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Herausgeber Langendorf, Uwe; Kurth, Winfried; Reiß, Heinrich J; Egloff, Götz (Hg.)
Verlag Mattes Vlg
Auflage/ Erscheinungsjahr 12.2013
Format 21 × 14,8 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 295 Seiten
Gewicht 390
Reihe Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band, Band 14
ISBN 9783868090840

Zu diesem Buch

"Uwe Langendorf führt in das Thema der Tagung ein mit der provozierenden  Frage: "Ist Hameln überall?", d.h. ist "Kindheit", so wie wir sie kennen und achten, im Verschwinden? Er bezieht sich auf die sozialen Auswirkungen des Neoliberalismus, den er vor allem durch die theoretischen Konzepte von Friedrich August von Hayek verkörpert sieht und denen er mächtige soziale Wirkungen zuschreibt.

Als Folge der Entwicklung der Informationstechnologie und der sozioökonomischen Globalisierung sieht er die Gesellschaft in exponentieller Beschleunigung begriffen, die von Hartmut Rosa als "rasender Stillstand" beschrieben wird.

In einem zusätzlich ins Jahrbuch aufgenommenen Beitrag, der nicht von der Tagung stammt, sondern aus einer früheren Ausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit, zeigen Kerstin Kohlenberg und Wolfgang Uchatius, wie das Bestreben des gehobenen Bürgertums nach Distinktion und sozialer Abgrenzung so elementare Dinge des Lebens wie die Partnerwahl und die Bildungschancen der Kinder steuert und zur Festigung und Verstärkung sozialer Schranken beiträgt.

Roland Heinzel fordert auf: "Hol dir diesen Genuss!" – "Erlösungssehnsüchte und falsche Götter im Neoliberalismus". Die gesellschaftlich Mächtigen, die nach den Rezepten des Neoliberalismus die Globalisierung vorantreiben, "verführen" durch psychologisch immer effizientere Lockangebote, zum schnellen und oberflächlichen Genuß zu greifen und die zunehmen de gesellschaftliche Spaltung in "Gewinner" und "Verlierer" auszublenden. Die latent gehaltene Verzweiflung der Verlierer wird in Erlösungshoffnungen umgewandelt, die durch Konsumsurrogate nicht befriedigt, aber beschwichtigt und unbewusst gehalten werden.

Bernd Nielsen führt das Thema fort mit: "Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Neoliberaler Neusprech und Sprachzerstörung in marktradikalen Gesellschaften". Ihm geht es um die "enteignete" Sprache, die konsumistisch, werbetechnisch funktionalisiert und instrumentalisiert wird, wodurch besonders die Symbolisierungsfähigkeit von Heranwachsenden beschnitten wird. Es sind Tendenzen einer kommunikativen "Gleichschaltung" zu erkennen, der eine neue Bewusstheit entgegengesetzt werden muß.

Merle Hilbk schreibt über ihre Erfahrungen im kriegszerrissenen Bosnien, in einem tief traumatisierten Land, und über den Versuch, Spaltungen dennoch zu überwinden, die Hoffnung auf Versöhnung und Ausgleich nicht verloren zu geben. Die Erzählung "Die Brücke über die Drina" von Ivo Andrić veranschaulicht die historische Dimension des Problems.

Florian Galler vertritt in "Die psychogene Geschichtstheorie nach Lloyd deMause und die gegenwärtige politische Spaltung in den USA" die Geschichtsauffassung von Lloyd deMause. Er erklärt Angst und Abwehr humaner Lebensbedingungen aus einer Persönlichkeitsspaltung in einen "rationalen" und einen Alter-Ego-Anteil. Letzterer reagiert aus Schuldgefühl auf die Humanisierung mit Angst und Hass und ist für irrationale Elemente in der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Dies ist auch ein wesentlicher Antrieb für die in den USA von der ultrakonservativen "Tea Party"-Bewegung innerhalb der republikanischen Partei betriebene Obstruktionspolitik gegenüber der Obama-Regierung.

Anknüpfend an diesen Beitrag analysiert Winfried Kurth in einem zusätzlich für das Jahrbuch geschriebenen Text "die Spaltung Europas und das EU-Fiskal-Regime als Ausleben von Bestrafungs-Impulsen". Die maßgeblich von der Merkel-Regierung durchgesetzte Austeritätspolitik gegenüber den südeuropäischen Euro-"Krisenländern" (speziell Griechenland, Portugal, Spanien, Italien) erweist sich bei genauerer Analyse der mit ihr verbundenen Bilder und Emotionen als kontraproduktive Bestrafung eines von uns auf die Anderen projizierten, freizügigen Lebenswandels, wobei auf rassistische Stereotypen zurückgegriffen wird.

Doris Stopp stellt den Versuch vor, historische Spaltungen an Hand eines Rollenspiels lebendig zu machen.

Manfred Kalin untersucht "infantilisierende Verkehrsformen im Waren- und Dienstleistungssektor und ihre intergenerationellen sozialpsychologischen Folgen". Es geht ihm um technisierte Sprache, die gesellschaftliche Macht ausdrückt und verfestigt und gegen Protest wie gegen Verstehen isoliert.

Ingrid Meyer-Legrand : Mit "Stop & Grow – eine ganz eigene Strategie der 'Kriegsenkel', mit ihrem besonderen Erbe in einer in Gewinner und Verlierer gespaltenen Gesellschaft umzugehen" setzt Frau Meyer-Legrand das Thema "Kriegsenkel" der vorjährigen Tagung fort, um zu zeigen, mit welchen Loyalitätskonflikten, welchen Spaltungen und "Strategien" die Kriegsenkelgeneration mit ihrem Erbe in unserer Zeit der Globalisierung, der konstanten Beschleunigung, des Leistungsdrucks und der Geschichtsvergessenheit sich aus einandersetzt.

Elisa Gärtner führt das Thema Neoliberalismus fort mit einem zunächst überraschenden Forschungsergebnis. Sie berichtet über empirische Forschung in Chile, einem Paradebeispiel und Experimentierfeld neoliberaler Wirtschaftsplitik. Arbeitsplatzunsicherheit ist ein konstanter Faktor der neoliberalen Wirtschaft, die von den "Chicago Boys" unter Pinochet durchgesetzt wurde. Die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser ökonomischen Unsicherheit entsprechen jedoch nicht den theoretischen Erwartungen. Gereiztheit, Depressivität, psychosomatische Störungen konnten nicht positiv mit der ökonomischen Instabilität korreliert werden.Hierfür weitere Denkanstöße zu finden ist das Anliegen von Frau Gärtners Forschung.

Brigitte Demeure stellt Ergebnisse ihrer historischen Forschung vor, diesmal bezogen auf die "junge Republik" Frankreich nach dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs von 1870. Sie zeigt auf, wie die neue , erste republikanische Generation im Sinn der politischen Ziele der alt-neuen Herrschaftselite geformt und manipuliert wird. Die Untersuchung von Schulbuchtexten ergänzt sich zu den neueren Sprachuntersuchungen von Kalin und Nielsen in diesem Band.

Bernhard Wegener beschreibt in einem Zusatzbeitrag für das Jahrbuch mit dem Titel "Endzeitstimmung" historische Entwicklungen und Ausdrucksformen von apokalyptischen Vorstellungen – welche auch heute noch, wenn auch mitunter in verkappter Form, die öffentlichen Stimmungen und Fantasien beeinflussen.

Martin Klüners referiert in seinem (ebenfalls zusätzlich ins Jahrbuch aufgenommenen) Text "Kampf ums Dasein" Ergebnisse aus seiner Dissertation. Er untersucht die Ursprünge der weitreichenden und fatalen Spaltungen im Menschenbild, die der Rassismus des 19. Jahrhunderts postuliert hat, und findet Erklärungen unter Bezug auf Modelle aus der Freud'schen Psychoanalyse. Eingedenk dessen, dass man bei der Betrachtung der möglichen "Zukunft von Kindheit" die Historie nicht vergessen sollte, bringen wir in der Rubrik "Wiedergelesen – immer noch aktuell" in diesem Jahrbuch einen Text von Aurel Ende "zu Geschichte und Gegenwart mitteleuropäischen Kinderlebens".

In der Rubrik "Anstöße hin zur Psychohistorie" rezensiert Heinrich Reiß verschiedene Werke zu den Themen "Frühneuzeitliche Anatomie, Oberflächen und Inneres, Haut und Häutungen, Ekel und Abjekte". In der neuen Rubrik "Filmanalyse" interpretieren Götz Egloff und Patrizia Gioeni "Black Swan" als filmisches Äquivalent eines psychosexuellen Entwicklungsromans.

Das Jahrbuch endet mit einer Rezension eines neuen Buches des  psychoanalytischen Friedensforschers Vamık Volkan und mit einem kurzen Bericht über eine von der GPPP mitorganisierte Tagung über Mentalitätsgeschichte. (...)"  (aus dem Vorwort)

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