Details
| Autor | Mitscherlich, Alexander |
|---|---|
| Verlag | EVA Europäische Verlagsanstalt |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 1993 |
| Format | 19,6 × 11,4 × 1 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | kartoniert |
| Seiten/ Spieldauer | 55 Seiten |
| Reihe | EVA Reden, Band 12 |
| SFB Artikelnummer (SFB_ID) | SFB-005275_AC |
Zu dieser Ausgabe
Das Bändchen versammelt die Laudatio und die Rede des Friedenspreisträgers Alexander Mitscherlichs in einer schönen Ausgabe.
Aus der Preisrede Alexander Mitscherlichs
»Verehrter Herr Bundespräsident, Exzellenzen, meine Damen und Herren, meine sehr geehrten ehemaligen Kollegen vom Buchhandel, den Friedenspreis, den Sie mir heute verleihen, habe ich mit Dankbarkeit angenommen.
In all seinen Teilstücken ist Frieden immer gefährdet; darauf muß man sich wohl einstellen. Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut und eines für das ironische Moment, das hier enthalten ist, habe ich deshalb den Unfrieden beobachtet, der um Preis lind Verleihungsmodus entstanden ist. Dieser Unfrieden hat mich bis in meinen persönlichen Lebensbereich hinein verfolgt.
Erwarten Sie bitte keine laute Schelte. Der Beruf, den ich ausübe, ist kein lauter. Als Psychoanalytiker höre ich zu, suche zu verstehen, bemühe mich, in der Erkenntnis der Konflikte meiner Patienten ihnen ein kleines Stück vorauszusein, um ihnen damit zu helfen. Bei dieser Vorsicht der Beobachtungen muß ich auch in diesem Augenblick bleiben. Ich bitte aber, daraus nicht zu folgern, daß ich nicht des ungeheuren Maßes von Unfrieden und Ungerechtigkeit in der Welt gewahr oder keiner starken Gefühle fähig wäre. Was ich von der Welt in Erfahrung bringen konnte, hat mir nur wenig Hochachtung vor der Weisheit der Herrschenden abgefordert. Ich habe Verständnis für den Haß der Unterdrückten. Wird er aber helfen, in der Zukunft die Humanität zu mehren? Darf ich zu dieser Problematik ein geographisch entlegenes Beispiel, das deshalb gewiß nicht außerhalb der Welt liegt, anführen? Hoffentlich gibt uns die räumliche Distanz zu einem skandalösen Sachverhalt die Möglichkeit, ihn von eigenen Interessen weniger berührt, aber dennoch leidenschaftlich genug zu untersuchen. (...)
In dieser tief reichenden Meinungsdifferenz - ob und wann man für den Frieden kriegerische Mittel einsetzen dürfe - ist Friedensforschung dringend angezeigt. Denn Frieden fällt uns nicht in den Schoß, Frieden zwischen Völkern, die einen weit voneinander entfernten Bewußtseinszustand repräsentieren, Frieden innerhalb sozialer Gruppen, die von oft versteinerten Einzelinteressen gelenkt werden. Da wir schönen Worten zum Trotz nur unter Pein bereitender Anstrengung über egoistische, oft unwahrscheinlich kurzsichtige Zielsetzungen hinauskommen, ereignen sich Kollisionen auf allen Ebenen, von den alltäglichsten Erwartungen bis zu bedeutungsschweren Widersprüchen. Dabei sind drei Unheil gebärende psychische Prozesse im Spiel; alle drei bewußtseinsflüchtig und deshalb Schutzmächte der Selbsttäuschung: der Prozeß der Verschiebung von Affekten auf Einzelne oder Gruppen in der Außenwelt (nicht ich oder wir hassen, die anderen hassen); der Prozeß der Projektion von inneren Konflikten (nicht ich oder wir, die anderen verstoßen gegen Gesetz, Gewissen, Menschlichkeit); schließlich der Prozeß der Verleugnung (ich oder wir haben überhaupt jene schimpflichen Wünsche nicht, die mir oder uns höchst unbilligerweise zugeschrieben werden). Jeder dieser drei Prozesse stützt den anderen. Sie sind ebenso zwischen Individuen am Werk wie im Verkehr ganzer Nationen. In dieser Größenordnung drohen sie politische Gleichgewichtssysteme zu zerstören und haben es immer wieder vermocht. Daraus folgt ein neues Verständnis der Struktur des Friedens. Er muß (psychologisch) als Merkmal eines in ständiger Bewegung befindlichen, und zwar befriedigenden Gleichgewichtssystems affektiver Beziehungen verstanden werden. Freundlicher Kontakt macht auch auf der Ebene harter Realitäten möglich, was bei gespannten oder feindlichen Verhältnissen zur Unmöglichkeit wird. Es ist ein der speziellen Friedensforschung würdiges Ziel zu analysieren, wieviel im Verkehr zwischen BRD und DDR von den Prozessen Verchiebung, Projektion, Verleugnung Gebrauch gemacht wurde, und zwar von beiden Seiten, und wieviel deshalb »unmöglich« wurde (in jedem Hintersinn des Wortes), was objektiv keine unlösbare Aufgabe darstellte.(...)«
Inhalt des Bandes
- Alexander Mitscherlich: Über Feindseligkeit und hergestellte Dummheit - einige andauernde Erschwernisse beim Herstellen von Frieden (Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 12. Oktober 1969 in der Frankfurter Paulskirche)
- Hans Ebeling: Der abhanden gekommene Krieg und die Unmöglichkeit des Friedens
I Zeitvergleich
II Das Verdienst
III Todestrieb?
IV Jugendkatastrophe
V Alles besser als Krieg
VI Friedenslösung
Lieferbarkeitshinweis
Im Archiv der SFB ist dieser begehrte Band der EVA-Reihe als ein annähernd verlagsfrisches Archivexemplare verfügbar; beim Verlag vergriffen.
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