Details
| Autor | Angehrn, Emil |
|---|---|
| Verlag | Meiner, F |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 17.06.2024 |
| Format | 21 × 13 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 100 Seiten |
| Gewicht | 144 |
| ISBN | 9783787346660 |
Zu diesem Buch
In seinem neuen Essay über menschliche Existenz im Spannungsverhältnis zwischen Selbstfindung und Selbstverfehlung fragt Emil Angehrn: Wann sind wir in Wahrheit wir selbst? Wissen wir, wer wir sind und was wir eigentlich wollen? Können wir, sollen wir, wollen wir wahrhaftig sein?
Wahrhaftigkeit scheint eine zwiespältige Idee. Auf der einen Seite gilt sie unstrittig als positive Wertvorstellung. Ehrlich zu sein mit anderen und mit uns selbst scheint ein Ideal, eine Pflicht, ja ein innerstes Bedürfnis zu sein. Wir wollen mit uns eins sein und offen mit unseren Nächsten, von denen wir ihrerseits Loyalität und Aufrichtigkeit erwarten. Wahrhaftig zu sein heißt, unverhüllt unserer selbst gewahr zu werden und authentisch zu leben. Auf der anderen Seite erweist sich Wahrhaftigkeit als fragile, problematische Leitidee. Wir sind unsicher, wieweit wir zur restlosen Klarheit über uns fähig und zur absoluten Offenheit gegenüber anderen bereit sind. Historische Analysen handeln von Lüge und Verdeckung als Mechanismen der sozialen Welt. Kulturkritische Diagnosen verkünden das Ende der Aufrichtigkeit. Auch wenn persönliche Integrität als existenzieller Wert hochgehalten wird, bleibt zu klären, was sie als Idee beinhaltet, ob sie als Norm gelten darf und wie sie im Leben der Einzelnen und der Gesellschaft zu verwirklichen ist. Wir sind uns nicht einfachhin zugänglich, sondern auch fremd. Wir sind nicht ohne Weiteres in der Lage, ›eigentlich‹ zu existieren.
Aus der Einleitung des Autors
"Um ein gutes Leben zu führen, so die herrschende Vorstellung, gilt es nicht nur gerecht zu handeln und moralischen Regeln zu folgen, sondern in alledem mit sich eins, in sich authentisch, man selbst zu sein und aus sich heraus selbstbestimmt zu handeln. Angezeigt ist in solchen Umschreibungen ein Ideal, das für den Einzelnen offenkundig keine bloße Norm oder ein äußeres Sollen darstellt, sondern im Tiefsten mit seinem eigenen Wollen, seinem innersten Bedürfnis verbunden ist. Wahrhaftig ist, wer in Übereinstimmung mit sich, mit den anderen und der Welt lebt und sich als der zeigt und verwirklicht, der er selbst in Wahrheit ist. Und doch ist Wahrhaftigkeit kein unkontroverses, in sich feststehendes Ideal. Dass zu einem gewissen Zeitpunkt von ihrem Ende die Rede sein konnte, ist nicht nur Reflex eines temporären Verfalls oder einer kulturellen Krise. Es ist auch Symptom einer fundamentalen Zwiespältigkeit, die im Ideal selbst, im Kern des Wahrhaftigseins auszumachen ist. Der in mannigfacher Weise artikulierte Vorbehalt gegen die Verabsolutierung der Aufrichtigkeit hat seine Spitze nicht nur in deren Relativierung als Leitidee oder im Hinweis auf ihre Labilität und stets unvollkommene Realisierung. Vielmehr weist er auf einen intrinsischen Zwiespalt, auf eine ambivalente Wertung, gegebenenfalls eine dezidierte Gegenwertung im Umgang mit dem Phänomen des Wahrhaftigen. Der Vorbehalt reicht vom Zweifel, ob es überhaupt möglich sei, konsequent zwischen aufrichtig und unaufrichtig zu unterscheiden, ja ob es uns gelingen könne, restlos aufrichtig zu sein – so ein von Nietzsche artikuliertes Bedenken – , über die These, dass eine bestimmte Weise des Unaufrichtig- und Uneigentlichseins zu unserer normalen, alltäglichen Lebensform gehört – so ein Grundgedanke von Heidegger und Sartre –, bis hin zur kritischen Verwerfung eines falschen Ideals in der postmodernen Aushöhlung ethischer Leitvorstellungen der Aufklärung oder in Adornos Polemik gegen den existenzphilosophischen ›Jargon‹ der Eigentlichkeit. (....)"
Inhalt
1. Einleitung: Wahrhaftigkeit als Ideal?
2. Die Idee der Wahrhaftigkeit
2.1 Wahrhaftig gegen andere: Das Interesse an Wahrheit
2.2 Wahrhaftig mit sich selbst: Facetten der Eigentlichkeit
(a) Das Eigene und das Fremde: Das unvertretbare Selbst
(b) Selbsterschließung, Selbstausdruck, Selbsterschaffung
(c) Selbstsein und Identität
(d) Einheit mit sich, Wirklichsein, erfüllte Existenz
3. Unwahrhaftigkeit und Uneigentlichkeit
3.1 Unzugänglichkeit und Selbsttäuschung
3.2 Selbstfremdheit und Selbstverfehlung
3.3 Existenziale und pathologische Selbstverfehlung
4. Eigentlichkeit zwischen Selbst und Andersheit
4.1 Erschlossenheit und Selbstsein
4.2 Wahrhaftigkeit im Sein mit Anderen
(a) Der Anspruch des Anderen
(b) Die Gabe des Anderen
(c) Befreiung von Selbsttäuschung
5. Zwiespalt und Ambivalenz: Zwischen Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit
6. Der Ausgang vom Negativen
6.1 Methodischer und ontologischer Negativismus
6.2 Dimensionen des Negativen
(a) Theoretische und praktische Negativität
(b) Kontingente und konstitutive Negativität
7. Vom Negativen zum Positiven: Wahrhaftigsein im Uneigentlichen
Anmerkungen / Bibliographie / Namenregister
Der Autor
Emil Angehrn ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Basel. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Antiken Philosophie, dem 19./20. Jahrhundert, der Metaphysik, Geschichtsphilosophie, Hermeneutik und Politik. Zuletzt erschien: Die Zeit des Anderen (Blaue Reihe 2021).
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