Details
| Autor | Simon, Fritz B. |
|---|---|
| Verlag | Carl-Auer Verlag |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 24.02.2026 |
| Format | 18.7 × 12.4 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 100 Seiten |
| ISBN | 9783849706340 |
Zu diesem Beitrag
„Was, um Himmels willen (oder: zum Teufel), bringt einen Menschen – in der Regel sind es Männer – dazu, die absolute, diktatorische Macht in einem Staat zu übernehmen oder auch nur übernehmen zu wollen?“
Fritz B. Simon, Dr. med., Professor für Führung und Organisation / Universität Witten/Herdecke; Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut, übernimmt es, sich nach seiner Psychobiografie ´Stalin und der Apparat` und ´Wie Diktaturen funktionieren`, in seinem neuen Buch nun geradezu in die Rolle eines ´Profilers` zu versetzen, der nach typischen Unterscheidungsmustern in der Sozialisation und daraus sich entfaltender Eigenschaften der Persönlichkeit späterer Diktatoren forscht.
Was sind die persönlichen Qualitäten, die man besitzen muss, um erfolgreich Diktator zu werden oder zu sein, absolute Macht zu ergreifen und zu erhalten? Mit Blick etwa auf das frühe Dreieck besonders dramatischer Beziehungen zu Mutter und Vater, auf Peers und Statuskämpfe und sich daraus entwickelnde Formen von Scham, Neid und Eifersucht wird erkennbar: Derlei Erfahrungen zeichnen in Beziehungsmustern von Diktatoren den Pfad von Graumausigkeit zu Grausamkeit. Aus früh erworbener Rachsucht und sich immer neu beweisen müssender, aber nie wirklich erfahrener Grandiosität wird der Diktator zum existenziellen Risiko für alle, die ihn umgeben – und ihn merkwürdigerweise unterstützen ..
Inhalt
- Die Frage nach dem Motiv (Vorbemerkung)
- Das Wunschkind / der Muttersohn
- Der überwältigende Vater / Dreiecksbeziehung
- Peerbeziehungen / Statuskämpfe
- Mittelmäßigkeit / Notwendige Organisationen
- Minderwertigkeitsgefühle / Scham
- Neid / Eifersucht
- Graumausigkeit / Weg zur Macht
- Absolute Macht / Umbau des Staats
- Jenseits des Realitätsprinzips / Willkürherrschaft
- Selbst-Idealisierung / Personenkult
- Säuberungen / Rachsucht
- Freundschaftsdienste / Korruption
- Pomp / Grandiositätsversprechen
- Paranoia / Kontrollzwang
- Spaltung / Entsolidarisierung
- Macho vs. Pantoffelheld / Frauenbeziehungen
- Humor / Sadismus
- Gewalt / Ultimatives Machtmittel
- Größe / Größenwahn
- Mythologische Muster (statt einer Zusammenfassung)
- Anmerkungen
- Literatur.
- Über den Autor.
Aus dem Vorwort des Ators
"(...) Auch wenn rein phänomenologisch die Beschreibung der typischen Verhaltensweisen, die als Symptome des Narzissmus bzw. des »malignen Narzissmus«7 gedeutet werden, stimmig ist, ist deren Erklärung mit Hilfe klinischer Konzepte problematisch. Denn was dabei leicht aus dem Blickfeld gerät, ist die Tatsache, dass so der jeweilige soziale Kontext »weggedacht« wird, in dem diese Verhaltensweisen gezeigt und entwickelt werden. Die Person wird isoliert betrachtet, pathologisiert, diagnostiziert und aus dem Netz ihrer Be-ziehungen und der Spielregeln der Institutionen und Organisationen gelöst, in denen sie agiert und sich ihr Aufstieg vollzieht. Dennoch erscheint es sinnvoll, das psychologische Profil potenzieller Diktatoren genauer zu studieren, um sich und die Gesellschaft vor solchen Typen zu schützen, auch wenn ihre Psychodynamik sicher nicht die Entstehung von Diktaturen erklären kann ...
Was sie und ihre vermeintlich psychopathische Egomanie (die nicht, um das vorwegzunehmen, der wichtigste Faktor ihrer Karriere ist) mit dem Durchschnittsbürger verbindet oder von ihm unterscheidet, soll im vorliegenden Essay dargestellt werden. Dass »der« Diktator, wie hier sein Profil als Idealtypus aus der Menge konkreter Diktatoren herausdestilliert wird, in der Wirklichkeit nicht genau so, wie dargestellt, zu finden sein dürfte, sei vorausgeschickt. Es handelt sich um eine Abstraktion und Generalisierung, durch die die Frage nach dem Motiv versucht wird, die für das Handeln von Diktatoren wesentlichen psychologischen Faktoren zusammenzufassen Solche Verallgemeinerungen wie »der« Russe, »der« Amerikaner,»der« Deutsche oder auch »der« Mensch im Allgemeinen sind immer irgendwie falsch, aber eben oft auch irgendwie richtig. Dazu hat Theodor W. Adorno in seinen Studien zum autoritären Charakter Folgendes, auch hier Gültiges geschrieben:
»Die Konstruktion psychologischer Typen impliziert nicht bloß den willkürlichen, zwanghaften Versuch, ›Ordnung‹ in die verwirrende Vielfalt des menschlichen Charakters zu bringen. Sie ist ein Mittel, diese Vielfalt ihrer Struktur gemäß zu kategorisieren, sie besser zu erkennen. Radikaler Verzicht auf alle Generalisierungen, über jene hinaus, die sich auf handgreifliche Befunde stützen, würde nicht zu wirklicher Einfühlung in die menschlichen Individuen führen, sondern höchstens eine unklare nichtssagende Beschreibung psychologischer ›Fakten‹ ergeben; jeder Schritt, der das Faktische hinter sich lässt und auf psychologischen Sinn zielt – wie Freud es in seiner grundlegenden Feststellung definierte, ›das alle unsere Erlebnisse einen Sinn haben‹ - zieht unvermeidlich Generalisierungen nach sich, die über den angeblich einzigartigen ›Fall‹ hinausreichen, und oft involvieren diese Generalisierungen gewisse regelmäßig wiederkehrende Syndrome, die der Vorstellung von ›Typen‹ ziemlich nahe kommen.«
Als Autor bin ich mir trotzdem bewusst, dass ich mich mit meinem Versuch, ein Profil »des« Diktators zu erstellen, auf fachlich dünnes Eis begebe. Aber da ich mich nun mehrere Jahre mit der Entstehung, Erhaltung und Beendigung von Diktaturen als Staatsformen beschäftigt habe, war ich unvermeidlich auch mit den dazugehörenden Diktatoren, ihrem Lebensweg und ihren Verhaltensmustern konfrontiert, so die Frage nach dem Motiv, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, die typischen Muster ihrer Psychodynamik aus einer psychoanalytischen Perspektive zu charakterisieren. Dass dies mit einer Menge an Spekulation verbunden ist, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Einschränkend sei auch noch angemerkt, dass hier die Diktatoren aus einem tendenziell christlich-europäisch geprägten Kulturkreis in den Blick genommen sind. In Ostasien und in Afrika, aber auch im Nahen Osten bestehen andere kulturelle Muster, andere Familienformen, manchmal auch Stammesstrukturen, spezielle religiöse Gebote und Verbote usw., die jeden Einzelnen (auch den späteren Diktator) in anderer Weise sozialisieren als in Europa oder im christlich geprägten Südamerika oder auch in Russland. Dass - die Psychodynamik des Möchtegern-Diktators hin oder her - charakteristische gesellschaftliche und organisationale Bedingungen nötig sind, um einen Diktator an die Macht zu bringen, sei zur Warnung noch einmal betont. Welche das sind, ist an anderer Stelle ausführlich analysiert und dargestellt (siehe Stalin und der Apparat9 und Wie Diktaturen funktionieren (...)"
Der Autor
Fritz B. Simon, Dr. med., Professor für Führung und Organisation / Universität Witten/Herdecke; Systemischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut; langjähriger Vizepräsident des Europäischen Familientherapie-Verbands (EFTA) und der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie. Autor bzw. Herausgeber von ca. 300 wissenschaftlichen Fachartikeln und 39 Büchern, die in 15 Sprachen übersetzt sind, u. a.: Der Prozeß der Individuation (1984), Die Sprache der Familientherapie (1984, mit Helm Stierlin und Ulrich Clement), Lebende Systeme (1988), Unterschiede, die Unterschiede machen (1988), Meine Psychose, mein Fahrrad und ich (1990), Radikale Marktwirtschaft (1992, mit CONECTA), Die andere Seite der Gesundheit (1995), Die Kunst, nicht zu lernen (1997), Zirkuläres Fragen (1999, mit Christel Rech-Simon), Tödliche Konflikte (2001), Die Familie des Familienunternehmens (2002), Gemeinsam sind wir blöd!? (2004), Mehr-Generationen-Familienunternehmen (2005, mit Rudi Wimmer und Torsten Groth), Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus (2006), Einführung in die systemische Organisationstheorie (2007), Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie (2009), Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Systemische Aspekte des Fußballs (2009), Einführung in die Systemtheorie des Konflikts (2010), „Zhong De Ban“ oder: Wie die Psychotherapie nach China kam (2011, mit Margarete Haas-Wiesegart und Zhao Xudong), Einführung in die Theorie des Familienunternehmens (2012), Wenn rechts links ist und links rechts (2013), Einführung in die (System-)Theorie der Beratung (2014), Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen (2018), Anleitung zum Populismus oder: Ergreifen Sie die Macht! (2019), Der Streit ums Nadelöhr. Körper, Psyche, Soziales, Kultur. Wohin schauen systemische Berater? (2019, mit Jürgen Kriz), Lockdown: Das Anhalten der Welt (2020, mit Heiko Kleve und Steffen Roth), Formen (reloaded). Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen (2022), Stalin und der Apparat. Die Organisation der Diktatur und die Psyche des Diktators (2023), Die kommenden Diktaturen (2024), Gewalt gegen sich selbst – paradoxe Formen des Widerstands (2025), Wie Diktaturen funktionieren. Muster die verbinden – Ein Katalog (2025), Mittelmaß und Eifersucht. Profiling des Diktators – Ein Versuch (2026).
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