Details

Autor Därmann, Iris
Verlag Matthes u. Seitz, Berlin
Auflage/ Erscheinungsjahr 31.07.2025
Format 20.4 × 12.4 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 240 Seiten
Gewicht 303
ISBN 9783751820813

Zu diesem Buch

Wie Kinder diese Welt erfahren, können wir als Erwachsene nicht genau wissen. Aber in Räumen zerstörter Kindheit – im Ghetto, im Lager oder im Krieg – wird eine vitale Widerstandskraft von Kindern sichtbar, die punktuell aus der Nacht der Gewalt herausführt. Der polnische Arzt Janusz Korczak gründet Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Waisenhaus in Warschau eine Republik der Kinder, die ganz von deren Selbstregierung bestimmt ist. Den ihm anvertrauten Kindern weicht er nicht von der Seite, auch nicht, als sie ins Lager Treblinka deportiert werden. Im Sommer 1945 regt Marie Paneth in einem englischen Empfangslager jüdische Kinder an, ihre Erfahrungen zu malen. Die Bilder zeigen eindrücklich ihr Erleben der Shoah. Auch die anarchische Güte überlebender Kinder aus dem Ghetto Theresienstadt, die Anna Freud in ihre Obhut genommen hat, zeugt von einer unbedingten Geschwisterlichkeit ohne direkte Verwandtschaft. Und diese Erfahrung der Lager wird die psychiatrischen Anstalten für immer verändern: Mit Fernand Deligny und Maud Mannoni schafft die antipsychiatrische Bewegung neue Institutionen und Lebensformen demokratischer Teilhabe für Kinder.

In vier Fallgeschichten lässt Iris Därmann Kinder in ihrer verletzten Subjektivität und im Modus radikaler Geschwisterlichkeit in Erscheinung treten, die die zunehmend infantilisierende und infantilisierte Vorstellung von Kindheit hinterfragen; Darmanns Darlegungen aus der Perspektive von Kindern versteht sich als ein kritischer Beitrag zu den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen rund um Familie, um das Verhältnis zwischen Jungen und Alten und zur Zukunftsfähigkeit der demokratisch verfasszen Gesellschaft insgesam.

Inhalt

  • Aus der Nacht heraus
    Mit einer einleitenden Bemerkung
  • Die kommende Demokratie ist eine Demokratie der Kinder.
    Janusz Korczaks Kinderrepublik
  • Kunsttherapie und Kinderanalyse nach Theresienstadt
    Marie Paneth, Anna Freud und die Kinder von Windermere
  • Kinder versammeln.
    Fernand Delignys kartografischer Humanismus
  • Gesprengte Institutionen.
    Maud Mannoni und die Kinder von Bonneuil
  • Kinder als Miterfinder einer Menschheit der Sensibilität
  • Anmerkungen
  • Textnachweise
  • Dank

Aus der Einleitung der Autorin

"(...) Die Brüderlichkeit des antiken Geschlechter- und Verwandtschaftsmodells bleibt das richtungsweisende Paradigma. Es kann im Zuge seiner symbolischen, figuralen, spirituellen, christlichen oder revolutionären Universalisierung nicht vollständig überschritten und transformiert werden. Zweifellos weist die im Zusammenhang mit der patriarchalischen, paternalistischen und despotischen Familie generierte Brüderlichkeit über die »natürliche«, auf Zeugung und Abstammung gegründete familiäre Ordnung hinaus. Denn die »Adoption« ist ein formales Verfahren zur Erzeugung von Söhnen und Brüdern. Allerdings ist es irreduzibel mit dem Recht, der Macht und Gewalt des Vaters verknüpft. Der Sohn wiederum kann nur außerhalb der Familie auf einen Freund oder eine Gruppe von Brüdern treffen, die sich womöglich brüderlicher verhalten als jeder einzelne Bruder der eigenen Familie. Zwar kann auch diese Hyperbole der Brüderlichkeit als eine initiale Überschreitung oder Überbietung der Familie im Namen einer nicht-generischen Brüderlichkeit verstanden werden. Jedoch bleibt die übertragene und ausgeweitete Brüderlichkeit in der Bewegung der Überschreitung an das androzentrische Modell gebunden, wie Jacques Derrida in seiner »Dekonstruktion des genealogischen Schemas«76 der Brüderlichkeit vor Augen führt.

Selbst wenn die Brüderlichkeit schwesterlich erweitert oder geschwisterlich umgedeutet wird, selbst wenn sie eine Brüderlichkeit der Hautfarben, Kulturen und Sprachen meint, selbst wenn sie die Brüderlichkeit der Frauen und die Zahllosigkeit aller geschlechtlichen Differenzen77 einschließt, bleibt die väterlich erzeugte und männlich orientierte Brüderlichkeit das Modell universeller Brüderlichkeit. Es ist dies eine Brüderlichkeit, die auf den Vatermord, den Königsmord und den Gottesmord zurückgeht. Die egalitäre Brüderlichkeit kann nur um den Preis der Enthauptung des Königs und als vaterlose Gesellschaft errichtet werden.

In der Theorieszene80 von Totem und Tabu hat Sigmund Freud das Scheitern des Vatermordes durch die ödipale »Bruderhorde« dramatisiert. Insofern es sich gerade nicht um einen »Urvater«, sondern um ein »totemistisches Ungeheuer« handelt, das mit uneingeschränkter Macht alle Frauen für den eigenen sexuellen Genuss reserviert, »geht der ›Vatermord‹ dem ›Vater‹ als Figur seiner eigenen Abwesenheit voraus«.82 Die Brüder, die jeweils sein und haben wollen, was der Urvater (genauer: der Unvater) ist und hat, ohne dass sie sich an dessen Stelle setzen können, werden beständig von der gespenstischen Figur seiner Abwesenheit heimgesucht. Die revolutionäre Brüderlichkeit im übertragenen und universalen Sinne entkommt nicht diesem europäischen Paradigma der Familie mit all seinen Hierarchien, Ambivalenzen, gewaltsamen Ein- und Ausschlüssen, mit all seinem Ethnozentrismus, Sexismus und Rassismus. Es gibt daher keinen Grund, an diesem Wort, an dieser Logik, an dieser Genealogie universeller, griechischer, christlicher, revolutionärer Brüderlichkeit festzuhalten, auch nicht in der Form einer »Brüderlichkeit jenseits der Brüderlichkeit«

Gibt es überhaupt, gab es jemals eine egalitäre Familienstruktur? Eine Ausweichbewegung gegenüber der Brüderlichkeit bietet sich in der Gestalt einer anderen Familienstruktur und Verwandtschaftskonzeption an, die wesentlich durch die mütterliche Selbst-Gabe der Nahrung, der alimentären Teilung, der Fürsorge und Pflege bestimmt ist. Diese mütterliche Zuwendung und Sensibilität, die nicht auf eine heterosexuell orientierte Frau eingeschränkt ist, sondern abseits geschlechtlicher Binarität gleichermaßen von einer lesbischen Frau, von einem homosexuellen oder einem mütterlichen Vater, von queeren und Transmenschen praktiziert werden kann, ist von einer ursprünglichen Trauer und das heißt von der Arbeit der Trauer getragen. Eine so verstandene Trauerarbeit bedeutet, den Tod der und des verletzlichen Anderen kraft fürsorglicher Gesten und Gaben aufzuschieben, anstatt den Tod zu geben und ihn willentlich herbeizuführen. Bei einer solchen Neubetrachtung ginge es darum, Familie von der mütterlichen Substanz und schwesterlichen Beziehung ausgehend zu denken,84 um den möglichen Linien ihrer Ausweitung und Übertragung auf das Feld des Politischen in Gestalt von schwesterlicher Zugehörigkeit, affektiver Verbundenheit, Gabe und Gastfreundschaft zu folgen. Diese führen auf Formen und Utopien schwesterlichmütterlichen Zusammenlebens, wie sie Saint-Simonistinnen und Anarchistinnen zu Beginn und im Laufe des 19. Jahrhunderts erfunden, gelebt und praktiziert haben. - Woraus wird morgen gemacht und geschrieben sein?"

Die Autorin

Iris Därmann, 1963 in Witten geboren, ist Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Veröffentlichungen gehören u. a. Fremde Monde der Vernunft. Die ethnologische Herausforderung der Philosophie (2005) sowie Figuren des Politischen (2009) und die Kulturtheorien zur Einführung (3. Auflage 2017). 2022 wurde sie mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.

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