Details

Autor Gottschalch, Wilfried
Verlag Roland Asanger Verlag
Auflage/ Erscheinungsjahr 1988
Format 14,8 × 21,0 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 150 Seiten
SFB Artikelnummer (SFB_ID) SFB-000249_MA

Zu diesem Buch

Immer sind es soziale Situationen, auf die der Autor die psychoanalytische Narzißmustheorie anwendet. Er beobachtet Narziß auf der Schulbank und am Katheder, in der Politik und in der Wissenschaft. Dabei beschäftigt ihn vor allem der Anteil des Narzißmus an der menschlichen Gewalttätigkeit. Gottschalch vermeidet Verallgemeinerungen, wie jene, die von einem "Zeitalter des Narzißmus" spricht. Er geht von Überlegungen Heinz Kohuts aus, mit dessen Verwerfung der Triebtheorie er freilich nicht übereinstimmt, nimmt dann Gedanken Bela Grunenbergers auf, fragt, ob Narziß heute noch Ödipus werden kann, und diskutiert schließlich auch Otto Kernbergs Analyse des Narzißmus im Rahmen der Objektbeziehungstheorie.

Diese Arbeit faßt zudem die wichtigsten Schriften des bedeutenden Sozialwissenschaftlers und Sozialisationstheoretikers zur Narzißmusproblematik zusammen.

Aus der Einleitung des Autors

"Die Geschichte dieses Buches beginnt mit einem Gespräch, das ich in der Mitte der siebziger Jahre mit Guido Groeger und Wolfgang Kirchesch zur Vorbereitung einer Sendung für Radio Bremen führte. Beiläufig sagte ich, daß mir für einen guten Psychoanalytiker keine Eigenschaft so nötig erscheine wie die eines durchwachsenen Narzißmus, womit ich seinerzeit ein nahezu unverletzbares Selbstwertgefühl meinte. Ich lasse hier dahingestellt, ob diese Aussage richtig ist. Guido Groeger nahm die Bemerkung auf und sprach von der Narzißmusforschung als einer neuen Perspektive der Psychoanalyse, ähnlich bedeutsam wie die der Ich-Analyse, die von Anna Freud und Heinz Hartmann vor vierzig Jahren eröffnet wurde. Einmal aufmerksam geworden, hörte ich überall von Narziß und vom Narzißmus reden, wobei Narziß einerseits als eine Art Ich-Ideal, andererseits als negativer Held einer mehr moralisierenden als erhellenden Kulturkritik gebraucht wird.

Das interessierte mich wenig. Wohl aber fragte ich, was die psychoanalytische Narzißmustheorie an verborgenen Motiven und Zusammenhängen menschlichen Verhaltens sichtbar machen kann. Dabei ließ ich mich von den Forderungen des Tages leiten. Diese sind in meinem Falle jene, die an einen Hochschullehrer gestellt werden, der Menschen ausbildct, welche in lehrenden und helfenden Berufen tätig sein wollen - Menschen, die allerdings wissen, daß dieser Hochschullehrer sich als ein politischer Intellektueller versteht, der kein "Kopflanger" der Herrschenden (Brecht) oder anderer gesellschaftlicher Gruppen sein will, sondern gegenüber jedem politischen System ein aufmerksam prüfender und mitteilsamer Fremder bleibt. So entstanden die Aufsätze, die, größtenteils an schwer zugänglichen Orten erschienen, ich für diesen Band ausgewählt habe.

Immer sind es soziale Situationen, auf die ich die psychoanalytische Narzißmustheorie anwende. Mir kommt es darauf an, gegen die Tendenz zur Mcdizinalisierung der Psychoanalyse das gesellschafts- und kulturkriti-sche Engagement der Theorie Freuds wachzuhalten und zu stärken. Ich beobachte Narziß auf der Schulbank und auf dem Katheder, in der Politik und in der Wissenschaft. Vor allem den Anteil des Narzißmus an der menschlichen Gewalttätigkeit möchte ich erhellen. Wohl weiß ich, daß Ciewalt zuweilen notwendig, befreiend und freundlich sein kann; dennoch vermag ich mich nicht über sie zu freuen, denn auch dort, wo sie von Not befreien oder vor Not schützen soll, gerät sie in die Gefahr, sich mit unserem Narzißmus zu verbinden und dann ein destruktives Eigenleben zu führen. So engagiere ich mich, wo immer das möglich ist, für ihre Mäßigung. (...)"

Inhalt

  • Vorwort  
  • Narziß auf der Schulbank
  • Narziß auf dem Katheder
  • Der narzißtische Charakter - Gegenstand der Diagnose oder
    Opfer einer Stigmatisierung?
  • Die lange narzißtische Wut des Michael Kohlhaas   
    1. Narzißtische Wut   
    2. Diagnose   
    3. Diskussion  
  • Gesellschaftliche Bedingungen narzißtischer Wut  
    1. Das Arbeitsziel  
    2. Angriffslust der Jungen und schamerfüllter Rückzug
    der Alten  
    3. Narzißtische Wut der Alten: sozial- und lebensgeschichtliche
    Bedingungen  
    4. Methoden, die Angriffslüste der Jungen in narzißtische
    Wut zu verwandeln  
    5. Über Gewalt kann ich mich nicht freuen   
  • "Narziß" und die Realität  
    1. Vorbemerkungen  
    2. Die Sagen von Narziß   
    3. Der Narzißmusbegriff in der Psychoanalyse  
    4. Drei Formen des Narzißmus   
    5. Narziß und Ödipus   
  • Kann "Narziß" noch "Ödipus" werden?
    1. Zwischenergebnis   
    2. König Ödipus   
    3. Die Chance der Adoleszenz und ihre gesellschaftliche
    Vereitelung  
    4. Umschmelzung des kindlichen in kollektiven Narzißmus 
  • Psyche und Moral 
    1. Psychische Beschaffenheit und herrschende Moral 
    Die Psyche und das Psychische
    Kants antipsychologische Moralphilosophie 
    Die Triebnatur der Menschen und die Forderungen der Moral 
    2. Zur Sozialgeschichte des christlichen Überichs  
    Das Überich als innerpsychische Agentur der Gesellschaft    
    Christliche Schuldgefühle  
    Verweltlichung der christlichen Schuldgefühlskultur  
    3. Möglichkeiten einer Moral zum Überleben  
    Das Veralten der christlichen Moral  
    Ist eine ichnahe Moral möglich?  
  • Jenseits des Schuftens, diesseits des Schaffens 
    1. Der Wissenschaftler unter und gegen den Terror des Überichs 
    2. Das Überich als intrapsychische Agentur der Gesellschaft 
    3. Der Wissenschaftler unter dem Terror des Überichs  
    4. Ich-Lust: das Zusammenwirken von Wißtrieb, Schaffensdrang und Schaffensglück als Voraussetzung heiterer Wissenschaft  
  • Literatur
  • Bibliographischer Nachweis

Der Autor

Wilfried Gottschalch (* 18. Januar 1929 in Dresden[1]; † 24. Juli 2006 in Bussum) war ein deutscher Lehrer, Sozial- und Erziehungswissenschaftler. Seine Schriften zur Politischen Sozialisation gehörten in den 1970er und 1980er Jahren zur Standardlektüre an deutschen Hochschulen.

Leben und Wirken: Im Alter von zwanzig Jahren wurde Gottschalch 1949 Junglehrer an einer Berufsschule in der DDR, ging aber später nach West-Berlin. Dort wurde er Mitglied der Sozialistischen Jugend Deutschlands ´Die Falken` und war seit 1963 Professor an der Pädagogischen Hochschule. Seit 1971 lehrte er an der damaligen Reformuniversität in Bremen;1977 Gottschalch gehörte auch zu den Unterzeichnern eines unter dem Pseudonym »Mescalero« verfassten Nachrufs auf den von der RAF ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Auf die »Mescalero«-Affäre folgten disziplinarische Maßnahmen gegen jene Universitätsangestellte, die sich nicht distanzieren wollten. In der Folge dieser, seine Arbeit einschränkenden, Maßnahmen wechselte er Ende der 1970er an die Universität von Amsterdam, wo er Professor für theoretische Andragogik wurde.

Schließlich beteiligte er sich am Aufbau der sozialpädagogischen Lehre an der TU Chemnitz und der TU Dresden, wo er als Honorarprofessor tätig wurde. Seinen Wohnsitz aber behielt er in den Niederlanden; sein Grab befindet sich in Bussum (Nordholland).

Laut seinem Kollegen Lothar Böhnisch war die Psychoanalyse das "Strukturgitter" des sozial- und erziehungswissenschaftlichen Denkens bei Gottschalch, wobei er diese nicht mit therapeutischer, sondern politischer Motivation anwandte. Mit seiner grundsätzlichen Kritik an den Sozialisationsbedingungen sei er ein Außenseiter des akademischen Diskurses geblieben.

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