Details

Autor Geoffroy, Miriam Anne
Verlag Psychosozial-Verlag
Auflage/ Erscheinungsjahr 05.2019
Format 21 × 14.8 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 708 Seiten
Gewicht 1008
Reihe Forschung Psychosozial
ISBN 9783837928563

Zu diesem Beitrag

Neoliberale sozio-ökonomische und politische Transformationen seit den 1990er Jahren haben gravierende Auswirkungen auf pädagogische und therapeutische Institutionen. Diese Auswirkungen arbeitet Miriam Anne Geoffroy in ihrer Darstellung einer bislang in Deutschland noch kaum bekannten inklusiven psychoanalytisch-pädagogischen Einrichtung heraus: der École Expérimentale de Bonneuil-sur-Marne, gegründet 1969 bei Paris von Maud Mannoni. Sie beleuchtet dabei die emanzipatorischen Ansätze sowie die theoretischen und historischen Hintergründe der antipsychiatrisch und psychoanalytisch (lacanianisch) orientierten »gesprengten Institution«, die psychoanalytische Theorien über zwischenmenschliche Beziehungen auf institutionelle Strukturen überträgt. Auf Basis einer ethnografisch orientierten Dispositivanalyse verdeutlicht die Autorin, wie neue Finanzierungssysteme, Evaluationen, flexiblere Arbeitszeiten, Sicherheitsdiskurse und andere Faktoren die Einrichtung zunehmend in die Bredouille geraten ließen, wie die Handlungsmöglichkeiten immer mehr eingeschränkt wurden und mit welchen Widersprüchen die Einrichtung konfrontiert war. Zugleich zeigt sie, welche innovativen Impulse ›Bonneuil‹ unter anderem für die psychologische und pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – auch in Deutschland – bis heute liefern kann.

Aus dem Geleitwort von Klaus-Jürgen Bruder

"50 Jahre nach der Revolte von 68, die zunächst zur Abrechnung benutzt wurde, zur Affirmation der Zustände der Konterrevolte, die inzwischen zu einer Zeit der Selbstinszenierung derer geworden ist, die immer schon recht gehabt hatten – nur dass sie heute das Gegenteil des damals Gesagten verkünden –, erscheint ein anderes Buch über 68, ein Buch, das sich anders mit 68 auseinandersetzt: nicht hämisch abrechnend, nicht besserwisserisch die Position des Gewendeten zurückdatierend, nicht über die Heldentaten der Autor_innen, nicht über die
Absetzbewegungen und -begründungen der Gewendeten. Gegenstand dieses anderen Buches ist ein Projekt aus den 68er Jahren, das den Versuch darstellt, die Ideen und Ideale von 68 im Alltag zu verwirklichen, fernab von Straße und Campus. 68 war ja nicht nur sexuelle Revolution und bewaffneter Kampf (beides mehr als Behauptung, denn als Realisierung), sondern es entstanden viele pädagogische, therapeutische also psychologische Projekte, in denen die Kritik von 68 »praktisch« ausprobiert wurde bzw. werden sollte – so als hätten wir bereits geschafft, was die Voraussetzung dafür gewesen wäre und war, nämlich Verhältnisse herzustellen, in denen wir »als Menschen produziert[en]« – und nicht »unter der Voraussetzung des Privateigentums« (Marx, 1968 [1844]). Es gab damals viele solcher Versuche und Initiativen, von den Kinderläden über die Wohngemeinschaften, Buchläden und Verlage bis hin zu Werkstätten in der Hand der Arbeitenden. Alle wollten sie Ideale von 68, Vorstellungen von einem Leben in einer befreiten und egalitären Gesellschaft vorwegnehmend verwirklichen, außerhalb der Institutionen, in denen die »allseits reduzierte Persönlichkeit« produziert worden war. Das Besondere an der Einrichtung, über die in diesem Buch berichtet wird, war, dass nicht nur diese Vorstellungen von anderen Beziehungen des Zusammenlebens realisiert werden sollten, sondern die Parole des politischen Kampfes: Sprengung der versteinerten Verhältnisse, Vorlesungssprengung, Sprengung der Gerichtsverhandlung, Sprengung »aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx, 1970 [1843/44], S. 385), durch die erst die Voraussetzung dafür geschaffen würde, sollte hier zum Leitprinzip der Arbeit, des Lebens werden – zum Prinzip von Erziehung und Therapie, also der Psychologie und Pädagogik. Den »Geist« von 68 dort hin zu tragen, wo er sich bewähren kann, ungestört vom Schlachtenlärm, wo kritisch reflektierte Psychologie sich an die wenden kann, die sich noch nicht oder nicht mehr gegen die Zumutungen der Verhältnisse wehren können: zu den Kindern und Jugendlichen »in Schwierigkeiten« – ganz im Unterschied zur herkömmlichen Vorstellung von Pädagogik und Therapie von schwierigen Kindern, ging es nicht um die Korrektur der Kinder, sondern die Überwindung von Schwierigkeiten. »Gesprengte Institution« wurde diese Einrichtung genannt; der Name war zugleich Parole des Programms. Es war also nicht um die Einrichtung einer Nische fernab vom Getümmel des politischen Kampfes gegangen, vielmehr wurde die Parole des Politischen in die Pädagogik und Therapie getragen, es war die Politisierung der klinischen, pädagogischen, psychologischen Arbeit.

Ein kulturrevolutionäres Projekt: der Geist von 68, der Geist von Nanterre, des Campus und der zurückeroberten Straße – das war das Unerhörte dieser neuen Psychologie, Pädagogik. Dieser Geist erfüllte die vielen »anti-autoritären« Projekte, nicht nur der Kinderläden. Diesen Geist wieder gerufen zu haben ist das Verdienst dieser Arbeit von Miriam Anne Geoffroy. Sie rekonstruiert die Ergebnisse und Bedingungen des Wirkens dieses Geistes, das Milieu, in dem er sich entfaltete, und die Niederlagen, die er bis zum bitteren Ende auskosten musste: die neuliberale Konter-Reform der Universitäten, Schulen, Kliniken bis zum Bewusstsein und der Privatisierung von Staat und Demokratie. (...)"  Klaus-Jürgen Bruder

Die Autorin

Miriam Anne Geoffroy ist Bildungsreferentin, Lebenskundelehrerin und systemische Therapeutin. Ihr wissenschaftliches Interesse gilt poststrukturalistischen Theorien, der psychoanalytischen Pädagogik, der französischen Psychoanalyse sowie der Verbindung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen mit institutionellen Strukturen und den Verhaltensweisen von Subjekten. Zudem beschäftigt sie sich mit Gender-Theorien, dem Thema Inklusion sowie den Folgen von Exil und Migration.

Kaufoption

79,90 €