Details

Autor Geisenhanslüke, Achim
Verlag transcript
Auflage/ Erscheinungsjahr 29.10.2025
Format 22.5 × 14.8 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 234 Seiten
ISBN 9783837679526

Zu diesem Beitrag

Das Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse ist seit jeher in beiden Disziplinen Gegenstand zahlreicher kritischer Diskussionen. Schon die Arbeiten Sigmund Freuds zu literaturbezogenen Themen haben nicht selten ein kontroverses Echo hervorgerufen, da immer wieder der Vorwurf der Kritiker im Raum steht, er habe sie meist nur zur Bestätigung eigener Thesen herangezogen wurden.

Der mit der psychoanalytischen Theorie bestens Vertraute Literaturwissenschaftler Achim Geisenhanslüke kehrt in seinem interessanten Beitrag den Blick darauf um: Ausgehend von der Literatur fokussiert er auf die Theorie und Kritik der Psychoanalyse bei Freud sowie bei Jacques Lacan, Shoshana Felman, Julia Kristeva und Jean Laplanche. So entstehen neue Perspektiven auf die »unheimliche Nähe« zweier Disziplinen, die sich nicht einfach aufeinander reduzieren lassen.

Aus dem Vorwort des Autors

"»Sigmund Freud hat das Lesen verändert.« Verantwortlich für die Veränderungen des Lesens, die Peter von Matt anspricht, ist die Einführung des Begriffs des Unbewussten in der Traumdeutung und anderen frühen Schriften Freuds. Freud hat damit nicht nur die Lesbarkeit von Träumen und das Verstehen von Fehlleistungen ermöglicht. In Frage steht auch die Lesbarkeit seiner eigenen Schriften. Offen bleibt nicht zuletzt, welche Konsequenzen der durch die Psychoanalyse veränderte Begriff des Lesens für die Lektüre Freuds hat. Vor diesem Hintergrund hat Samuel Weber vorgeschlagen, »Freuds Texte zu lesen, wie sie selbst den Traum lesen«, als Produkte einer Entstellung, die die Psychoanalyse theoretisch zu durchdringen versucht, von der sie aber auch selber affiziert bleibt. Die Psychoanalyse ist demnach mehr als nur eine Theorie des Unbewussten. Sie ist selbst eine sprachliche Praxis, die von den Prozessen der Arbeit am Unbewussten betroffen ist, die sie theoretisch zu analysieren versucht.

Als Theorie und Praxis der Sprache bildet die Psychoanalyse so eine eigene Poetik aus. Freuds Poetik ist wiederum mehr als eine psychoanalytische Theorie der Literatur. Sie offenbart sich weniger in seinen nicht immer überzeugenden Ausführungen zu literarischen Texten als vielmehr in seinem eigenen Schreiben auf der Schwelle von Wissenschaft und Fiktion. Vor diesem Hintergrund ist die Literatur wiederum mehr als ein beliebiger Gegenstand der Psychoanalyse unter anderen. Nicht nur hat Freud wesentliche Elemente seiner Lehre wie den Ödipus-Komplex oder die Theorie des Narzissmus literarischen Texten entlehnt. Wenn seine Texte in ähnlicher Weise zu lesen sind, wie er selbst Träume gelesen hat, dann ist die Literatur so etwas wie das Unbewusste der Psychoanalyse – kein Objekt, das in die Fänge des psychoanalytischen Blicks gerät und so das Unbehagen auslöst, das so viele psychoanalytische Lektüren literarischer Texte begleitet, sondern das Subjekt der Psychoanalyse als sein unbewusster Träger.

Die Literatur ist daher nicht einfach ein Gegenstand, der sich der Psychoanalyse im Lesen erschließt, sie verkörpert, im Spiel der Übertragungen, zugleich einen Widerstand gegen die Lektüre, die sie für sich zu vereinnahmen droht. Das Verhältnis von Psychoanalyse und Literatur kann keines der bloßen Applikation, es muss eines der Kritik sein, und das auf eine doppelte Weise: als eine kritische Lektüre literarischer Texte durch die Psychoanalyse und als eine kritische Lektüre der Psychoanalyse durch die Literatur. Wenn in den verschiedenen Studien, die hier zusammengefasst sind, Freuds Texte und seine Rezeption vor allem in französischen Texttheorien in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, dann im Rahmen eines beständigen Dialogs zwischen der Psychoanalyse und der Literatur. Der Ort, an dem beide zusammenkommen, ist die Poetik als Theorie und Praxis der Dichtung. Was die hier skizzierte Poetik anvisiert, ist ein durch die Psychoanalyse angeregter und angereicherter Blick auf Grundbegriffe nicht nur der Freud’schen Theorie allein – Begriffe aus der Tragödientheorie wie der der Katharsis, Begriffe aus Freuds eigener Feder wie der des Unheimlichen, die seit der Antike überlieferte Theorie der Affekte am Beispiel der Scham oder der Eifersucht und nicht zuletzt der des Mythos, wie ihn schon Aristoteles in seiner Poetik und Nietzsche in seiner Tragödienschrift verhandelt haben. Mit in den Blick rücken so zugleich die Entstellungen, die Freuds Texte durch ihre Lektüre bei Jacques Lacan und der darauf aufbauenden französischen Literaturtheorie erfahren haben - Entstellungen, die mit der Psychoanalyse als Anknüpfung an und Widerstand gegen Freuds Werk zugleich zu lesen sind. Die Auseinandersetzung mit Freuds Poetik ist so selbst poetologisch ausgerichtet, als eine Theorie und Praxis, die Freuds Werk erst ermöglicht hat und die Lesbarkeit seiner Texte bis heute begleitet. Wenn Freud das Lesen verändert hat, dann muss die Poetik lernen, Freud wie auch die Literatur mit und gegen Freud zugleich zu lesen - eine Aufgabe, die nach den Maßgaben der Psychoanalyse kein Ende und keinen letzten Grund kennen kann, sondern nur immer neue Anfänge wie den hier gemachten."

Inhalt

Vorwort

Erster Teil. Freud, das Unbewusste und die Literatur
1. Freud und die Poetik der Tragödie

  • 1.1 Freud und die Tragödie
  • 1.2 Freud und die Katharsis
  • 1.3 Ödipus und Hamlet
  • 1.4 Die Tragödie der Kultur: Totem und Tabu
  • 1.5 Die Tragödie des Krieges: Jenseits des Lustprinzips
  • 1.6 Psychoanalyse und Tragödie

2. Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Freud und das Unheimliche

  • 2.1 Freud und das Unheimliche
  • 2.2 Das Unheimliche und die Romantik
  • 2.3 Freuds Umwege der Literatur
  • 2.4 Poetik des Unheimlichen
  • 2.5 Die unheimliche Wissenschaft. Freud und das Drama des Großen Krieges 
  • 2.6 Der Krieg, der Tod und die Trauer
  • 2.7 Freud nach dem Krieg

3. Peinliche Träume. Freud und die Scham

  • 3.1 Psychoanalyse und Scham
  • 3.2 Scham und Peinlichkeit
  • 3.3 Scham und Peinlichkeit in der Traumdeutung 
  • 3.4 Wunschträume – peinliche Träume. Freud und Irma  .....

4. Hässliche Gefühle. Zur Geschichte der Eifersucht in Psychoanalyse und Literatur

  • 4.1 Die Eifersucht – ein hässliches Gefühl?
  • 4.2 Eine kleine Geschichte der Eifersucht
  • 4.3 Freud und die Eifersucht
  • 4.4 Literatur der Eifersucht: Shakespeare und Cervantes
  • 4.5 Cervantes und die Tyrannei der Eifersucht 

5. ›Journeys end in lovers meeting‹. Die Sprache der Liebe in Literatur und Psychoanalyse

  • 5.1 Die Literatur und die Sprache der Liebe
  • 5.2 Freud und die Objektwahl
  • 5.3 Komödie oder Tragödie der Liebe? A Midsummer Night’s Dream
  • 5.4 Der Herzschlag des Gedichts. Goethe und die Spiegel der Liebe
  • 5.5 Houellebecq und das Ende der Objektwahl

6. Furcht und Zittern. Trauma und Psychose bei Racine und Shakespeare

  • 6.1 Lacan und Racine
  • 6.2 Die Schrift und der Glaube in Racines Athalie
  • 6.3 Racine, die Sprache und das Gesetz
  • 6.4 Racine und Shakespeare
  • 6.5 Drama der Ambivalenz: Macbeth
  • 6.6 Verkehrte Gastfreundschaft
  • 6.7 Am Ende
  • 6.8 Furcht und Zittern

Zweiter Teil. Freud aus Frankreich. Psychoanalyse und Postmoderne
1. Freud aus Frankreich

  • 1.1 Zur Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich
  • 1.2 En Lacanie
  • 1.3 Psychoanalyse und Marxismus: Louis Althusser
  • 1.4 Von Freud zu Nietzsche: Michel Foucault und Gilles Deleuze/ Félix Guattari
  • 1.5 Philosophie der Psychoanalyse: Jacques Derrida
  • 1.6 Rückkehr zu Freud?

2. Poetik des Buchstabens. Lacan und die Literatur

  • 2.1 Gelehrte Unwissenheit. Jacques Lacan und die Literatur
  • 2.2 Eintritt durch die Literatur: Lacan und Poe
  • 2.3 Tragödien des Begehrens. Hamlet und Antigone
  • 2.4 Im Reich der jouissance. Lacan und Joyce

3. Der letzte Dreh der Psychoanalyse. Felman und der Akt des Lesens

  • 3.1 Lacan und Felman
  • 3.2 Psychoanalyse und Dekonstruktion: Turning the Screw of Interpretation
  • 3.3 Aporien des Lesens: Felman und Henry James
  • 3.4 Die Macht des Performativen: Felman und Don Juan
  • 3.5 From the literary point of view

4. Kristeva und die Revolution der psychoanalytischen Sprache

  • 4.1 Kristeva und die Poetik
  • 4.2 Kristeva und die Psychoanalyse
  • 4.3 Linguistik und Psychoanalyse: Das Semiotische und das Symbolische
  • 4.4 Die Sprache der Abjektion
  • 4.5 Die Psychoanalyse, das Unbewusste und die Literatur

5. Nachträglichkeit. Laplanche, das Unbewusste und der Rhythmus

  • 5.1 Laplanche und Hölderlin
  • 5.2 Zwischen Freud und Lacan
  • 5.3 Rhythmus und Affekt bei Nicolas Abraham
  • 5.4 Laplanche und der Rhythmus in der Psychoanalyse

6. Prousts Synkopen. Rhythmus und Trauer in Les intermittences du cœur

  • 6.1 Proust, die Zeit und die Zeichen
  • 6.2 Du côté de la mort. Les intermittences du cœur
  • 6.3 Logik des Unbewussten
  • 6.4 Herzrhythmusstörungen
  • 6.5 Glücksversprechen
  • 6.6 Trauerarbeit
  • 6.7 Prousts Synkopen der Erinnerung

Literaturverzeichnis / 1. Quellen / 2. Forschungsliteratur / Nachweise

Der Autor

Achim Geisenhanslüke, geb. 1965, ist seit 2014 Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Literaturtheorie und der europäischen Literatur vom 17.-21. Jahrhundert.

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