Details
| Autor | Lawtoo, Nidesh |
|---|---|
| Verlag | Lit Verlag |
| Auflage/ Erscheinungsjahr | 01.01.2024 |
| Format | 21 × 14 cm |
| Einbandart/ Medium/ Ausstattung | Paperback |
| Seiten/ Spieldauer | 436 Seiten |
| Reihe | Beiträge zur mimetischen Theorie, Band 36 |
| ISBN | 9783643251107 |
Der größte Teil unseres Wesens ist uns unbekannt. . . . Wir haben
ein Phantom vom „Ich“ im Kopfe, das uns vielfach bestimmt.
Friedrich Nietzsche, Schriften aus dem Nachlass
Aus der Einleitung des Autors
"Ein Phantom spukt in der modernen Welt – das Phantom von Ego. Diese spukhafte Gegenwart beschränkt sich nicht auf das Dunkel der Nacht; sie ist auch nicht einfach das Produkt der träumerischen Einbildung des schlafenden Subjekts, etwas, das man bei Tagesanbruch mit dem Willen verscheuchen kann, wenn das Licht der Vernunft zurückkehrt. Vielmehr scheint das moderne Ich von einem solchen Gespenst auch während des Wachzustands im Alltagsleben verfolgt, heimgesucht und vielleicht sogar besessen zu sein. Das zumindest behauptet Friedrich Nietzsche, wenn er schreibt: „Der größte Teil unseres Wesens ist uns unbekannt (...). Wir haben ein Phantom vom „Ich“ im Kopfe, das uns vielfach bestimmt.“ Was bedeutet es, ein Phantom anstelle des Ichs zu haben? Heißt das, dass das Ich wie ein Schatten ein anderes Ich von außen kopiert? Oder aber, dass ein äußeres Ich auf geheimnisvolle Weise in den eigenen Kopf eingedrungen ist und von innen Kontrolle über ihn ausübt? Für Nietzsche ist sicher, dass dieses „Phantom“ nicht als seltene psychische Illusion abgetan werden sollte, sondern für eine ganz verbreitete mimetische Verwechslung verantwortlich ist. Wie er in Morgenröte erklärt, entsteht dieses Phantom aus einem unbewussten Prozess psychischer „Kommunikation“, der sich auf ansteckende Weise vom Selbst auf andere ausbreitet, von einem Kopf zum anderen, und „die große Mehrheit“ ihrer eigenen Gedanken, Werte und Meinungen beraubt und dadurch ihr Ich in das verwandelt, was er auch „Phantom von Ego“ nennt.
Mimesis also nicht als einfache Nachahmung, sondern vielmehr Mimesis als eine beunruhigende Form unbewusster Kommunikation, die den Grenzen der Individuation Schwierigkeiten bereitet: Das ist, kurz gesagt, das alleinige, aber vielgestaltige Problem, mit dem ich in diesem Buch ringe. Schwer fassbar, maskiert, immer in Bewegung ist die Mimesis ein dramatischer, gespensterhafter Begriff, der seine Form willkürlich ändert und in eine Vielzahl verwandter begrifflicher Charaktere und personae schlüpft. Von der Hypnose zur Identifikation, von der Einfühlung zur Trance, von Pathologien der Hysterie zu faschistischen Ideologien, von „primitiven“ magischen Handlungen zu einer Vielzahl „moderner“ Körperreaktionen, von ansteckenden affektiven Wirklichkeiten zu virtuellen, von den Massenmedien vermittelten Hyperwirklichkeiten, werden wir sehen, dass die Mimesis an den meisten Schlachten beteiligt ist, die für die Krise der Moderne konstitutiv sind. Dieses Buch schlägt also keine Rückkehr zur alten Auffassung des „mimetischen Realismus“ vor, sondern eröffnet vielmehr eine neue interdisziplinäre Untersuchung eines fragmentierten, glitschigen und vielgestaltigen Phänomens, das „den Geist der Moderne“ insgesamt heimsucht. (...)"
Inhalt
Danksagung
Einleitung
- 1. Pathos der Distanz
- 2. Mimetische Patho(-)logien
- 3. Alte Streitigkeiten, moderne Versöhnungen
- 4. Das mimetische Unbewusste
- 5. Diagnostisches Programm
Kapitel 1: Nietzsches mimetische Patho(-)logie
- 1. Von der Antike bis zur Moderne
- 2. Das Phantom
- 3. Der Logos des Mitgefühls: Mimetische Infektionen / Die Macht des Mitleids / Die Rekonstruktion der Mimesis
- 4. Jenseits des Rivalitätsprinzips: Die Girardsche Herausforderung
- 5. Nietzsches Platonismus: Theatrokratie / Der platonische Bann / Die dionysische Neurose
- 6. Psycho-Physiologie der modernen Seele: Die Sprache der Moderne / Das Pathos des Willens zur Macht
- 7. Prophet des Nazismus?: Das Jahrhundert der Massen / Der philosophische Arzt
Kapitel 2: (Joseph) Conrad und das Grauen der Moderne
- 1. Apocalypse Now im Klassenzimmer: Copollas Pathos / Conrads Distanz
- 2. Ein Vorposten des Rückschritts
- 3. Herz der Finsternis und das Grauen der Mimesis: Die kleine Theorie / Das Pendel des Mediums / Sexismus und Öffentliche Meinung / Die Gesetze der Nachahmun / Die hypnotische Schlange / Die Rhetorik des Rassismus / Das Grauen der Moderne / Phantom eines Phantoms
Kapitel 3: D. H. Lawrence und die Auflösung des Ichs
- 1. Gespenstisches Wiedererscheinen
- 2. Primitivistische Teilhabe: Die Sympathie des religiösen Pathos / Die Magie der Teilhabe
- 3. Die Geburt des idealen Ichs; Die dionysische „Aufwärtsströmung“ / Der Schatten des Idealen (von Platon zu Lacan)
- 4. Die Neuauflage der Massenpatho(-)logie: Die apollinische Masse / Ist Lawrence postmodern?
- 5. Lawrence contra Freud: Freud’sches Symptom, anti-ödipale Diagnose / Lawrence und das Unbewusste / Kapitel 4: Batailles mimetische Kommunikation
- 1. Der phantomhafte Matador
- 2. Die Erhellung faschistischer Psychologie: Geschichte des Ichs / Die Verführung der Mimesis
- 3. Anthropologische Gärung: Die Kraft des Mana / Jenseits von guter und böser Mimesis
- 4. Das Freud’sche Dreieck: Die Neuauflage der Geschichte des Ichs / Das Experiment der Magie / Die „Wissenschaft“ des Unbewussten / Die Rückkehr der Mimesis
- 5. Souveräne Kommunikation, unbewusste Nachahmung: Mimetische Kommunikation / Durch die Freud’sche Schleife / 6. Die Psychologie der Zukunft / Ein Kopfnicken gegenüber dem Herrn / Lachen mit dem Sozius / Janets Psychologie des Sozius / Das kitzlige Ich / Phantome des Gipfels / Koda: Neubetrachtung der Mimesistheorie
- 7. Modernismus und die Theorie der Mimesis
- 8. Das Lachen der Gemeinschaft
- 9. Die Mitte hält nicht mehr
Literatur
Register
Der Autor
Nidesh Lawtoo Jahrgang 1976, ist Philosoph und Kulturkritiker, Professor für Europäische Literatur und Kultur an der Universität Leiden und Leiter des ERC-Projekts „Homo Mimeticus“. In seiner interdisziplinären Arbeit wird das antike Konzept der „Mimesis“ über den Realismus hinaus neu definiert, indem die modernen /zeitgenössischen Erscheinungsformen der Nachahmung untersucht werden. Dazu gehören Identifikation, Beeinflussung, Mimikry, Ansteckung, Simulation, Empathie /Sympathie, Spiegelneuronen, Plastizität, posthumane Mimesis und andere Phänomene, die zeigen, wie Nachahmung für die menschliche Originalität von zentraler Bedeutung ist - im Guten wie im Schlechten
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