Details
| Autor | Calogeras, Roy C. (1933-2006) |
|---|---|
| Herausgeber | Ohlmeier, Dieter; Deserno, Heinrich (Vorwort) (Hg.) |
| Verlag | Verlag Internationale Psychoanalyse bei KlettCotta |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 1989 |
| Format | 21,0 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | gebunden |
| Seiten/ Spieldauer | 288 Seiten |
| Abbildungen | Mit 10 Abb. |
| SFB Artikelnummer (SFB_ID) | SFB-000079_AC |
Zu diesem Buch
Aus dem Vorwort
»Von allen großen deutschen Familien hat keine die geschichtlich und kulturell beherrschenden nationalen Züge, die wir als deutsche bezeichnen, deutlicher in sich vereint als die Familie Krupp. Sie ist immer wieder als Symbol des vaterländischen Nationalgefühls bezeichnet worden. Der psychischen Realität kommt es jedoch näher, sie als ein zentrales Symptombild des kulturellen Nationalcharakters ihres Landes zu bezeichnen. Diese Symptomatik der kulturellen Neurose gilt es an ihren Ursprüngen aufzuspüren und zu entwirren, um den Schlüssel zu ihrer wahren psychischen Natur zu finden. (...)
Es ist berechtigt, daß auch Leser, die sich ohne Voreingenommenheit für die vorliegende psychoanalytische Untersuchung interessieren, beim Begriff der kulturellen Neurose fra-gen werden, was .damit gewonnen wird, wenn man ein kollektives Phänomen als Neurose bezeichnet. Dazu ist in Kürze zu sagen, daß für Freud die Kultureignung oder „Soziabilität“ des Menschen nichts Gegebenes oder Naturwüchsiges darstellte; im Gegenteil, er vertrat bekanntlich die Auffassung, daß Gesellschaftsbildung und Kultureignung einen spezifischen Preis fordern, der in der partiellen Nichtbefriedigung beziehungsweise Hemmung triebhafter Regungen liegt. So ist die Verwendung des Neurosebegriffs nicht im Sinne einer deskriptiven Diagnose oder Krankheitseinheit zu verstehen, die schon bereitliegt, um jeweils im Sinne einer Pathologisierung appliziert zu werden. Die Psychoanalyse insistiert auf dem Begriff der Neurose, weil sie ihn als Modellvorstellung von Hemmung oder kompromißhafter Konfliktlösung benötigt. Die Entstehung der Psychoanalyse selbst ist untrennbar mit einer spezifischen Sicht auf den Menschen verbunden: indem sie in entschiedener, ja radikal zu nennender Weise den Menschen „vom Seelenende dieser Welt“ her erforschte, wie Freud in den Briefen an Fließ formulierte, mußte sie erkennen, daß „neurotisches Elend“ in einem bestimmbaren Verhältnis zu „gemeinem Unglück“ steht, oder anders gesagt, daß das Leiden, dem sich die Psychoanalyse in der Therapie wie in der Kulturanalyse zuwendet, inneres und soziales Leiden zugleich ist.
Die Reihe der Begriffserläuterung ließe sich fortsetzen. Exemplarisch soll angedeutet werden, was in der vorliegenden Kulturstudie mit der Verwendung von „Analität“, „analem Sadismus“ oder „analem Narzißmus“ gemeint ist. Die umgangssprachliche Bedeutung legt auch hier eine Identität mit manifester Pathologie nahe. Dabei bleibt jedoch unberücksichtigt, daß die genannten Begriffe - trotz ihrer vordergründigen Konnotation - theoretische Abstraktionen sind; in ihnen sind zahlreiche Einzelerfahrungen der psychoanalytischen Praxis aufgehoben und systematisiert. Nach Art eines Kürzels wird eine Gesamtsituation frühkindlicher Erlebnisweisen, aber auch unbewußt gewordenen Erlebens beim Erwachsenen erfaßt, die im Falle der Analität die ontogenetisch frühesten Formen des Besitz-, aber auch des Verlustgefühls, der Verweigerung wie der Unterwerfung, der Allmacht wie der Ohnmacht umfaßt. Hinzuzufügen ist, daß im frühkindlichen Entwicklungsstadium Erfahrungen der Verlassenheit als Traumen erlebt werden, als ein Ausgeliefertsein an die eigene Trieb- und Wunschwelt. Von „analer Fixierung“ spricht man, wenn traumatische Erfahrungen dazu beigetragen haben, daß die Erlebnisweise eigener Aktivität oder Passivität zu unbewußten Phantasien von sadistischer Bemächtigung und masochistischer Erregung geworden sind, wodurch sie in den seelischen Vorgängen des Erwachsenen eine Art Eigenleben führen, was auch bedeutet, daß sie gleichsam hinter dem Rücken des Bewußtseins Erlebnis- und Handlungsweisen mitbedingen.
Die Triebschicksale der Analität, ihr Niederschlag in den Strukturen von Ich und Über-Ich sind für die Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen von großer Bedeutung. Kinder sind leidenschaftliche Wesen; ihre sinnlichen Triebe und Phantasien geben ihrem Leben einen dramatischen Charakter. Immer finden sich in der Persönlichkeit des Erwachsenen Abkömmlinge der kindlichen Erlebnisweise, sei es dysfunktional in Symptombildungen, sei es funktional in der Übernahme sozialer Anforderungen. Die Geschichte der Analität ist eng mit Protest und Gehorsam verknüpft. Dem Autor der Krupp-Studie verdanken wir ein differenziertes Bild davon, wie dysfunktionale und funktionale Momente der Analität nebeneinander bestehen, sich gegenseitig intensivieren, aber auch stören. Man kann unseres Erachtens Calogeras an keiner Stelle den Vorwurf machen, er behandle individuelle Pathologie und soziales Funktionieren schlichtweg als austauschbar. So vermeidet er die Gefahr, seine Studie in ein Tribunal über das Böse schlechthin einmünden zu lassen, indem er neben den expansiven Erfolgen der Krupp-Dynastie auch ihre selbstruinösen Vorgehensweisen ausführlich darstellt.«
Aus dem Vorwor von Dieter Ohlmeier und Heinrich Deserno
Inhalt
- Vorwort Dieter Ohlmeier und Heinrich Deserno: Vowort zu deutschsprachigen Ausgabe
- Fabian Schupper: Geleitwort
- Danksagung
- 1. Kapitel: Szenarium
- 2. Kapitel Die Ursprünge der Krupps und die kulturelle Störung
- 3. Kapitel: Die Anfänge der Dynastie: Friedrich und Alfred Krupp
- 4. Kapitel: Die Folgen der Grundstörung: Alfred baut eine Dynastie auf
- 5. Kapitel: Alfred und Fritz: Die folgenschwere Übermittlung
- 6. Kapitel Bertha Krupp und Gemahl Gustav
- 7. Kapitel Alfried Krupp und das Ende der Dynastie
- 8. Kapitel: Die deutsche kulturelle Neurose
- 9. Kapitel Die kulturelle Neurose: Kultur aus meta- psychologischer Perspektive
- Anmerkungen / Literaturverzeichnis.
Der Autor
Der us-amerikanische Psychoanalytiker Roy C. Calogeras, (1933-2006) arbeitete als Psychotherapeut in Honolulu (Hawaii) und New York, bevor er nach Deutschland kam, und in Wiesbaden eine Praxis eröffnete. Seine speziellen Interessen gelten der psychoanalytischen Traumtheorie und -interpretationstechnik sowie der Theorie und Praxis von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen. Er warl Mitglied der Frankfurter Psychoanalytischen Vereinigung und der New York Freudian Society. „Die Krupp-Dynastie' ist sein erstes in deutscher Sprache erschienenes Buch.
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