Details
| Autor | Bodenheimer, Aron R. (1923-2011) |
|---|---|
| Verlag | Verlag Cordula Haux |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 1994 |
| Format | 21,4 × 12,2 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | OBrosch. |
| Seiten/ Spieldauer | 357 Seiten |
| SFB Artikelnummer (SFB_ID) | SFB-011488_AC |
Zu diesem Beitrag des Autors
»Jene, welche die strikteste Ordnung halten, würgen mit ihrer Ordnung die Möglichkeiten freien Zusammenlebens, sie klemmen die kreative Unordnung ab. - Es kann anders nicht geschehen, denn alles Kreative wächst jederzeit ausnahmslos aus der Unordnung. - Ob in alledem ein Gesetz der Natur liegt, daß es so herauskommt? Jedenfalls entspricht es einer Erfahrungsregel der Geschichte.«
Aus der Einleitung des Autors
Uber die Unordnung - Ein Wort zuvor
"Dieses Buch hat es mit der Unordnung. Will sagen: mit einem Thema, welches sich aus sachimmanenter Notwendigkeit dem bedächtigen, konsequenten Abgehandeltwerden entzieht. Dies deshalb, weil elementare Redlichkeit gegenüber Leserin und Leser vom Autor, was immer er vorzubringen hat, das Mögliche an Entsprechung von Form und Stoff, auch von Form mit Inhalt fordert. Und folgerichtig gebietet, daß er es unterlasse, ordentlich über Unordnung zu schreiben. Versuchte dennoch jemand etwas dergleichen, so würde ihm ineins damit das Wesentliche an der Unordnung, an der Kreatürlichkeit, die in ihr lebt, und diese macht zugleich deren kreative Kraft aus, verlorengehen; mit der Kraft dann ineins das Potential an rumorender Provokation, welche getreu unserer Thematik - Unordnung - dem Weiterdenken, dem Quer- und Entgegendenken einer engagierten Leserschaft weit mehr Achtung spendet als gehorsam einverständigem Mit- oder Entlangdenken. Eine entscheidend lebens-, auch zusammenlebensfördernde unter den Einsichten, die ich gern aufkommen ließe, würde damit notwendig durch ordnungsgerechte Darstellung unterdrückt: daß Unordnung nicht ein verarmender, bedauerlicher Mangel an Ordnung und Gesetz ist, sondern ein Eigenständiges, -wertiges zu jenen trägt, welche sie zulassen, die Unordnung, und nicht sogleich aus Angst vor Identitäts- und Autoritätsverlust nach Ordnung rufen. Nehmen Sie es denn, Leserin und Leser, als Zeichen von Wertschätzung gegenüber Ihrem wachen kritischen Sinn, Ihrer Fähigkeit mithin, neu gewachsene, von dieser Schrift ermutigte Zweifel von sich aus in den Stoff hinein zu tragen und so mit Ihrem Eigenen anzureichern, was ich hier zu entwickeln trachte, wenn Ihnen die folgenden Gedanken und Anregungen als Herausforderungen angeboten werden. Wenn ich also das Vorzubringende, welches oft manchen Blick- und Lichtstrahl reflektieren, beugen, brechen und so das gesetzhaft neutrale Weiß in viele Farben auflösen mag, nicht prächtig geschliffen und kostbar gefaßt vorlege, unberührbar wie hinter Panzerglas, als wäre es ein Kronschatz, wie er da für alle Zeiten gültig unverrückbar daliegt und sich nicht ändert noch seinerseits etwas verändert. Sondern wenn das zu Ihnen kommt wie all die harten Steine, auf die man beim Graben und Bohren stößt - dort unten, wo sie einmal geworden sind; dort, wo sie ständig weiter wachsen: im kochenden Kot des Erdleibes, in dessen Schründen und dunkel gärender Tiefe, wo das Gold sich abscheidet und die Brillanten sich bilden, aber gar nicht zauberhaft schön geformt, sondern rauh. Oder auch dort, im Tang und Schmutz, im Abraum, wo ein Hartes gegen Widerstand, von außen nicht wahrzunehmen, sich entwickelt, wie die Perle gegen ihre bergende Muschel, zu deren Schmerz, nicht Schmeichel, und nicht um des Wertes der Schönheit willen, sondern zum Zwecke der Abscheidung von Unwillkommenem, als Störung einer eingelaufenen Ordnung in der harten Hülle der beiden Schalen.- Übrigens hätte ein einfaches und durchaus gebräuliches Mittel sich angetragen, um der Aufnahme des hier Dargebotenen mehr Entgegenkommen zu sichern: Ich hätte es bloß als eine Auswahl aus Tagebucheintragungen präsentieren oder auch als Sammlung von Aphorismen zu überschreiben brauchen, und das Ganze wäre akzeptabel herausgekommen. Was soll ich aber tun, es ist nun mal keines von beiden, sondern ein kontinuierlich Gewachsenes, entstanden aus Erwägungen, Zweifeln, Bedrängnissen - und wären es vorwiegend die eigenen, aber darein haben sich die Probleme gedrängt, die mir begegnet sind mit Leuten und Gruppen von zwei Kontinenten, aus vielen Welten und Schicksalen, welche ich zu teilen versucht, bisweilen zu bewältigen, manchmal zu bessern vermocht habe. Was daraus geworden ist, blieb in diesen Blättern drin, es gab keinen Grund, es heraus zu lösen.
Gewachsen ist das Ganze aus Gedanken, die vor nunmehr drei jahren, im frühen Oktober 1991, vorgetragen worden sind. Anlaß war damals eine Einladung der Universität Oldenburg, deren couragierter Präsident es endlich durchgesetzt hatte, daß sein Institut den Namen Carl von Ossietzkys trage, jenes deutschen Publizisten, der sich mit beispielloser Unbelehrbarkeit der allgemein begrüßten neuen Ordnung entgegen zu stellen wagte und dafür sein Leben gegeben hat. »Deutschland in der neuen Welt(un)ordnung«, so lautete das Programm des Kolloquiums, zu dessen diskursiver Abhaltung wir von Prof. M. Daxner aufgefordert waren. Mich reizte - und beschäftigt seitdem - die provokative Verneinung, die, zwischen Klammern in ein Wort eingefügt, den Titel des Gespräches zerschnitten und so mit sprengendem Zweifel aufgeladen hat: Welt(un)ordnung. In den drei Jahren seitdem hat manches sich zugetragen. Weniges Erfreuliche darunter. Manches jedoch, wovon Leserinnen und Leser finden mögen, daß es, um diese Schrift up to date zu halten, deren Erscheinen mithin zu rechtfertigen, unbedingt noch mit hinein gebacken gehörte. Wenn von dem Neuen und .Allerneuesten kaum was darin sei, so lasse das Buch Aktualität vermissen und sei also längst nicht mehr lesenswert. Man will auf dem Laufenden gehalten bleiben, vor allem will man mitreden und -urteilen.
Ich nehme es auf mich, diese Art Lesenswertigkeit anderen zu überlassen; Leuten, die es - bewundernswert genug - fertigbringen, sogleich, noch im Windschatten der Geschehnisse, ihre Erkundungen gültig abzuschließen und mit hieb- wie stichfest sicheren Kommentaren zu versehen. Mehr oder andere Probleme gibt es für sie keine, die Sache ist damit erledigt, endgültig. Ich bringe dergleichen nicht fertig. Die Dinge quälen und machen zweifeln, und nicht zunehmend minder, vielmehr durch alles, was hinzu kommt, immer noch mehr. Was aber die Begebnisse in der Welt angeht: Diese werden darüber, trotz der steigenden Sensation, die sie liefern, immer monotoner. Was sich wandelt - wandeln könnte - wandeln sollte -, ist einzig die Art unseres Angehens dieser Begebnisse wie der Auffassungen, welche wir dem Angehen zu Grunde legen. Die Dinge bleiben dieselben, und die Begebnisse wiederholen sich in ermüdender Gleichförmigkeit. Nicht freilich, weil sie in der Natur des Weltlaufes so stereotyp angelegt sind, sondern weil wir es sind, die sie durch unsere Gewohnheiten, welche zu Sitten wurden und die wir als Sittlichkeiten unmodifizierbar zu wahren trachten, in der Starre unserer Ordnungen verharrend, immer unverändert berufen. Es wird nichts anderes, weil das Werden des Andern ängstigt und das Bestehende prophylaktisch für das Beste deklariert wird; als das einzig Gute. Nichts kann sich verändern, weil nichts sich verändern darf; weil wir das Ungewohnte, das uns stört, sogleich in den Abraum stoßen; es herablassen in die Höhle, Hölle, alles Dunkle, Unvertraute, weil es uns beschmutzen könnte. Und weil wir uns dann nicht mehr darum bekümmern, was alldem widerfährt, was da unten gärt und wuchert, entsystematisiert, unordentlich, gesetzlos. Droben hüten wir währenddessen das Helle, Lichte, das Ordentliche und Gesetzhafte; und fördern einzig dies, was aus dieser bleichen Ordnung zurecht zu kommen verspricht. Das zu Erwartende, welches weder stört noch erschreckt. Das Realistische, welches sich an geforderte Realitäten hält, samt den prächtigen, vergoldeten Phantasmen, zusammengerührt aus den Gebilden jener Wahrheit wie auch Schönheit, und beide sind sie eines, welche sich daraus entwickeln. Wogegen das Anarchische drunten, mit den Utopismen, die es in seinen Dünsten entwickelt, in den Schmutzknäueln, aus denen es dröhnt und dräut, jene droben nur belästigt und ängstigt. Oben vermeidet man angstvoll, unten zeugt sich fortdauernd Leben; neues Leben; Möglichkeit anstelle von Wirklichkeit. Und gewachsen aus dem Herabgestoßenen. Die nämliche brodelnde Unordnung ist, wie angedeutet, in diese Schrift eingeflossen. Inmitten derselben könnte dennoch ein stetig sich fortwindender, oft vorquälender Verlauf ihres zentralen Gedankens auszumachen sein, welcher von einer Auseinandersetzung mit den Ordnungen des Denkens und Redens übergeht zur Diskussion jener Ordnungen, welche droben das Leben gesetzhaft formen und behüten; schließlich fortschreitet zum Hinweis auf jene Bedingungen, die das Zusammenleben bestimmen; immer also die Ordnungen zeigt und die Wirkkraft der Unordnung, deren schöpferisches Potential ich will ahnen lassen. Roh kommt es, wie gesagt, ungeschliffen, und mitten aus dem Kot. Aber dennoch, oder erst recht, reflektierend, beugend, brechend: das Licht wie die Strahlen des Blicks. Ständig störend. Dies deshalb und aus Absicht, weil nur das Stören und Gestörtwerden und Sichstörenlassen zu bewegen vermögen. Weil aber, wichtiger noch, einzig das Stören vor dem Zerstören zu bewahren weiß. Weil es herausfordert, das ist: pro-voziert, also (von unten) herauf ruft. Und damit Gewißheit in Meinung wandelt. In, Leserin und Leser, Ihre Meinung; in Ihre eigene Meinung. Und einzig diese ist, gleich ob Zustimmung oder Widerspruch, am liebsten Zweifel, wesentlich: Ihre Meinung. Diese will ich durch das Mittel meines Sagens ermutigend anstoßen: eine neue Meinung. — Die Schrift ist den Freundinnen und Freunden von Bielefeld, besonders AF, zugedacht. In entfernten guten Stunden mit ihnen hat manches von dem hier Vorgelegten die Ordnung verloren, die es sich vordem bewahrte, und dafür neuer Ahnung Raum gegeben."
Tel Aviv und Zürich, im Frühjahr 1994 A. R. Bodenheimer
Der Autor
Aron Ronald Bodenheimer (15. August 1923 in Basel – 30. Januar 2011 in Zürich) war ein Schweizer Mediziner, Psychiater, Psychoanalytiker und Autor provokanter Essays und Bücher. - Aron Ronald Bodenheimer studierte Medizin und wurde 1949 zum Doktor der Medizin promoviert. Er war akademischer Lehrer in Haifa und Tel Aviv und lehrte als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Europa und den USA.
1971 wurde Bodenheimer auf eine Professur für Psychiatrie und Psychotherapie nach Tel Aviv berufen. Ab 1978 lehrte er auch in Haifa. Von 1971 bis 1975 war er Chefarzt der Psychiatrie des Universitätshospitals Tel HaShomer («Sheba Medical Center») bei Tel Aviv. 1991 bekam Aron Ronald Bodenheimer die Ehrendoktorwürde der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg verliehen.[1] Nach seiner Emeritierung lehrte er in Basel jüdische Studien.[2][3] Aron Ronald Bodenheimer ist verwandt mit Max I. Bodenheimer und Alfred Bodenheimer. (...)" [Gekürzt zitiert aus Wikipedia]
Lieferbarkeit / Erhaltungszustand
Die SFB verfügt über zwei annähernd verlagsfrische Archivexemplare dieses begehrten und ausnehmend schwer zu findenden Buches des Autors; innen absolut frisch. - Sehr selten!
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