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Autor Weil, Simone (1909-1943)
Verlag Matthes u. Seitz, Berlin
Auflage/ Erscheinungsjahr 28.08.2025
Format 18 × 10 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 102 Seiten
Gewicht 96
Reihe Fröhliche Wissenschaft, Band 258
ISBN 9783751830577

Zu diesem Beitrag

Eine (Wieder)Entdeckung: Simone Weil über Krieg und Gewalt

Seit dem Münchner Abkommen im September 1938 steht Europa vor der Drohung eines neuen Weltkriegs. Simone Weil, Philosophin, Gewerkschaftlerin, Aktivistin, sieht sich unter äußerstem Druck: Was kann sie, die radikale Pazifistin, tun, wenn Hitlers Deutschland tatsächlich den Krieg beginnt? In dieser Extremsituation schreibt sie einen ihrer berühmtesten Texte, eine souveräne Darstellung des homerischen Epos, zugleich die minutiöse Analyse dessen, was die kriegerische Gewalt macht aus den Menschen und der Welt. Simone Weil weiß, »dass man die Gewalt niemals bewundern soll, die Feinde nicht hassen und die Unglücklichen nicht verachten«, und erkennt gerade daraus die menschliche Pflicht zum Widerstand. Wolfgang Matz stellt in seinem Essay sodann eine der großen Reflexionen über Krieg und Frieden zur Diskussion: Was leistet Simone Weils Machttheorie gegenüber den heutigen Konflikten? Wo sind die Grenzen ihres pessimistischen Begriffs der Gewalt? Wie aktuell ist ihre Idee einer universalen Moral? Simone Weils Kritik des Pazifismus und ihre dennoch illusionslose Analyse der Realität des Krieges ist die konzentrierte Bilanz des politischen und moralischen Zwiespalts, der im 21. Jahrhundert von Neuem aufbricht.

Inhalt

  • Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt 7
  • Wolfgang Matz: Simone Weil, der trojanische Krieg und der Krieg 59
  • Anhang / Nachweise 97 / Editorische Notiz 101

Aus der Einleitung der Autorin:

"Der wahre Held, der wahre Gegenstand, das Zentrum der Ilias ist die Gewalt. Die Gewalt, wie sie von den Menschen geübt wird, die Gewalt, die die Menschen unterwirft, die Gewalt, vor der das Fleisch der Menschen zusammenschrumpft. Unaufhörlich wird die menschliche Seele durch ihre Beziehungen zur Gewalt gewandelt, sie wird fortgerissen, geblendet durch die Gewalt, die sie zu beherrschen glaubt, gebeugt durch den Zwang der Gewalt, den sie erleidet. Die da geträumt hatten, daß die Gewalt, dank dem Fortschritt, von nun an der Vergangenheit angehöre, haben in dieser Dichtung ein bloßes Dokument sehen können; die aber erkennen, daß die Gewalt, heute wie ehemals, Mittelpunkt jeder menschlichen Geschichte ist, finden in der Ilias ihren schönsten, ihren reinsten Spiegel.

Die Gewalt macht aus jedem, der ihr unterworfen ist, eine Sache. Wird sie bis zum Äußersten geübt, so macht sie aus dem Menschen eine Sache im wörtlichen Sinn, sie macht einen Leichnam aus ihm. Da war jemand, und einen Augenblick später ist niemand mehr da. Das ist ein Bild, das die Ilias nicht müde wird, uns vor Augen zu stellen:

. . . die Pferde ließen
Scheppern die leeren Wagen hin auf den Wegen des Krieges,
Trauernd um ihre fehllosen Lenker gestreckt zur Erde,
Jetzo viel teurer den Geiern als ihren liebenden Frauen.

Der Held ist eine Sache, die hinter einem Wagen durch den Staub gezerrt wird:

Staubgewölk umwallte den Schleppenden; rings auch zerrüttet
Rollte sein finsteres Haar, da ganz sein Haupt in dem Staube
Lag, so lieblich zuvor! allein nun half es den Feinden
Zeus zu entstellen verliehn in seiner Väter Gefilde.

Ungemischt dringt die Bitternis des Geschehens in uns ein, kein erbaulicher Wahn mildert sie, nicht tröstliche Unsterblichkeit, nicht der schale Glanz von Ruhm und Vaterland. Aufwühlender noch, weil der Kontrast so schmerzlich ist, wenn plötzlich, und gleich wieder entschwebend, eine andere Welt vor uns heraufbeschworen wird, die ferne, schwankende und rührende Welt des Friedens, der Familie, die Welt, in der ein Mensch für die, welche um ihn sind, das Kostbarste ist: (...)"

Stimmen zu diesem Buch

»Der Aufsatz ›Die Ilias oder das Poem der Gewalt‹, einer der großen Essays des zwanzigsten Jahrhunderts, der allein schon die Lektüre dieses Bandes lohnt, ist zugleich eine zwingende Deutung der ›Ilias‹ und eine Macht- und Gewalttheorie, die Foucault um Jahrzehnte vorwegnimmt.«

Wolfgang Matz,in der Frankfurter Allgemeine Zeitung - FAZ

Autorin

Simone Weil wurde in Paris geboren. Nach ihrem Studium an der École normale supérieure arbeitete sie als Philosophielehrerin in der Provinz und war in der Gewerkschaft aktiv. 1936 engagierte sie sich auf Seiten der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg. Neben einer ständigen publizistischen Tätigkeit arbeitete sie als Fabrik- und Hilfsarbeiterin. 1942 gelangte Simone Weil auf der Flucht vor der Gestapo über Amerika nach London, wo sie als Redakteurin von »France libre« arbeitete und trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes plante, sich als Krankenschwester an die Front versetzen zu lassen. Sie starb 1943 in London. In deutscher Sprache wurde ihr Werk verstreut veröffentlicht; die meisten Publikationen sind vergriffen.

»Jede Zeile Simone Weils lohnt die Lektüre.« Susan Sontag

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