Details
| Autor | Huelsenbeck, Richard |
|---|---|
| Herausgeber | Grosz, George (Ilustrationen) (Hg.) |
| Verlag | Kurt Wolff, Leipzig |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 1921, EA |
| Format | 8° |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | OHlwd. mit geprägtem Rückentitel |
| Seiten/ Spieldauer | 125 Seiten |
| SFB Artikelnummer (SFB_ID) | SFB-011647_AQ |
W.-G. 1, 604, 12. - Seltene Erstausgabe des 1921 im Verlag Kurt Wolff erschienenen Romans
»Billig blickt dem Leben ins Gesicht! Anders als so viele seines akademischen Standes schafft der unerhörte Dr. phil. sich ein Schicksal: Er entzieht sich dem bürgerlichen Spießertum, nur um am Ende an der organisierten Dummheit und Brutalität einer Gesellschaft des Krieges zugrunde zu gehen.«
Fasste die Hörspielredaktion beim Deutschlandfunk Kultur die Einstellung Dr. Billigs knapp auf den Punkt
Textprobe
"DASS die Angelegenheit sehr seltsam ist, fällt einem bald auf, mag man zu dem Leben stehen wie man will. Es ist wahrscheinlich, daß du Beamter bist, 3000 Mark verdienst, eine Frau unterhalten mußt, mit ihr in Ehren drei Kinder (zwei Mädchen und einen Knaben) gezeugt hast und in politischer Hinsicht eine liberale Anschauung vertrittst. Es wird dir schwer, einen Augenblick den gewohnten Trott zu unterbrechen Deine Frau droht schon mit allen Mitteln ihrer eingefetteten Seele, die Kinder schreien (Papi, Papi), der Vorgesetzte schert sich den Teufel um deine intellektuellen Zustände - tausendmal magst du bereit sein, immer treibt die Angst dich wieder an - aber einmal, einmal kommt auch für dich, Geliebter, die Stunde, die du mit unberechtigter Sentimentalität deine Stunde nennen wirst: Du erkennst dies Leben und insbesondere dein Leben als einen wüsten Taumel, eine Brutalität ohne Ende, als einen ewigen Kampf, sich und alles zu verschlechtern. Und du bist nicht mal erstaunt, ordnest sogleich eine Erkenntnis so wichtiger Art deinem bourgeoisen Glaubensbekenntnis ein und hast schon wieder die Geste: wo bleibt mein Kaffee - oder jetzt laßt Vater in Ruhe, er muß die Zeitung lesen.
Dein Gesicht glänzt, als hätte man es mit Lack abgerieben, und deine Hosen schlottern um deinen wohlgenährten Leichnam. Doch einmal noch rgend wann, vielleicht, wenn du eine Flasche Piesporter oder Rauenthaler Kesselring getrunken hast, kommt dir die Erinnerung an jene Minuten, als du mehr vom Leben wußtest und sozusagen eine bebende Erkenntnis besaßt. Die Huren mit ihren hohen Beinen reizen dich plötzlich, ein weißes Haus wird ein weißes Tier, ein Pferd mit unerhörten Farben. Du fluchst, frißt und fluchst — das Leben hat dich wieder.
Dem Dr. Walter Billig ging es ähnlich, aber doch ganz anders. Es gehört schon eine gewisse Intelligenz dazu, einen Ekel zu empfinden, wenn man von den Leuten mit Herr Dr. angeredet wird. Die Wirtin tut es aus Berechnung, der Bettler aus Berechnung, die offiziellen Stellen aus Dummheit und die Leute aus Gleichgültigkeit. Jemand schreit auf der Straße: „Einen Augenblick, Herr Dr.!" Billig dreht sich um. Er ist sehr nervös. Da ruft ein Lahmer einen Buckligen. Sie hassen das Leben und sind bereit, mit ihren Krückstöcken alle Kinder der Straße zu töten. Aber der Titel hält sie hoch und der gute Wahnsinn findet in ihm ein Hindernis. Der Titel ist ihre Wollust und ihr Freudenhaus - er kürzt die Zeit und ersetzt die Frau. Billig, der sich durch sich selbst mit den Dingen beschäftigt, versteht alles und rast. Er rast durch die Straßen, findet in ihnen das nächste Objekt seiner Wut, stößt gegen die elektrischen Straßenbahnen, stolpert vor den Pferden der hochbeladenen Omnibusse, landet endlich in der dritten Klasse der Untergrund, wo er erschöpft und wütend sitzen bleibt. Durch einen reinen Zufall kommt er in seine Wohnung, wo ihn die Wirtin mit gespreizten Beinen und hohnlachendem Gesicht empfängt. Er gleicht dem Mann bei Poe, dort wo einer atemlos nächtelang London durchkreuzt, sich mit verzerrtem Gesicht, fast kotzend in die idiotische Menge stürzt, mit wütenderem Gesicht hochkommt, sich der Träume erinnert, wo man gezwungen war, mit stumpfem Arm gegen Giganten zu kämpfen, weiterrast, stolpert und brüllt. Die Wirtin, die immer Mutterstelle vertreten will, sagt: „Hören Sie, Doktorchen — Sie könnten ein vernünftigeres Leben führen — teilen Sie sich Arbeit und Vergnügen richtig ein — ach nein, ein so junger Mann und so schläfrig." Billig hört nicht mehr.(....)"
"Man lebt hier wie in einem Taumel, der Krieg hat alle diese harmlosen bürgerlichen Menschen zu Bestien gemacht. Sie kreischen wie die Irren, es kommt zu Streit und Zweikämpfen, sie flöten und johlen, als wären sie in der Manege eines Zirkus. Dabei fällt das rote und violette Licht aus den ersten Etagen der Cafés in die erregte Straße – die Städte sind bezecht und die Wolken wandern als grüne Teufel über den Dächern. Das fühlt Billig alles und er hört den drohenden Lärm der Untergrundbahn unter seinen Füßen."
Passage aus dem 1921 erschienenen Roman von Richard Huelsenbeck
Der Autor
Carl Wilhelm Richard Huelsenbeck, (seit 23.11.1939 Charles R. Hulbeck), 1892-1974 war ein Reiseschriftsteller, Schiffsarzt und seit 1936 Psychoanalytiker in seinem us-amerikanischen Exil, Er war Mitbegründer des Dadaismus, Verfasser des Dadaistischen Manifests (1918), Mitbegründer von Berlin Dada 1920; Veröffentlichungen u.a. "Phantastische Gebete" (1916 und 1920); "Azteken oder die Knallbude" (1918); "Verwandlungen" (1918); "Dada siegt!" (1920); "En avant Dada" (1920); "Deutschland muß untergehen" (1920); "Dada Almanach" (1920); "Doctor Billig am Ende" (1921); "Afrika in Sicht" (1928); "Der Sprung nach Osten" (1928); "China frisst Menschen" (1930); "Der Traum vom großen Glück" (1933); "Die New Yorker Kantaten" (1952); "Mit Witz, Licht und Grütze" (1957); "Sexualität und Persönlichkeit" (1959); "Dada. Eine literarische Dokumentation" (1964). Herbert Kapfer, Herausgeber der Huelsenbeck-Bücher "Azteken oder die Knallbude" (1992), "Verwandlungen" (1992), "Phantastische Gebete" (1993) und "Wozu Dada" (1994); mit Lisbeth Exner Herausgeber der Publikationen "Weltdada Huelsenbeck" (1996) und "Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen" (1999, belleville) sowie der Huelsenbeck-Romane "Die Sonne von Black-Point" (1996, belleville) und "China frisst Menschen" (2006, belleville).
Erhaltungszustand
Das Klassische Fachantiquariat verfügt über ein vergleichsweise noch gut erhaltenes Exemplar dieser seltenen Erstausgabe mit den hochwertigen, dem Band beigegebenen Reproduktionen der Illustrationen von George Grosz; innen gut und ohne Anmerkungen, Anstreichungen. Der Einband alterungs- und gebrauchsbedingt mit entsprechenden Spuren; das Papier minimal nachgedunkt. - Ein utes Exemplar dieser seltenen Erstausgabe.
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