Details

Autor Dahmer, Helmut
Verlag Westfälisches Dampfboot
Auflage/ Erscheinungsjahr 10.2022
Format 21 × 14,8 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 277 Seiten
SFB Artikelnummer (SFB_ID) 9783896910769

»Die Psychoanalyse hob mit Sigmund Freuds genialer Hand den Deckel vom Brunnen, der poetisch die „Seele“ des Menschen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewußtes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren psychischen Kräfte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Brunnens hinabsteigt. muß er die geheimnisvollsten Triebkräfte der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unterwerfen.«

Leo Trotzki in einer ausführlichen Rede zu Problemen der Russischen Revolution, gehalten in Kopenhagen, November 1932

Zu dieser Untersuchung

Galt Helmut Dahmers vorausgegangene Studie ´Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis` (2019) der Klärung des Verhältnisses der Soziologen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zu den Theorien ihrer Kollegen und Zeitgenossen Freud und Trotzki, so steht in diesem Band das Verhältnis Trotzkis zur Freud‘schen Theorie in Fokus. Um Trotzkis Verteidigung der Psychoanalyse, seine Übernahme psychoanalytischer Konzeptionen und die über seine Schriften verstreuten Psychoanalytica zu verstehen, bedarf es nach Auffassung Dahmers der Vergegenwärtigung seines Lebens in der Ära der ´kannibalischen Regime` (Stalins und Hitlers). Dieser Kontextualisierung dienen auch die unbedingt lesenswerten Begleittexte, vor allem der große Essay über die Moskauer Prozesse, den "Archipel GULag" und den Holocaust in diesem Buch.

Aus dem Vorwort des Autors

"In meiner 2019 erschienenen Studie über das in den Geschichten der „Frankfurter Schule“ kaum berücksichtigte Verhältnis der Gesellschaftstheoretiker im Max Horkheimer-Kreis zur Psychoanalyse und zu den zeitgenössischen marxistischen Theoretikern und Gruppen, vor allem zu ihrem Kollegen Leo Trotzki, wurde dessen Verhältnis zur Freudschen Psychoanalyse nur gestreift. Im hier vorliegenden Folge-Band ist ihm der I. Teil gewidmet. Unter den marxistisch orientierten Revolutionären seiner Generation, also der ersten vier Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, nimmt er eine Sonderstellung in. Da ist zum einen seine Rolle in der Revolution von 1905 (als nicht parteigebundener) Inspirator des Petersburger Arbeiterrats, den diese Erfahrung zur Prognose einer „permanenten“ Revolution in Russland motivierte, in der eine Partei der Arbeiterklasse an die Macht kommen und die Aufgaben der noch ausstehenden bürgerlichen Revolution mit sozialistischen Mitteln in Angriff nehmen könne. Zum andern wurde er gerühmt (und gehasst) als Organisator des Oktoberaufstands von 1917 und Verteidiger der Revolution im Bürgerkrieg (1918–1921) an der Spitze der Roten Armee. Seine Kritik der „thermidorianischen Entartung“ der Revolution, ihres Übergangs in den Massenterror (und die Stalin-Despotie) trugen dem von Land zu Land gejagten Revolutionär und seinen Genossen die Verfolgung durch die Gangster der Stalinschen GPU ein. (...)

Drei Jahrzehnte lang hat ihn die Freudsche Psychoanalyse stets wieder beschäftigt, griff er stets wieder auf Freudsche Einsichten und Theoreme zurück, um seine eigene Rolle und die „Psychologie der Massen“ besser zu verstehen.Vor zwei Jahrzehnten hat der französische Psychoanalytiker Jacquy Chemouni die erste gründliche Studie zu Trotzkis Verhältnis zur Psychoanalyse veröffentlicht. Er hat zunächst einmal recherchiert, wer Trotzkis Psychoanalyse-Informanten waren, und dann die wichtigsten „einschlägigen“ Trotzki-Texte (in dessen Schriften und Briefen) ausfindig gemacht und zu interpretieren versucht. Bei der Lektüre seines Buches fällt zum einen auf, dass weder der eigentümliche Charakter der „Psychoanalyse“ als Wissenschaft, noch „der Marxismus“ (Trotzkis) näher bestimmt werden, geschweige denn, dass das Verhältnis der Freudschen zur Marxschen Theorie als Problem gesehen und erörtert würde. Beide werden schlicht als empathisch-intersubjektive und ökonomistisch-soziologische Sichtweise einander konfrontiert. Zum andern bleibt bei Chemouni der historisch-politische Kontext, aus dem heraus Trotzkis Bezugnahmen auf die Psychoanalyse überhaupt erst verständlich werden, bloße Kulisse. (...)

Der Kontextualisierung (nicht nur von Trotzkis Rückgriffen auf die Psychoanalyse) dienen auch die weiteren, in diesen Band aufgenommenen Texte, vor allem die Erinnerung an die Heraufkunft der „kannibalischen“ Regime Hitlers und Stalins, die Trotzki – in der Tradition Luxemburgs und Lenins – zu begreifen und abzuwenden suchte. Der Schatten des barbarischen 20. Jahrhunderts liegt (unerkannt) auch über unserer Gegenwat."

Inhalt

Vorwort

  • Trotzki und die Psychoanalyse
  • Erinnerung an Rudolf Klement
  • Die Moskauer Prozesse und die kannibalischen Regime
  • Die Unabhängigkeit der Ukraine, gestern und heute
  • Zeitperspektiven der Revolution

Literatur

  • (A) Trotzki und die Psychoanalyse
  • (B) Die Moskauer Prozesse und die kannibalischen Regime

Drucknachweise / Namenregister zu Texten und Anmerkungen / Übersicht

Der Autor

Helmut Dahmer, Jahrgang 1937, studierte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft in Bonn, Göttingen (bei Plessner) und Frankfurt am Main (bei Horkheimer, Adorno und Habermas). Zwischen 1968 bis 1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1974 bis 2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Unter seiner Ägide erscheint eine mehrbändige Ausgabe von Schriften Leo Trotzkis. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Wien.

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