Details

Autor Gekle, Hanna
Verlag Brandes u. Apsel
Auflage/ Erscheinungsjahr 04.2026
Format 24 × 17 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 300
ISBN 9783955584146

Zu diesem Beitrag

Kann die psychoanalytische Fallgeschichte eines Einzelnen für die Erklärung historisch-gesellschaftlicher Prozesse im Allgemeinen und speziell des Antisemitismus einen erkenntnisrelevanten Beitrag leisten? Kann die Darstellung einer solchen Lebensgeschichte, wie diese sich in der analytischen Therapie darztellte und entfaltete, möglicherweise dazu beitragen, Zivilisationsbrüche wie insbesondere den des Holocaust besser, tiefengeschärft, zu verstehen? 

Diese Fallgeschichte rekonstruiert dabei auch die Wirkmacht der transgenerationalen Weitergabe des Antisemitismus nationalsozialistischer Eltern an den Sohn in zweiter Generation. Hanna Gekle rekonstruiert im ersten Teil die dramatische Geschichte dieser Analyse, die Phasen höchster Belastung der bgeiden Beteiligten standhalten musste, während der zweite Teil eine doppelte Ausrichtung hat: Zum einen dient er der theoretischen Begründung dieser Analyse, zum anderen wendet er zentrale Kategorien der Psychoanalyse selbstkritisch gegen sie selbst und fragt nach deren Veränderung durch den Zivilisationsbruch des Holocaust.

Konzentriert sich die psychoanalytische Praxis ausschließlich auf das Individuum, so zeigt ihre Theorie, dass die Psyche tief eingelassen ist in den gesellschaftlichen und kulturellen Prozess, also auch in die Vergangenheit. Die dort zu verortende Schuld verlängert sich in die Zukunft, sofern es nicht gelingt, die bewusste und vor allem unbewusste Identifikation mit der Generation der Nazieltern, wie in diesem Fall, aber auch die Identifikation mit den Nazigroßeltern aufzulösen. Der gegenwärtig wiedererstarkte Antisemitismus spricht eine unüberhörbare Sprache.

Aus dem Vorwort der Autorin

"Im Zentrum dieses Buches steht eine psychoanalytische Fallgeschichte. Genauer: Es ist die Fallgeschichte eines Mannes, der, wiewohl fast zehn Jahre nach Kriegsende geboren und politisch ein entschiedener Linker, auf der Ebene seines Unbewussten tief von der Naziideologie infiltriert war und mich, seine Analytikerin, deshalb zwanghaft als »Judenhure« beschimpfen musste. Wie war das möglich? Und was steckte dahinter?

Aber von vorne. Da ist als Erstes die Frage nach der Fallgeschichte. Bereits das Wort verrät, dass es sich um etwas Zusammengesetztes handelt; Fallgeschichten sind beides: Fälle und Geschichten. Was aber ist ein Fall? Noch dazu ein psychoanalytischer? Und was ist eine Geschichte? Fall - das unterstellt zwar nicht die Allgemeinheit einer stets anwendbaren Regel, aber auch nicht den bloßen Zufall der Individualität. Denken in Fällen - das machen die Juristen, die die Allgemeinheit des Gesetzes auf den jeweils individuellen Fall herunterbrechen müssen und ihm gerecht werden wollen: als diesem besonderen Individuum. Besonderheit ist das Stichwort. Fall bedeutet die Verbindung des Allgemeinen mit dem Einzelnen zum Besonderen. Denken in Fällen ist demnach die Kunst, das abstrakt Allgemeine der universellen Regel mit den einzigartigen Ausprägungen im Individuellen so zu verbinden, dass der konkrete Fall weder ausschließlich der Regel unterworfen wird, aber auch nicht in der unreduzierbaren Würde des Einzelnen sich dem Verstehen verweigert. Er verbleibt im Allgemeinen, soweit er die Regel nicht verletzt, aber er ist trotzdem nicht aus der Regel deduzierbar, sondern konkretisiert diese durch die Besonderheit seiner Ausprägung. Analog dazu ist der Erkenntnisanspruch der Fallgeschichte. Niemals kann sie die strenge Gültigkeit allgemeiner Gesetzmäßigkeit für sich verlangen, aber ihr Ehrgeiz strebt über die individuelle Beliebigkeit hinaus, indem sie in der Konzentration auf das Einzelne das Allgemeine aufscheinen lassen will. (....)

Psychoanalytische Fälle haben eine Geschichte, aber vor allem entwickeln sie selbst eine Geschichte - und obendrein sind sie eingebettet in den größeren Zusammenhang der Geschichte einer Gesellschaft und Kultur. Ich beginne mit der Individualgeschichte. Wer sich entscheidet, einen Psychoanalytiker aufzusuchen, hat bereits eine Vorgeschichte. Manchmal wissen die Analysanden um die Genese ihrer Symptome, oll aber auch nicht, sondern präsentieren sie als geronnene Leidensgeschichte aus der Vergangenheit. Im Normalfall entfaltet sich das Symptom zu einer Bcziehungsgeschichte - allerdings nun im neuen Rahmen der Analyse. I Im die Macht des Affektiven wiederzubeleben und zugleich einzufangen, ist cs üblich geworden, sich auf die Übertragung des Patienten und die (iegenüberlragung des Analytikers im Hier und Jetzt zu konzentrieren. Wieviel daran Wiederholung der Vergangenheit nach Maßgabe der unbewussten Konflikte des Analysanden ist, wieviel an Neuschöpfung in die Wiederholung eingeht - daran scheiden sich die Geister. Gewiss jedenfalls ist, dass die Wiederholung im Hier und Jetzt der analytischen Situation bereits als solche ein Moment des Neuen hat: Der Analysand kommt, weil er die Veränderung will - auch wenn er sich dagegen wehren wird; vor allem aber ist er nicht mehr in der kindlichen Situation der Abhängigkeit - auch wenn er sich oft so fühlt. Schon deshalb reicht eine bloß genetische Betrachtungsweise als Erklärung nicht aus, sondern sie muss um eine strukturelle erweitert werden. Denn für den Erwachsenen bestimmt das Zusammenspiel von Es, Ich und Über-Ich wie sich die psychischen Bedeutungen formieren, ja, es können nachträglich verlorene Erinnerungen auftauchen oder neue Zusammenhänge gestiftet werden, die rückwirkend die Sicht auf die Vergangenheit grundlegend verändern, nachdem zum Beispiel das Über-Ich seine Strenge gelockert hat. Nachträglichkeit der Erinnerung und eine potenziell lebenslange Umschrift der eigenen Vergangenheit sind unverzichtbare Konzepte für das psychoanalytische Verständnis. Deshalb findet die genetische Rekonstruktion der individuellen Lebensgeschichte ihre theoretische Begründung in der Metapsychologie.

Das Auffällige dieser Analyse liegt im Symptom des Antisemitismus; aber der Analysand - ich nenne ihn Herrn A. - war sich dessen zu Beginn der Analyse keineswegs bewusst. Das Wort wie der Vorwurf »Judenhure« tauchte erst innerhalb der Analyse auf. Demnach handelte es sich nicht um eine Wiederholung, nicht um eine Wiederkehr aus der Verdrängung, sondern um eine Neuschöpfung! Bewusst war dieses Symptom eine Katastrophe für Herrn A. und er fürchtete, ich würde die Analyse abbrechen; unbewusst aber zielte es ins Zentrum seiner psychischen Konflikte. Das Symptom erhielt sich nahezu über den gesamten Zeitraum der Analyse; seine Auflösung war so schwer, weil es gleich mehrere unbewusste Bedeutungen in sich verdichtete: Es deckte das historische Familiengeheimnis ab, in das ihn die Eltern mit hineingezogen hatten; zweitens hatte er darin seine Phantasien über seine »wahre« Herkunft, also seinen unbewussten Familienroman, untergebracht; und drittens verbarg sich darin seine eigene existenzielle Wahrheit, die er sich aber buchstäblich bei Strafe des eigenen Untergangs nicht eingestehen konnte, solange sie mit der Ideologie der Nationalsozialisten aufgeladen war. Lange Zeit präsentierte er nur die undurchdringliche Oberfläche des Symptoms, während er dessen unbewusste Motivierung teils agierte, teils verschwieg. Je mehr es gelang, seine psychischen Konflikte zu bearbeiten, die zunächst wenig mit seinem Antisemitismus zu tun hatten, desto mehr erfuhr ich zugleich über die Hintergründe des Symptoms. Deshalb ist diese Analyse erstens die Geschichte einer Auflösung neurotischer Symptome, zweitens ist es die Geschichte der Aufdeckung einer verschütteten familiären Wahrheit und drittens ist es die tragische Geschichte der Enthüllung der subjektiven Wahrheit von Herrn A. selbst. (....)"

Inhalt

Vorwort

Teil I: Die Fallgeschichte: Wer bist Du – und wer bin ich?

  • Zum historischen und gesellschaftspolitischen Rahmen des Antisemitismus
  • Der Auftakt: Warum kommt er? Warum jetzt?
  • Aus der biografischen Vergangenheit
  • Die Geburt der Gegenwart aus dem Ghetto
  • Dick und Doof als Väter der Wissenschaft
  • Der Traum vom toten Vater und seinen Hieroglyphen
  • Die Wette mit Freud – Zwischen Faust und Schreber
  • Aufstieg des NS im Hier und Jetzt: die »Judenhure«
  • Traum des Geständnisses? Josef Mengele und das zerschnittene Stimmband
  • Film der Verleugnung: Schindlers Liste
  • Von Kindern, Mord und Männern: die sadomasochistische Übertragung
  • Von den Partialobjekten zur Bisexualität
  • Schlange und Faun: Bild und Musik der Sexualität
  • Mein schöner SS-Mörder – Halluzinatorisches Begehren zwischen Mord und Selbstmord
  • Liebestod mit der SS
  • Anstatt Trauer: Wahn der Melancholie
  • Abschied von den Eltern
  • Abschied von der Analys

Teil II: Zum theoretischen Verständnis: Wer ist die »Judenhure«?

Begriffsbestimmung: Trias von Sexualität, Moral und Narzissmus

  • Sexualität als Blut- und Rassenschande
  • Zwischen der Härte des Gesetzes und der Bestechlichkeit des Narzissmus: Über-Ich und Ich-Ideal
  • Vom moralischen Sollen zum rücksichtslosen Größenwahn: Ich-Ideal und Ideal-Ich

Zur Moral und ihren Pathologien

  • Die Melancholie
  • Sadomasochismus, moralischer Masochismus und das asketische Ideal
  • Gestalten des Orphischen: das Hören, die Stimme und die Musik
  • Entlehntes Schuldgefühl und transgenerationale Weitergabe

Was wird aus den Urphantasien nach Auschwitz?

  • Der Ursprung und die Ursache, die Urszene und die Urphantasien
  • Die Verführung als sexualisierte Gewalt
  • Die Urszene

Kastration, Kastrationsphantasie und Kastrationskomplex

  • Die Kastration als historische Qualität
  • Der Kastrationskomplex in der Psychoanalyse
  • Die Verleugnung der Kastration bei Herrn A. und ihre Folgen
  • Die symbolische Kastration als Denkstörung

Die Stellung der »Judenhure« im Ödipuskomplex

  • Zur Theorie des Ödipuskomplexes heute
  • Wenn Laios und Jokaste Nationalsozialisten sind
  • Im Nachklapp der 68er-Bewegung
  • Die »Judenhure« als doppelte Verwerfung von Nazihure und Homosexualität
  • Die Analyse als Prozess der Wahrheitsfindung

Dank / Literatur

Die Autorin

Hanna Gekle, Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte. Promotion 1982 in Philosophie unter dem Titel Blochs Philosophie des Noch-Nicht-Bewussten und Freuds Theorie des Unbewussten (1985). Zusammenarbeit mit Ernst Bloch von 1970 bis zu seinem Tod 1977, zuletzt als wissenschaftliche Assistentin. Studium der Psychologie von 1977, Diplom 1982; Ausbildung zur Psychoanalytikerin der DPV/IPV 1982 bis 1989; angestellte Psychologin an der Psychotherapeutischen Beratungsstelle Tübingen; wissenschaftliche Angestellte am Religionswissenschaftlichen Seminar Tübingen; wissenschaftliche Angestellte am Sigmund-Freud-Institut ab 1989; seit 1999 niedergelassene approbierte Psychoanalytikerin in eigener Praxis; seit 2018 Lehranalytikerin der DPV/IPV; Stiftungsratsmitglied der Ernst-Bloch-Stiftung Ludwigshafen; zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich Philosophie, Literatur, Kunst sowie Theorie und Klinik der Psychoanalyse. Jüngste Veröffentlichungen: Der Fall des Philosophen – Eine Archäologie des Denkens am Beispiel von Ernst Bloch 1918; Die Komödie als Tragödie des Über-Ich: oder wie sich Kleists Richter Adam als Ödipus der Moderne in die Wahrheit lügt.

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