Details
| Autor | Gross, Rainer |
|---|---|
| Verlag | Brandes u. Apsel |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 08.2026 |
| Format | 24 × 17 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 260 Seiten |
| ISBN | 9783955584283 |
„Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutende Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das noch länger zu überlegen.“
Sigmund Freud, in: Das Unbehagen in der Kultur In: GW, Band 9. S. 227:
Zu diesem Beitrag
Sigmund Freud sprach von der Sublimierung als einem »Grenzkonzept der Psychoanalyse«. Der Begriff ist in seinem Werk präsent von den frühen Briefen an Wilhelm Fließ bis zu den Spätwerken. Sublimierung bedeutet für ihn einen reifen Abwehrmechanismus, aber sie gilt ihm auch als Motor jeglicher Kulturarbeit. Das Fehlen eines kohärenten Sublimierungs-Konzepts bei - und nach - Freud wurde und wird von vielen AutorInnen moniert.
Bis heute blieb die Sublimierung einerseits ein »Aschenputtel« der Metapsychologie (Civitarese), andererseits aber sei »die gesamte Psychoanalyse ein Effekt der Sublimierung« (André Green). In seinem Buch zeinet der Autor die Entwicklung des Sublimierungsbegriffes sowohl in Freuds Werken als auch bei zahlreichen späteren AutorInnen nach. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den immer noch zu wenig rezipierten Arbeiten Hans Loewalds zum Thema als Bindeglied zwischen triebtheoretischen, ich-psychologischen und intersubjektiven Positionen zur Sublimierung: Für Loewald ist Sublimierung mehr als Abwehr und Triebverzicht - er feiert sie als Versöhnung zwischen frühen, präverbalen dyadischen Erfahrungen des Kindes und den reiferen Ich-Leistungen, zwischen Primärprozess und Sekundärprozess.
Weitere aktuelle Arbeiten zur Sublimierung bis hin zur post-bionischen Feldtheorie werden ebenso vorgestellt wie Texte zur psychoanalytischen Theorie der ästhetischen Erfahrung und des kreativen Prozesses.
Inhalt
Einleitung
Freud - Sublimierung: Kernkonzept und gleichzeitig Leerstelle der Metapsychologie?
- Sublimierung in Freuds Gesammelten Werken
- 1904: Bruchstück einer Hysterie-Analyse
- 1905: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
- 1908: Die »kulturelle« Sexualmoral und die moderne Nervosität
- 1909: Über Psychoanalyse – Fünf Vorlesungen
- 1910: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci
- 1912: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens
- 1912: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung
- 1913: Das Interesse an der Psychoanalyse
- 1913: Triebe und Triebschicksale
- 1913: Die Disposition zur Zwangsneurose
- 1914: Zur Einführung des Narzissmus
- 1915: Übersicht der Übertragungsneurosen
- 1916-17: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
- 1918: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (Der »Wolfsmann«)
- 1921: Massenpsychologie und Ich-Analyse
- 1923: »Psychoanalyse« und »Libidotheorie«
- 1923: Das Ich und das Es
- 1923: Psychoanalyse und Libidotheorie
- 1926: Hemmung, Symptom und Angst
- 1930: Das Unbehagen in der Kultur
- 1933: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
- 1938: Abriß der Psychoanalyse: Sublimierung als eine von drei Möglichkeiten nach »Reorganisation der Libido-Ökonomie« durch »neuerliche Prüfung«
- Das verblüffende Fehlen des Sublimierungsbegriffes in einzelnen Freud-Texten
- Die wenigen Konstanten in Freuds Sublimierungspositionen
- Fragestellungen/Problemfelder/Ideen
- Gibt es unterschiedliche Reinheitsgrade der Sublimierung?
- Spielen/Lernen/Arbeiten: Arbeit und Sublimierung
- Das Konzept der Sublimierung: Nicht ausreichend geklärt, aber überlebensnotwendig für die Psychoanalyse?
- Bei Freud bleibt die Triebregung primär – die Sublimierung daher letztlich nur sekundär als Abwehr
- Sublimierung auf individueller und kollektiver Ebene
Zwischen Freud und Loewald
- Offene Fragen zur Sublimierung - in Freuds Werk und bis heute?
- Einzelne Positionen
- Lou Andreas-Salomé (1912/1913/1917): Sublimierung zwischen schauderhafter Verklärung und Realisation unserer selbst
- Siegfried Bernfeld (1922): Einige Bemerkungen über die Sublimierung
- Siegfried Bernfeld (1931): Die genetische Identität der Formen bei der Sublimierung
- Richard Sterba (1930): Frei verschiebbare Besetzungsenergie als höchste Stufe der Sublimierung
- Edward Glover (1931): Sublimierung, Substitution und soziale Ängste
- Edward Glover (1955): Zu Sublimierung und kulturellen Widerständen
- Sándor Ferenczi (1932): Ohne Sympathie keine Heilung. Das klinische Tagebuch
- Wilhelm Reich (1933): Zu Sublimierung, Reaktionsbildung und genitalem Charakter
- Paul Federn (1936): Ich-Psychologie und die Psychosen
- Barbara Lantos (1943): Arbeit und Triebe
- Géza Róheim (1943): »Sublimation«
- Otto Fenichel (1945), Band I: Sublimierung als erfolgreiche Abwehr oder: Das ungehinderte Fließen der Libido
- Otto Fenichel (1945), Band III: Sublimierung und Charakteranalyse: Vom reaktiven Typus zum Sublimierungstypus
- Heinz Hartmann (1955): Bemerkungen zur Theorie der Sublimierung
- Melanie Klein (1957): Sublimierung/Symbolisierung/Wiedergutmachung
- Donald Winnicott (1957): Sublimierungsprozesse mit Orgasmus?
- Paula Heimann (1959)
- Leo Rangell (1963): Sublimierung und Freundschaft
- Jacques Lacan (1960): Zur Sublimierung (Die Ethik der Psychoanalyse. Seminar, Buch VII)
- Paul Ricœur (1965): Die Frage der Sublimierung und die implizite Teleologie des Freudianismus
- Frederick Hacker (1972): »Sublimation revisited«
- Alexander Mitscherlich (1973): Sublimierung oder Triebunterdrückung?
- Gertrude und Rubin Blanck (1974): Angewandte Ich-Psychologie
- Heinz Kohut (1977): Die Heilung des Selbst
- Jean Laplanche (1980): Sublimierung
- Stavros Mentzos (1982): Neurotische Konfliktverarbeitung
- Anna Freud und Joseph Sandler (1985): Zwischen Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie
- Psychoanalytische Ästhetik 1/Sublimierung und Kreativität
- Ella F. Sharpe (1931): Über Sublimierung und Wahnbildung
- Ernst Kris (1952): Die ästhetische Illusion
- Edith Jacobson (1954) und Phyllis Greenacre (1967)
- Kurt Eissler (1963): Die Synthese von maximalem Trieb und maximaler Vernunft
- Hanna Segal (1952, 1957): Symbolisierungsfähigkeit, depressive Position und Sublimierung95
- Nathan Adler (1986): Sublimierung und Sucht
- Soll man das Konzept der Sublimierung vergessen?
- Lawrence Kubie (1962): The fallacious misuse of the concept of sublimation
- Theodor Reik (1945): Sublimierte Sexualität gibt es nicht
- Zwischenbilanz – fünfzig Jahre nach Freud
Loewald
- Versöhnung statt Verzicht? Hans Loewalds Konzept der Sublimierung
- Stichworte zur Biographie
- Loewalds Versuch einer Integration von Triebtheorie und Objektbeziehungsansatz
- Zwischen Heidegger und Freud: Loewalds Versuch einer (unmöglichen?) Integration seiner beiden intellektuellen Väter
- Hans Loewald (1988): Sublimierung als Versöhnung
- Umwandlungen der Leidenschaft und ihre Schicksale
- Theoretische Fortschritte
- Sublimierung – ein Abwehrmechanismus?
- Symbolisierung
- Illusion
- Subjektivität
- Loewald mit Freud/gegen Freud? Schwerpunktverlagerung auf die präödipale Ebene
- Freud und sein Unbehagen gegenüber der Figur der frühen, mächtigen Mutter
- Zwischenbilanz: Freuds späte Triebtheorie aus Loewalds Sicht
- Freud (1910/1938): Von Leonardo zu Moses, vom Hohelied der Sublimierung zum »Fortschritt in der Geistigkeit«
- Zwei Modelle des psychischen Apparates/des therapeutischen Prozesses »Vertikales Modell« bzw. »Stufen zur Reife« oder »Horizontales Modell« bzw. »Wachstum durch Integration/Balance«
Positionen nach Loewald
- Cornelius Castoriadis (2012): Die Entstehung des Individuums als gesellschaftliches Wesen
- Antonio di Benedetto (1993): Sublimierung als Kunst der Transformation und Formalisierung
- Stephen Mitchell (1995): Sublimierung und Neutralisierung
- André Green (1999): Sublimierung zwischen Objektalisierung und Desobjektalisierung
- Sublimierung als Liebesschicksal
- Moralischer Narzissmus und Pseudo-Sublimierung
- Salman Akhtar (2009): Charakteristika der Sublimierung
- Robert Pfaller (2009): Sublimierung als sexualfreundliche kulturelle Kraft
- Julia Kristeva (2015): Von Angst und Abscheu: Mächte und Grenzen der Sublimierung
- Giuseppe Civitarese (2017): Über die Sublimierung
- Claus-Dieter Rath (2019): Sublimierung und Gewalt
- Sophie de Mijolla-Mellor (2021): Sublimierung als Gegenkraft zur Idealisierung?
- Dominique Scarfone (2023): Der Begriff der De-Sexualisierung als Freuds Deus ex machina?
- Giuseppe Civitarese und Angela Cappiello (2024): Sublimierung als wiedergewonnene Einheit – Loewald und Feldtheorie nach Bion
- Peter Widmer (1990): Die Wichtigkeit der Sublimierung bei Lacan
Psychoanalytische Ästhetik 2
- Reimut Reiche (2001): Psychoanalytische Ästhetik als Formarbeit
- Lothar Bayer (2007): Sublimierung. Zur Metapsychologie ästhetischer Erfahrung
- François Sirois (2008): Über ästhetische Erfahrung
- Eckart Goebel (2009): Jenseits des Unbehagens. Sublimierung von Goethe bis Lacan
- Sebastian Leikert (2012): Sublimierung als zentrales Konzept des ästhetischen Erlebens
- Mathilde Girard (2019): Die Kunst der Sublimierung
- Schöpferische Kreativität und Alltagskreativität
Psychoanalyse und Frankfurter Schule
- Sublimierung: Der Preis der erfolgreichen Abwehr
- Zum Verhältnis zwischen Kritischer Theorie und Psychoanalyse
- Herbert Marcuse: Ein Philosoph zu Chancen und Gefahren der Sublimierung
- Marcuse liest Freud mit Marx (1955): Triebstruktur und Gesellschaft
- »Repressive Entsublimierung« in Marcuses Der eindimensionale Mensch (1964)
- Odysseus hört den Gesang der Sirenen: Eine Parabel vom Sublimierungsprozess?
- Orpheus als Alternative zu Odysseus oder: Sublimierung als Ergebnis erfolgreicher Trauerarbeit?
- Klaus Heinrich (2001): Psychoanalyse
- Axel Honneth (2010): Plädoyer für die Objektbeziehungstheorie
- Amia Srinivasan (2025): Psychoanalyse als Rahmen einer politischen Kritik?
Weitere Überlegungen/Denkanstöße
- Nachträglichkeit/Präsenz/ästhetische Erfahrung/Sublimierung
- Warburg I: Sublimierung in Worte vs. Sublimierung in Bilder?
- Aby Warburg: »Denkräume der Besonnenheit« und »Pathosformeln« als Zivilisationsfortschritt
- Siri Hustvedt (2016): Ästhetische Erfahrung/Denken in Bildern
- Warburg II: Selbstheilung durch Sublimierung? Ein Fallbeispiel
- Das Denken in Bildern und das Denken in Worten
- »Diese Schneidelust…« – Über die Sublimierung aggressiver/sadistischer Triebregungen
- »Denkarbeit« durch Sublimierung sowohl erotischer als auch aggressiver Triebkräfte?
- Things turned thoughts oder: Denken mit den Dingen – Denken durch die Dinge?
- Bücher als Grenzobjekte?
- Sublimierung in Raum/Zeit/Klasse: Ist Sublimierung immer kulturspezifisch
- Sublimierung als Eliten-Programm: Der abschätzige (und neidische?) Blick auf die Massen oder »Genusswissen vs. Sublimierung«?
- Sublimierung als Hilfe zur Entwicklung einer persönlichen Kultur?
- Sublimierung als Anverwandlung der Kultur durch das Subjekt?
- Vertikale und horizontale Komponente der Sublimierung
- Sublimierung als Therapieziel: Steigerung der Leistungsfähigkeit und Genussfähigkeit?
- Einladung zur Sublimierung als Teil einer psychoanalytischen Grundhaltung?
Literatur
Der Autor
Rainer Gross, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie, Psychoanalytiker (WPV, IPA), Lehrtherapeut; mit über 35-jähriger Aerfahrung in der Akutpsychiatrie (bis Ende 2015 Primarius/Chefarzt in Hollabrunn). Seither in freier Praxis in Wien. Publikationen: Der Psychotherapeut im Film (2012); Angst vor der Arbeit – Angst um die Arbeit (2015); Heimat: Gemischte Gefühle (2019); Allein oder einsam? (2021) sowie zahlreiche Artikel und Buchbeiträge.
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