als soziales Handeln
- Hanna Gekle: Die Komödie als Tragödie des Über-Ichs oder: Wie sich Kleists Richter Adam als Ödipus der Moderne in die Wahrheit lügt
- Tilo Wesche: Erzähler lügen nicht. Über Leben und Tod in Herman Melvilles Moby Dick
III. Wahrhaftigkeit in der psychotherapeutischen Begegnung
- Rolf-Peter Warsitz: Wahrhaftigkeit, Verkennung und Lüge im psychoanalytischen Prozess
- Alexander Fischer: Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Erzählungen in der Psychotherapie
- Johannes Picht: Einander wahrhaftig begegnen
Die Autorinnen und Autoren
Der Herausgeber
Emil Angehrn war von 1991–2013 Professor für Philosophie an der Universität Basel. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht: Der Weg zur Metaphysik. Vorsokratik, Platon, Aristoteles (2000), Interpretation und Dekonstruktion. Untersuchungen zur Hermeneutik (2003).
Joachim Küchenhoff praktiziert als Psychoanalytiker (IPA) und Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Basel. Er ist Professor emeritus der Universität Basel, Vorsitzender des Aufsichtsrates der IPU Berlin, wissenschaftlicher Beirat u.a. des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt und der Lindauer Psychotherapiewochen. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht: Die Achtung vor dem Anderen. Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog (2005/2021), Der Sinn im Nein und die Gabe des Gesprächs. Psychoanalytisches Verstehen zwischen Philosophie und Klinik (2013/2022).
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