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Autor Lewinsky, Charles
Verlag Diogenes
Auflage/ Erscheinungsjahr 25.03.2026
Format 18.4 × 11.6 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 416 Seiten
ISBN 9783257073782

Zu diesem Roman

Los Angeles, 1959. Der betagte Filmproduzent Curtis Melnitz wird jede Nacht von Albträumen heimgesucht. Er braucht unbedingt Schlaftabletten – aber die bekommt er nur, wenn er regelmäßig zur Psychoanalyse geht. Auf der Couch des Psychiaters erzählt er wider Willen seine Geschichte, sein Leben zwischen Hollywood und Berlin, zwischen der noch schwarz-weißen, stummen Traumfabrik und der umso grelleren, schreienden deutschen Wirklichkeit des frühen 20. Jahrhunderts. Jede Sitzung ein Kapitel. Ein Leben wie ein Roman.

Diesen Text stellt Charles Lewinsky seinem Roman voran:

"Ich habe die Geschichte schon ein paarmal erzählt. Sie beschäftigt mich seit siebzig Jahren, als ich sie als kleiner Junge von meiner Großmutter hörte. »Wir lebten damals in Leipzig«, sagte sie, und wenn sie »damals« sagte, meinte sie »in den Anfangsjahren des ›Dritten Reiches‹ «. Sie erzählte von einem Mann, der eines Tages mit zwei Autos vorgefahren sei – »im ersten saß er, im zweiten seine Sekretärin« – und sich als Verwandter vorgestellt habe. Er sei ein wichtiger Mann in Hollywood, habe er gesagt, und sei nur vorbeigekommen, um sie zu warnen. »Verschwindet aus Deutschland«, habe er gesagt, »hier wird es für Juden ganz schlimm.« Und dann sei er wieder in seine beiden Autos gestiegen und weggefahren.

Dieser Mann hieß Melnitz, und dass er tatsächlich existiert hat, lässt sich mit einer Recherche im Internet bestätigen. Sogar eine Fotografie habe ich von ihm gefunden. Seit ich anfing, Bücher zu schreiben, wollte ich aus der Figur dieses Mannes einen Roman machen. Mit den ersten Anläufen bin ich gescheitert, und nachdem er – oder zumindest sein Name – sich in eine ganz andere Geschichte geschlichen hatte, habe ich den Versuch aufgegeben. Endgültig, meinte ich. Aber Herr Melnitz ließ mir keine Ruhe, und so habe ich – sieben Jahrzehnte nachdem ich zum ersten Mal von ihm gehört habe – sein Leben erfunden. Mit dem Onkel Melnitz aus dem gleichnamigen Roman hat dieses Buch nichts zu tun. - Das ist eine andere Geschichte."

Und so beginnt der Autor seinen Roman:

Sie sind Dr. Cowan?

Noch nicht mal eine Sekretärin für den Empfang? - Muss ja ein toller Laden sein. Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Ich bin kein Kunde für Ihr Voodoo. Ich brauche ein Rezept, sonst nichts. Füllen Sie es aus, und ich bin wieder weg. Leicht verdientes Geld. Mein Arzt besteht darauf. Dr. Goldsteen. Er sagt, Sie kennen sich. Bisher hat er mir immer verschrieben, was ich brauche. Jetzt plötzlich will er nicht mehr. Schickt mich zu Ihnen.

Wahrscheinlich seid ihr alte Kumpel. Schiebt euch gegenseitig die Patienten zu. Ich habe ihm gesagt: Was soll ich bei einem Psychiater? Aber er … Muss der Papierkrieg wirklich sein? Ich brauche nur … Melnitz., Curtis Melnitz. ... Ich merke: Der Name sagt Ihnen nichts. Sic transit Gloria Swanson. 2. Mai 1879.  Lassen Sie die Komplimente. Natürlich sieht man mir die achtzig Jahre an. 1879 war ein schlechter Jahrgang. Wird
früh sauer und bleibt es sein Leben lang. 
Nein, ich habe nicht gefeiert. In meinem Alter ist ein runder Geburtstag kein Grund für Eiapopeia. Hätte ich mir eine Torte aus Kurpflaumen bestellen sollen? Das ist die Gemeinheit des Lebens: Es wird jedes Jahr beschissener, und man kann immer schlechter scheißen. Und das soll man feiern? Kann ich jetzt mein Rezept haben? Ich schlafe schlecht. Meistens gar nicht. Wälze mich im Bett. Stundenlang. Möchte schlafen und habe Angst davor.

Wegen der Träume. Ich leide unter meinen Träumen. Ich habe schon bessere Filme gesehen. Ich bin nicht gekommen, um mich auf Ihre Couch zu legen. Ich brauche nur das Rezept. Dieses neue Mittel. Das einzige, das hilft. Hier. Ich habe Ihnen die leere Schachtel mitgebracht. Sie brauchen den Namen nur abzuschreiben. Eine Pille täglich, sagt Dr. Goldsteen. Na schön, manchmal nehme ich zwei. Oder mehr. Aber deswegen bin ich nicht süchtig. Ich bin nur alt. Und wenn? Eine lange Abhängigkeit wird es nicht mehr werden. Man wird ja irgendwann seinen Abgang machen dürfen. Abblende und Schlusstitel.

Ob ich vom Film komme? War Hitler ein Nazi? Aber das ist lang her. Überhaupt: Warum müssen sie mir so viele Fragen stellen, bevor Sie mir mein Rezept … ?"

Der Autor

Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman ›Melnitz‹. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. ›Der Halbbart‹ war nominiert für den Schweizer und den Deutschen Buchpreis. Sein Werk erscheint in 16 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux, Frankreich, und im Winter in Zürich.

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