Details

Autor Weber, Philipp
Verlag Wallstein Verlag
Auflage/ Erscheinungsjahr 10.04.2026
Format 23 × 15.5 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 520 Seiten
Abbildungen Mit 1 Abb.
ISBN 9783835360983

Zu diesem Buch

Welche Versuche wurden in der Literatur, der Philosophie und der Psychoanalyse (Freud / Lacan) unternommen, die Stimme des Gewissens unter modernen Voraussetzungen zu denken?

Der Germanist und Philosoph von Philipp Weber untersuchte Zeitraum reicht von Kants Verankerung des Gewissens im Bewusstsein bis zu Freuds Nachweis eines unbewussten Anteils am Gewissen. Im Durchgang dieser geschichtlichen Bewegung wird sichtbar, dass der Gegenstand einerseits beständig im Medium der Stimme konzipiert wird und andererseits die Literatur eine substanzielle Funktion für das Verständnis dieses Verhältnisses einnimmt: Die Unentscheidbarkeit von Innen und Außen oder von Hören und Sprechen, wie sie beim Einsatz der Stimme des Gewissens zutage tritt, lässt sich nämlich primär in der Literatur – oder mittels literarischer Verfahren – gedanklich erschließen.

Seine Relevanz gewinnt das Buch zum einen durch die historisch-systematische Neubestimmung eines vielfach tradierten, bislang jedoch kaum kohärent erschlossenen Gegenstands, zum anderen durch das innovative und produktive Zusammenwirken literaturwissenschaftlicher, philosophischer und psychoanalytischer Zugänge.

Aus der Einleitung des Autors

Der Autor führt die Leserschaft auf dem Weg einer brillianten Analyse der Anfangszenen aus Alfred Hitchcocks 1960 entstandenem cineastischen Meisterwerks ´PSYCHO` nach der Romanvorlage von Robert Bloch in sein Thema ein: Marion Crane, eine als zuverlässig und bei Ihrem Chef als höchst gewissenhafte Mitarbeiterin geschätzte Sekretärin bringt die ihr anvertrauten 40.000 $ nicht zur Bank und flüchtet mit ihrem Freund im Auto in die Provinz und in eine vermeintliche Freiheit, von der sie, als sich die Stimme ihres Geweissens verspürt, noch nicht wissen kann, daß dies eine Reise in den Tod sein wird ...

"(...) Die Szene bei Hitchcock eröffnet einen aufschlussreichen Zusammenhang für das Thema der Stimme des Gewissens nicht zuletzt, weil sie mit einem Mal vor Augen führt, was damit alles auf dem Spiel steht. Es verstärkt sich die Dringlichkeit zugleich aber noch mit Blick auf das aktuelle politische Tagesgeschehen: Die heftigen Angriffe, denen demokratische Staaten durch populistische und faschistische Kräfte ausgesetzt sind, die virulenten und absichtsvoll verletzenden hate speeches sowie die vielerorts zu beobachtende Zunahme sozialer Eskalationen rücken die Problematik der moralischen Orientierung erneut ins Zentrum öffentlicher Debatten. Damit tritt ein kultureller Streitfall zutage, der unbequeme Fragen nach Grundkonventionen des Miteinanders dringlich macht. Die aktuellen Debatten zeigen aber auch, dass neben dem Inhalt öffentlicher Äußerungen zunehmend auch die Positionalität der Sprechenden in den Blick rückt. Es erlebt »die Stimme« als Medium politischer Diskurse derart eine unerwartete, wenngleich kritisch reflektierte Renaissance. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Normerosionen stellt sich dann die Frage, welche Funktion der Stimme des Gewissens heute eigentlich zukommt. Ist sie ein wichtiges Korrektiv einer allgemeinen Tendenz des Moralitätsverlustes? Oder hält sie bloß an restriktiven Verhaltenskodizes fest?

Die vorliegende Arbeit fragt ausgehend von diesen Überlegungen danach, in welcher Weise die Stimme des Gewissens als eine Denkfigur moralischer Selbstreflexionen konstituiert wurde, welche Erkenntnisprozesse und theoretischen Überlegungen diese Entwicklung begleiteten und wie sich hierbei die Funktion der Literatur sowie außerliterarischer Medien bestimmen lässt. Das Korpus der Arbeit sind damit primär literarische, daneben aber auch philosophische und psychologische Texte sowie außerliterarische Medien, die jeweils den Versuch unternehmen, die Stimme des Gewissens unter ihren modernen Voraussetzungen zu denken. Dabei wird sich zeigen, dass die Stimme des Gewissens einen Konvergenzpunkt unterschiedlicher Disziplinen markiert, deren wechselseitiger Austausch unerlässlich ist, um das factum brutum des Phänomens in seiner Flüchtigkeit, Intensität und begrifflichen Komplexität zu erschließen. Die vorliegende Arbeit kann also einerseits eine (erstaunliche) Lücke der Forschung schließen, denn eine Literaturgeschichte der Stimme des Gewissens gibt es bislang nicht. Andererseits zielt die Arbeit darauf, die Literaturwissenschaft als Akteurin sozialer Relevanz zu stärken, indem sie die in den literarischen Modellierungen von Selbsterfahrung angelegten Machtverhältnisse und sonst meist unbemerkten Verhaltenskodizes kenntlich macht. (....)"

Inhalt

Einleitung: Marion Crane hört Stimmen - Das Gewissen der Literatur - Forschung - Begriffe - Plan der Arbeit

Erstes Kapitel: Immanenz des Gewissens

1 Die schuldige Autonomie: Ratschläge eines savoyischen Vikars - Achtung fürs Gesetz - Kants dictamen rationis - Das Auto-Diktat der Vernunft - Ein Gerichtshof im Menschen - Doppeltes Selbst - Das
Begehren des principium executionis -

2 Szenen des inneren Gerichts: Grammonts pietistische Schwärmere -Tribunal der Blicke, Tribunal der Stimme - Personificatio und Allegorie des Gewissens (Thomas Naogeorgs Mercator) - Vox dei, vox populi - Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre - Anrufungen (Althusser, Butler) - Das Zwischen der Erzählstimme - Eine schwarze Minute - Schillers argumentum e silentio - Die Marter der Erinnyen - Das Urteil des lesenden Subjekts -

Zweites Kapitel: Romantischer Gehorsam:

1 Absolute Stimmen: Das Gehör des Publikums - Fichtes Text-Stimme - Die Bestimmung des Menschen und ihr Zweifel - Gespräch mit Geistern (Fichte, Hegel, Augustinus) -  Ein-Stimmigkeit mit Jacobi - Ein nie irrendes Gewissen: das System der Sittenlehre - Strahl aus dem Unendlichen - Devotion im Selbstbezug - Erziehung der Natur (Fichte, Novalis) -

2 Richterin ohne Gesetz: Die Stimme oder: das Begehren des Heinrich von Ofterdingen - Ein Gespräch über Wolken - Novalis oder Spinoza - Ein moralisches Organ (Hemsterhuis, Novalis)- Romantische Gewissens-Poetik -

3 Der dunkle Befehl: Akusmatische Ereignisse bei E.!T.!A. Hoffmann - Cardillacs Geständnis - Schmuck-Objekt-Stimme - Befehlstöne (Kant, ETA Hoffmann, Hindemith) - Romantische Gewissenskonflikte (Poe, Stevenson) - Die Kehrseite der inneren Anrede.

Drittes Kapitel: Der Geist der Stimme

1 Gespaltene Sittlichkeit: Selbstbezüglichkeiten bei Kant und Jacobi - Hegels Denken der Stimme - Unheimliche Aussprache (Hegel, Herder, Derrida) - Das Gewissen der Anderen - Quellen des Gewissens (Luther, Shakespeare) - Schöne Seelen - Echolaute -Hegels Stimm-Imitationen - Das akustische Ensemble der Phänomenologie des Geistes - Die Stimme der Objektivität - Ja und Nein (Hegel, Adorno)

2 Teuflischer Widerspruch: Im Zwiespalt (Goethe, Hegel) - Goethes vox diaboli - Die Anamorphose des Faust - Margaretes Tragödie - Gewissen und Geschlecht - Der Chor des Dies Irae - Prosa des Gewissens - Die Stimme von oben - Gegen das poetische Gewissen: Der Tragödie zweiter Teil - Schuld und Schulden -– Katholische Reminiszenzen - Das Wort der Verzeihung

Viertes Kapitel: Imperative des Sozialen

1 Überzahl der Stimmen: Stirners ›Geheimer-Polizei-Staat‹ - Diskurs und Fallgeschichte: Büchners Woyzeck - Pietistische Rede (Spener, Carus, Droste-Hülshoff) - Herrschaft und Tautologie - Herrensignifi-
kanten (Althusser, Lacan) - Ressentiment von oben  - Ein Brausen in den Ohren - Trieb und jouissance - Stimmen-Hören in Woyzeck und Lenz - Stimm-Nexus - Diskrete Metalepse - Schrebers Botschaften - Materialistische Tragik

2 Form-Gewalten: Gewissensbisse bei Rée und Zola - Nietzsches Mnemotechnik - Inversion der Gewalt  - Zirkel der Herrschaft (Butler, Nietzsche) - Lukács’ Zweite Ethik - Hebbels Judith oder: der Imperativ der Seele - Der polyphone Roman (Lukács, Bachtin, Dostojewski) - Erlebte Rede - Raskolnikows inneres Purgatorium - Detektivarbeit in Verbrechen und Strafe  - Dostojewskis Beichten - Zeit der Inhaftierung

Fünftes Kapitel: Urgeschichte der Schuld

1 Herkunft aus Gehörtem: Auftritt des Über-Ich (361) – Sanktionslust (Kant, Freud) - Der Ungehorsam in Ebner-Eschenbachs Unsühnbar - Gewissensverlust - Freuds wissenschaftlicher Mythos - Das Reale der Geschichte - Unbewusstes Kommando (Kant, Adorno, Horkheimer)

2 Befehl des Genießens: Technik der Anrufung - Der Apparat der Institutionen - Universalisierte Schuld (Benjamin, Lacan, Rabelais) - Unbewussten Fantasien ("i#ek, Pascal) - Die Adressen der ipsissima vox - Der Klang des Schofars (Reik, Lacan, Dolar) - Kafkas Zwischenstimme - Der entleerte Ort der Macht - Die sechste Stunde in der Strafkolonie - Ohne innere Anteilnahme: Kleists Michael Kohlhaas -Polsterstiche - Geltung und Begehren (Agamben, Lacan) - Ein sadistisches Begehren - Zeichen des Gesetzes - Die Enden des kafkaschen Strafkosmos - Polyneikes und der alte Kommandant - Odradek als Lamelle  - Poetische Gerechtigkeit - Die traumatisierte Stille und Das Schweigen der Sirenen - Schluss: Die wandernde Stimme-

Quellen- und Literaturverzeichnis / Abkürzungen / Literatur / Filme und Serien / Abbildung / Dank

Der Autor

Philipp Weber ist Privatdozent für Neugermanistik am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Er studierte Deutsche Literatur, Philosophie und Neuere Geschichte in Münster, Berlin und Paris. Promotion 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2024 Habilitation an der Ruhr-Universität Bochum. Er war Feodor Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Indiana University Bloomington und International Fellow am KWI Essen. 2025 wurde Philipp Weber mit dem Wilhelm-Hollenberg-Preis ausgezeichnet.- Veröffentlichungen u. a.: Über lange Sätze (Mithg., 2025); Themenheft »Ermittlungstechniken« der Zeitschrift »Sprache und Literatur« (Mithg., 2019); Kosmos und Subjektivität in der Frühromantik (2017).

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