Details
| Autor | Said, Edward W. (1935 – 2003) |
|---|---|
| Verlag | S. FISCHER |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 09.09.2009 |
| Format | 22 × 15 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Hardcover |
| Seiten/ Spieldauer | 464 Seiten |
| Gewicht | 669 |
| ISBN | 9783100710086 |
Zu diesem Beitrag
Die Neuausgabe des Klassiker in einer neuen Übersetzung. Aktueller denn je.
In seiner aufsehenerregenden Studie entlarvt Edward Said das Bild des Westens vom Orient als zutiefst einseitig und als eine Projektion, indem der »Orient« schlicht als »anders als der Okzident« verstanden wurde. Er verfolgt die Tradition dieses immer wieder gernekolportierten ´Missverständnisses` durch die Jahrhunderte, in denen Europa den nahen und mittleren Osten dominierte. Said zeigt in seiner Studie auf, wie auch heute noch dieses Bild den Westen beherrscht.
Weil es dem Orient dadurch verwehrt werde, sich selbst zu repräsentieren, werde eintieferes und rational begründetes Verständnis der Kulturen zu beiseitigem Nachteil verhindert. Gerade heute, fast vierzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen, hat dieser Klassiker der Kulturgeschichtsschreibung nichts an Aktualität eingebüßt – ganz im Gegenteil.
Aus der Einführung des Autors
"(....) Während des entsetzlichen Bürgerkriegs von 1975/76 hatte ein französischer Journalist Beirut besucht und von dort wehmütig über eine ausgebrannte Innenstadt berichtet, »die einst direkt dem Orient Chateaubriands und Nervals entnommen schien«.1 Diese literarische Reminiszenz passt durchaus, zumal aus der Sicht eines Europäers: War doch der Orient fast eine europäische Erfindung und hatte seit der Antike als ein Märchenland voller exotischer Wesen gegolten, das im Reisenden betörende Erinnerungen an traumhafte Landschaften und eindringliche Erlebnisse hinterließ. Jetzt löste er sich auf. In gewissem Sinne gab es ihn schon nicht mehr, seine Zeit war vorbei. Vielleicht spielte es überhaupt keine Rolle, dass dadurch auch die Orientalen selbst etwas verloren, dass dort schon zu Chateaubriands und Nervals Zeiten Orientalen gelebt hatten und sie nun die Leidtragenden waren. Dem europäischen Besucher jedenfalls ging es hauptsächlich um die europäische Darstellung des Orients und seines damaligen Schicksals, an dem der Journalist und gewiss auch seine französischen Leser regen Anteil nahmen.
Amerikaner werden den Orient etwas anders sehen, da sie ihn demgegenüber in erster Linie mit dem Fernen Osten (insbesondere China und Japan) assoziieren. Im Unterschied zu ihnen haben Franzosen und Briten - und in geringerem Maße auch die Deutschen, Russen, Italiener, Spanier, Portugiesen und Schweizer - eine lange Tradition dessen, was ich als Orientalismus bezeichne, das heißt eine Umgangsweise mit dem Orient, die auf dessen besonderer Stellung in der europäisch-westlichen Erfahrung beruht. Der Orient grenzt nicht nur an Europa, er barg auch seine größten, reichsten und ältesten Kolonien, ist die Quelle seiner Zivilisationen und Sprachen, sein kulturelles Gegenüber und eines seiner ausgeprägtesten und meist-variierten Bilder »des Anderen«. Überdies hat der Orient dazu beigetragen, Europa (oder den Westen) als sein Gegenbild, seine Gegenidee, Gegenpersönlichkeit und Gegenerfahrung zu definieren. Dennoch ist nichts an diesem Orient bloß imaginär. Vielmehr gehört er als fester Bestandteil zur tatsächlichen Zivilisation und Kultur Europas, und der Orientalismus bezeugt diese Teilhabe kulturell, oder eher ideologisch, als eine Diskursform mit den sie tragenden Institutionen, dem entsprechenden Fachwissen, Vokabular und Symbolfundus, mit eigenen Doktrinen, sogar mit Kolonialbürokratien und Kolonialstilen. Dagegen muss das amerikanische Orient-Verständnis erheblich diffuser erscheinen, obwohl die jüngsten Abenteuer der USA in Japan, Korea und Indochina eigentlich für ein eher nüchternes und realistisches Bild »des Orients« sorgen dürften. Im Übrigen stellt das gewaltig erweiterte politische und ökonomische Engagement Amerikas im Nahen Osten sehr hohe Anforderungen an unser Verständnis jenes Orients.
Hier schon (spätestens jedoch am Ende dieser umfangreichen Studie) sollte dem Leser klar sein, dass ich mit Orientalismus mehrere, in meinen Augen eng miteinander verbundene Dinge meine. Auf breitester Basis anerkannt ist die Orientalistik als eine akademische Disziplin, und in der Tat verwendet man dieses Etikett nach wie vor in einer Reihe von universitären Institutionen. Jeder, der sich in Lehre, Schrifttum und Forschung mit speziellen oder allgemeinen Fragen des Orients befasst - ob nun als Anthropologe, Soziologe, Historiker oder Philologe -, ist ein Orientalist und treibt als solcher Orientalistik. Allerdings sprechen Experten heute lieber von Orientstudien oder Regionalstudien als von Orientalistik, weil ihnen dieser Begriff zum einen zu vage und allgemein ist und weil darin zum anderen die exekutive Selbstherrlichkeit des europäischen Kolonialismus aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert mitschwingt. Gleichwohl erscheinen aber noch Bücher und finden Kongresse statt zum Thema »der Orient« und stellen den Orientalisten, ob im alten oder neuen Gewand, als ihre maßgebliche Autorität heraus. Kurz, auch wenn es die Orientalistik eigentlich nicht mehr gibt, lebt sie doch in akademischen Lehrsätzen und Theorien über den Orient und das Orientalische fort. (....)"
Inhalt des Bandes
Einführung
I Die Bandbreite des Orientalismus
- Das Wissen über den Orientalen
- Die imaginäre Geographie und ihre Darstellungen: Orientalisierung des Orients
- Große Projekte
- Die Krise
Strukturen und Strukturierungen des Orients
- Abgrenzung, Umdeutung, Säkularisierung
- Silvestre de Sacy und Ernest Renan: Rationale Anthropologie versus Sprachlabor
- Der Orient in Forschung und Wissenschaft: Die Erfordernisse der Lexikographie und der Imagination
- Britische und französische Pilger und Pilgerfahrten
Orientalismus heute
- Latenter und manifester Orientalismus
- Stil, Expertentum, Vision: Der Kontext des Orientalismus
- Der moderne anglo-französische Orientalismus in voller Blüte
- Die jüngste Phase 327
Nachwort von 1994 / Vorwort von 2003 / Danksagung / Anmerkungen / Register
Der Autor
Edward W. Said (1935 – 2003) wurde in Jerusalem geboren und verbrachte seine Kindheit in Kairo. Nach seinem Studium in Princeton und Harvard lehrte er Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University sowie in Harvard und Yale. 2002 erhielt er gemeinsam mit Daniel Barenboim den Prinz-von-Asturien-Preis für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung.
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