Details
| Autor | Michel, Sascha |
|---|---|
| Verlag | Klostermann, Vittorio |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 21.05.2024 |
| Format | 22.5 × 14.2 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 242 Seiten |
| Gewicht | 381 |
| ISBN | 9783465046585 |
Zu diesem Buch
Vom Horror vacui, vom Schrecken der Leere, sprach schon das Mittelalter. Und auch in der Gegenwart fürchten wir nichts so sehr wie Leerlauf und Langeweile, leere Gasspeicher und leere Supermarkt-Regale. Andererseits hat die gespenstische Leere, die wir aus dem Corona-Lockdown oder von dystopischen Zombie-Filmen kennen, auch etwas Faszinierendes. Für die Atomisten der Antike gab es nur dank der Leere überhaupt Bewegung in der Welt. Von Zen bis Dada, von der Moderne bis zur Pop-Kultur wird die Leere nicht gefürchtet oder geleugnet, sondern gefeiert und bejaht, erforscht und in Szene gesetzt. Dieses Buch erzählt die wechselhafte Geschichte eines ambivalenten Begriffs. Es geht dabei nicht nur um das mächtige Phantasma von der großen, gewaltigen Leere am Anfang und Ende der Welt, sondern auch um die Leere als Spiel- und Zwischenraum: um die Leerstellen unserer Selbst- und Weltbilder, um eine gelockerte Kultur der Pausen und Lücken. Denn die Löcher sind bekanntlich die Hauptsache an einem Sieb.
Aus dem Prolog
"Dieses Buch möchte daran erinnern, wie sehr die Leere – ob als Horror oder Faszinosum, ob als imaginierter Raum der Befreiung oder als dystopisches Phantasma – immer schon ein wichtiger Begleiter kultureller Imaginationen und Selbstverständigungen war. Zu unterscheiden sind dabei drei zentrale Topoi der Leere. Die Imaginationen und Reflexionen der Leere beziehen sich erstens immer wieder auf den Topos des Anfangs. Woher kommen wir? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wer nach den Anfängen unserer Welt fragt, kommt nicht an der Idee des leeren Raums vorbei. Einschlägig ist dabei vor allem die Geschichte der Erforschung des Vakuums seit Evangelista Torricelli und Blaise Pascal.
Aber auch in den großen Mythen ist die Welt am Anfang wüst und leer. Und wie zu sehen sein wird, steht auch am Anfang der europäischen Subjektphilosophie die Vorstellung von einem Ich, das ganz unabhängig und allein, ohne sozialen oder natürlichen Kontext, im leeren Raum steht. Freiheit und Autonomie, diese so zentralen Konzepte der Aufklärung, scheinen ohne diese Leere, ohne die Abstraktion von allem Gegenständlichen und Lebendigen, kaum denkbar. In ihrem Buch Bleibefreiheit zitiert die Philosophin Eva von Redecker einen zwölfjährigen Jungen, der am Esstisch den Satz sagt: »Am freiesten bin ich, wenn ich allein auf dem Mars bin.« So tief also sitzen die solipsistischen Subjektbilder, dass wir uns Freiheit am besten auf einem menschenleeren und toten Planeten vorstellen können. »Freiheit ist«, so verstanden, »wenn nichts im Weg steht.«
Der zweite kulturgeschichtlich wichtige und gegenwärtig besonders präsente Topos der Leere ist das Ende. Damit sind einerseits von der biblischen Apokalypse bis zu Cormac McCarthys The Road die bereits genannten Endzeit-Szenarien einer weitgehend (menschen-)leeren Welt der Zivilisation gemeint, andererseits aber auch Bilder vom räumlichen Ende der Zivilisation, zu denen etwa der in Literatur und Film vielfach in Szene gesetzte Raum der Wüste gehört. Bei einem Film wie Zabriskie Point von Michelangelo Antonioni wird beides bezeichnenderweise zusammengeführt: die zerstörerisch apokalyptische Vision einer in die Luft gesprengten (Konsum-)Welt und die Wüste als Ort (sexuell) befreiender Leere. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Konzept der Tabula rasa: etwa als ›weiße‹, ›männliche‹ Vorstellung vom scheinbar menschenleeren Wilden Westen, den es, die Ureinwohner auslöschend, zu erobern und zu besiedeln gilt, oder als totalitäre Zukunftsvision einer vollständig neuen Welt, in der alle Fehler der Vergangenheit – bis hin zur Menschheit insgesamt in einer posthumanen Welt ohne uns – ausgemerzt und verschwunden sind. Leere und Gewalt – das wird eines der Leitmotive dieser Kulturgeschichte der Leere sein. Nicht zufällig ist der von Walter Benjamin im Jahr 1931 beschriebene »destruktive Charakter« eine Sozialfigur, die vor allem Platz schaffen und leerräumen will. Nicht zufällig wird die Leere bei der sogenannten »White Torture« auch als Foltermethode eingesetzt. (...)"
Inhalt
Prolog
I. Die Leere am Anfang
- Tohuwabohu | Creatio ex nihilo | Atome und leerer Raum |Horror vacui | Vakuum-Experimente | Metaphern der Leere
II. Substanzverluste
- In der »atheistischen Halbnacht« | Der Letzte Mensch (I) | Die Leere des Subjekts | Ethik der Leere? | Arbeit und Langeweile
III. Die Leere im Jahrhundert der Dinge
- Großstadt und Melancholie | Eigentumsmüdigkeit | Das Erhabene | Gemalte Leere | Ozean und Polarkreis | Ein Buch über nichts | Die Feier der Dinge
IV. Konstellationen der Moderne
- Die Entleerung der Zeichen | Substanzverluste um 1900 | Storytelling und Subjekt | Lockerungen | »von der Grundfarbe schwarz« | Die Moderne im Leerlauf
V. »Hello emptiness«
- Leere und Überfluss | »o – o – o – o« | Fröhliche Bejahung | Elvis’ Gelächter | Die Leere in Anführungszeichen | Nicht-Orte | Die Leere des Zen | Askese und Konsumverzicht | »The Earth will be quiet again«
VI. Die Leere am Ende
- Der Letzte Mensch (II) | Das Unglück der Selbstreferenz | Paare in der Wüste | Terra nullius | Das Ende von allem | Wo bin ich?
Epilog
Anmerkungen
Personenregister
Stimmen zum Buch
"Michel weiß durch Belesenheit, weit gefächerte kulturelle Kenntnis sowie die stilistische eingängige Präsentation seiner Geschichte zu überzeugen. [...] Zwischen Endzeitphantasien und Machbarkeitshybris entfaltet Michel ein Panorama an modernen Leerstellen." - Aus einer Rezension in der Frankfurter Allgemeine Zeitung; FAZ
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