Details

Autor Lickint, Klaus Gerhard
Verlag Königshausen u. Neumann
Auflage/ Erscheinungsjahr 12.2000
Format 23,5 × 15,5 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 614 Seiten
Gewicht 908
SFB Artikelnummer (SFB_ID) SFB-002993_AC

Zu diesem Beitrag

Erstmals, so der Autor, steht mit diesem umfassenden Beitrag eine vollständige und systematische Darstellung Nietzsches als Psychoanalytiker zur Verfügung.

Schritt für Schritt führt sie in 19 Kapiteln mit 150 Abschnitten zugleich in das ›historische Psychoanalysieren‹ ein - und damit in Bau und Entwicklungsgeschichte unserer Kulturneurose. In über 1100 kommentierten Zitaten kommt Nietzsche selbst zu Wort; über 110 Hinweise auf die psychoanalytischen Werke Freuds verdeutlichen beiläufig dessen Herkunft von Nietzsche sowie beider Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nietzsches bahnbrechendes kritisches Grundverständnis von Psyche, Denken und Geschichte, sein ›historisches Philosophieren‹, wird herangezogen, sofern es seine Psychoanalytik beleuchtet.

Über Freud hinaus ist sie wahrscheinlich der wirksamste Weg, trotz unablässigem Ansturm der einzelnen Neurotik und umringt von einer lebensfeindlichen Kulturneurotik so gesund als möglich zu werden und zu bleiben. Das kritische Buch verdankt den außerordentlichen Gewinn, den es jedem bringt, Nietzsches unbeirrbarer, vor nichts zurückweichender oder Halt machender Analytik, also seiner Kraft zur radikalen Infragestellung alles Bekannten und Bewußten. Sie entsprang nicht zuletzt seiner Beherrschung der ›alten‹ Sprachen und damit der mühelosen Einsicht in den unüberholten Rang und in die Größe unserer vorchristlichen Hochkultur und ›Psychologie‹.

Nicht zufällig hatte dem die methodische Haltung Freuds entsprochen, alles Unbewußte ›rücksichtsloser‹ zu untersuchen, als die Neurotik selbst rücksichtslos sei. - Eine ungemein anregend-erhellende Lektüre für alle sich im Feld der Psychoanalyse in Praxis und Theorie Tummelnden.

Aus dem Inhalt

  • A. Psychoanalyse, Analysieren der Psyche, Vivisektion
  • B. Das Unbewußte und sein Verhältnis zum Bewußtsein
  • C. Über Vergessen und Verdrängen
  • D. Über die Natur der Triebe
  • E. Liebe Eros Sexualität
  • F. Gesunder Narzißmus und fragwürdiger Egoismus
  • G. Grausamkeit Haß Zerstörung
  • H. Die Ärzte, die Neurose und das Irrenhaus unserer Kultur
  • I. Moral und Moralität, Sitte und Sittlichkeit
  • J. Das Gewissen und das Ideal - oder die Anteile des Überichs
  • K. Das Ich als Subjekt und sein Bewußtsein
  • L. Die Schwäche und die schwache Persönlichkeit
  • M. Die Stärke und das aufsteigende Leben
  • N. Die Macht und das Machtgefühl
  • O. Der Wille zur Macht
  • P. Der europäische Nihilismus und der Übermensch
  • Q. Das Leiden und das Mitleiden
  • R. Übersicht über sonstige psychoanalytische Sachverhalte
  • S. Propädeutik und Epilog
  • Bibliographie
    Sachregister
    Personenregister
    Register der Nietzsche-Zitate
    Register der Freud-Hinweise
    Register der Hinweise auf »Die Analyse der Psychoanalyse«
    Inhaltsverzeichnis mit Seitenzahlen der Buchtexte in den
    Bänden 1 bis 6 der Kritischen Studienausgabe

Stimmen zu diesem Buch

"(...) Eine nietzscheanische Psychoanalyse müsste sich also auf jene uneinholbaren Voraussetzungen des Subjekts konzentrieren, die das Subjekt in seiner Selbstkonstitution - in seinem Willen zur Macht - konstitutiv ausschließen muss. Das Unbewusste erscheint aber so als formale und negative Struktur, die lediglich anzeigt, dass das Bewusstsein das Subjekt nicht begründen kann, dass das Subjekt, das sich als Grund ausgibt, in Wirklichkeit selbst von Faktoren begründet wird, auf die es keinen Zugriff hat.

Von Nietzsche könnte so die Psychoanalyse lernen, nach ihren eigenen, unhinterfragten Voraussetzungen zu fragen, z. B. ob nicht das Unbewusste allzu schnell mit neurotischen oder psychotischen Ursprungserfahrungen inhaltlich gefüllt wird und damit selbst zu einer Begründungsinstanz wird, auf das sich z. B. neurotische und psychotische Störungen zurückführen lassen. Denn das scheint eine Praxis der Psychoanalyse zu sein, die auch bei Lickint durchscheint. Das Unbewusste wird so nämlich zu einer Negativvariante des Bewusstseins als Subjektbegründung gemacht. Würde man mit dieser Blickrichtung Nietzsche auf die Psychoanalyse anwenden, so erschienen Nietzsches subversive Denkfiguren - prägnant ausgedrückt - als das von der Psychoanalyse in ihrem eigenen Theorieaufbau Verdrängte.

Von Nietzsche könnte die Psychoanalyse auch lernen, ihre eigenen ideologischen Voraussetzungen kritisch offenzulegen, noch deutlicher gesagt: sich selbst in Frage zu stellen. Selbstinfragestellung - das ist der eigentliche Hammer, mit dem Nietzsche zu philosophieren trachtete. Nietzsche hat das Risiko der Konsequenzen der Selbstinfragestellung getragen - selbst um den Preis seiner eigenen intellektuellen Verfassung. Und dies zeigt: So produktiv eine solche Selbstinfragestellung auf dem Gebiet der Theorie sein mag, so gefährlich kann sie auf dem Feld der therapeutischen Praxis werden. Vielleicht liegt hierin der Grund, warum Lickint vor einer solchen Funktionalisierung Nietzsches zurückschreckt. (...)"

Schlußabsatz einer ausführlichen Rezension des Buches von Oliver Jahraus, welche unter der Überschrift ´Nietzsche als Psychoanalytiker. Klaus Gerhard Lickint entwirft eine Nietzscheanische Psychoanalyse` in 11.2010 auf ´Literaturkritik.de` eingestellt wurde.

Der Autor

Dr. med. Klaus Gerhard Lickint war Psychoanalytiker in Heidelberg, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, für Psychiatrie und Psychotherapie, für Nerven- und Geisteskrankheiten sowie Psychoanalyse und Psychotherapie. Erwerb der psychoanalytischen Ausbildung in Zürich. Klinisch fünf und selbständig dreißig Jahre als Psychoanalytiker in Heidelberg tätig. Lehranalytiker bzw. Dozent psychoanalytischer Ausbildungsinstitute. Studien in Natur- und Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie waren wegleitend für grundlegende wissenschaftliche Darstellungen, auch in Buchform: »Die menschlichen Lebensbedingungen« (1974), »Die Analyse der Psychoanalyse« (1996).

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