Details

Autor Thumann, Michael
Verlag AB - Die Andere Bibliothek
Auflage/ Erscheinungsjahr 29.09.2020
Format 21.9 × 12.3 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 288 Seiten
Gewicht 483
Reihe Die andere Bibliothek (dAB) - Erfolgsausgabe
ISBN 9783847704300

Zu diesem Beitrag

Ein altes Gespenst geht um die Welt: Ein neuer und autoritärer Nationalismus bedroht die liberalen Demokratien

Michael Thumann untersucht historisch, in einer Gesamtschau auf Europa und in einem Blick auf die USA unter Trump die alt-neuen Muster des Nationalismus; eine Idee, die während und nach den Kriegen der Französischen Revolution geboren wurde und sich von West- nach Osteuropa und schließlich über die ganze Welt verbreitete. Nationalismus hat Europa im 20. Jahrhundert gleich mehrfach zerstört und viele Millionen Menschen das Leben gekostet.

Über den Osten und Südosten ist der Nationalismus nach Europa zurückgekehrt. Das Wiedererwachen des serbischen Nationalismus und die Kriege im ehemaligen Jugoslawien führten erstmals die neue Gefahr für den Kontinent Europa vor. In den 1990er-Jahren ist ein neuer Nationalismus entstanden. Nationalisten gewinnen an Zulauf, in Russland, in der Türkei, auch in Deutschland. In Osteuropa benutzen autoritäre Herrscher den Nationalismus als Mittel, um ihre Macht zu erweitern.

Putin und Erdogan, Orbán und Trump in den USA bedrohen die liberalen Demokratien ebenso wie die klassischen Bündnisse. Alle Nationalisten eint: Immer sehen sie in den anderen die Schuldigen und sich als Opfer. Eine Welle von Apologien des Nationalismus überschwemmt die Medien und Buchmärkte, ein zunehmend gewalttätiger und rassistischer Nationalismus auch in Deutschland gefährdet mit terroristischen Anschlägen unsere moderne Zivilisation.

Textprobe

Am 5. Oktober 2019 griff der türkische Staatschef zum Tele-fon und ließ sich zum amerikanischen Präsidenten durchstellen. Es sollte um Krieg, Tod und Vertreibung gehen, aber die Herren begannen ihr Gespräch in lockerem Tonfall. Donald Trump schmeichelte Tayyip Erdoğan, der seinerseits lobte den Amerikaner für dessen letzten TV-Auftritt. Dann kamen die beiden zur Sache. Trump war daran gelegen, ein Wahlkampfversprechen einzulösen und die amerikanischen Truppen aus Nordsyrien abzuziehen. Erdoğan wollte dort gern einmarschieren. Der kleine Haken: In dem Gebiet lebten syrische Kurden, die mit den USA verbündet waren. Man war sich schnell einig. Wenige Tage nach dem Telefonat bombardierten türkische Flugzeuge kurdische Stellungen. Erdoğan führte zum dritten Mal in drei Jahren Krieg gegen die syrischen Kurden. Trump verriet mit dem Rückzug einen langjährigen US-Alliierten und begründete das mit der Geschichte. Er warf den Kurden vor, sie hätten die USA 1944 bei der Invasion in der Normandie gegen Hitler nicht unterstützt. Schließlich empfahl er ihnen, »bei Russen, Chinesen oder Napoléon Bonaparte« um Hilfe nachzusuchen. Für das Telefonat der Mächtigen zahlten Tausende Kurden mit ihrem Leben. Hunderttausende verloren Hof, Heimat und Zukunft.

In dieser Episode ist alles zu besichtigen, was den neuen Nationalismus ausmacht: Männerabsprachen über Leben und Tod, Herrscherwillkür, Lügen, Häme, Unberechenbarkeit, Opfermythen, Verrat, Hybris und Krieg. Es sind die Zutaten für den gefährlichsten Giftcocktail unserer Zeit. Seit der Mitte des vergangenen Jahrzehnts erobern Rechtspopulisten und autoritäre Politiker die Macht in demokratischen Ländern, in Europa wie in der ganzen Welt. Der Nationalismus, eine totgeglaubte Ideologie aus dem 19. Jahrhundert, ist zurück. (....)"

Inhalt

1. Was uns bedroht
2. Jahrhundert des Genozids
3. Dichtung und Völkermord: Radovan Karadžić
4. Lust am Leiden: Moskau 1999
5. Eroberer: Wladimir Putin
6. Nationalismus-Produzenten
7. Geschichts-Produzenten
8. Instinktherrscher: Tayyip Erdoğan
9. Opferkult auf Türkisch
10. Krieg
11. Angriff auf Europa
12. Nationalimperialist: Donald Trump
13. Neue Nationalisten: Von Orbán bis Johnson
14. Deutschland, (un-)einig Opferland
15. Nach dem Nationalismus?

Dank / Literaturempfehlungen

Stimmen zum Buch

„Es ist ein kluges wie deprimierendes Werk, weil es zeigt, dass dieses überwunden geglaubte Denken wieder voll erwacht. Und das nicht nur im Kaukasus, sondern auch bei Männern wie Putin und Erdogan oder Trump und Johnson bis tief hinein in die EU. Die Mächtigen dort sollten es dringend lesen: als Mahnung.“

Aus einer Besprechung im ZDF - Zweites Deutsches Fernsehen

Der Autor

Michael Thumann ist Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT und lebt in Moskau. Seit den 1990er Jahren berichtet er für die ZEIT aus Russland, Osteuropa und dem Nahen Osten. Seine Artikel, Podcasts und Bücher über Russland als Vielvölkerstaat und den neuen Nationalismus Putins haben unseren Blick auf dieses Land erweitert. Russland kennt er schon aus Studienzeiten, als er u.a. an der Moskauer Lomonossow- Universität studierte.

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