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Umkämpfte Zone

Mein Bruder, der Osten und der Hass

Details

Verlag Klett-Cotta
Auflage/ Erscheinungsjahr 6.06.2019
Format 21,2 × 13,6 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 377 Seiten
Gewicht 408
ISBN 9783608963724

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Zu diesem Buch

Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem analog in weiten Teilen der ehemaligen DDR bis heute weitgehend abgewehrten durchgreifenden historisch-psychologischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte und ihrer Auswirkungen auf den einzelnen und die Gesellschaft. Der daraus folgende kollektive Gedächtnisverlust scheint ein Schlüssel für das Verständnis der aktuellen kulturellen, psychologischen und politischen Situation dieses vor 30 Jahren der alten BRD einverleibten Landesteils zu sein.

Wer sich entsinnt, welch langer Zeit und welch heftigster (Generationen-)kämpfe und -konflikte es im "Westen" einst bedurfte, bis zumindest in Ansätzen eine historisch-sozialpsychologische Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt beginnen konnte, wird nicht wirklich verblüfft sein, wenn ein Landesteil, der euphemistisch auch nach 30 Jahren noch immer als "Die neuen Bundesländer" bezeichnet zu werden pflegt, diese Aufarbeitungsherausforderung gleich im Doppelpack bewältigen müßte - aber bislang kaum etwas davon hinkriegt: Die ungeschönte Aufarbeitung des Nationalsozialismus UND die des anschließenden autoritären politischen Systems der DDR mit seinen Folgen, scheint eine gesellschaftliche Herkulesaufgabe. Diese gleich doppelten Fehlstellen, die bislang unzulängliche historische und psychologische Aufarbeitung der eigenen Geschichte der letzten über 80 Jahre, dürfte eine der Hauptursachen für das verbreitete und mitunter irrational anmutende ´Unbehagen` und dessen Ausdrucksformen in weiten Teilen der ostdeutschen Bevölkerung sein. Gleichzeitig fällt den einst schlauen ´Wessis` inzwischen die damals nach Gutsherrenart erfolgte Weise der raschen ´Eingemeindung` der ehemaligen DDR auf die Füße. Keine Wieder-Vereinigung auf Augenhöhe, kein grundlegendes gesellschaftspolitisches Konzept für ein wiedervereinigtes Land wurde erarbeitet, nicht einmal das einst als Interimslösung gedachte westdeutsche `Grundgesetzt` wurde damals in einer verfassungsgebenden Versammlung gesichtet, revidiert, auf einen gemeinsam erarbeiteten Stand gebracht, um sodann in einer Volksabstimmung vom Souverän als die gemeinsame neue Verfassung beschlossen zu werden.

Das Buch Ines Geipels sucht Antworten auf das Warum der anhaltenden und tiefen Unzufriedenheit, der verbreiteten ´Politikverdrossenheit`, Lethargie und den häufig zu hörenden Bekundungen, nach denen es sich - unterm Strich - doch eigentlich ganz gut in der DDR hat leben lassen; sie berichtet von den Schweigegeboten nach dem Ende der NS-Zeit, der Geschichtsklitterung der DDR und den politischen Umschreibungen nach der deutschen Einheit; eine ´Einheit`, welche gerne und insbesondere enggeführt wurde auf den nunmehr ungehinderten Zugang zu den Fleischtöpfen des Konsums und ohne die absehbaren tiefgreifenden politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Verwerfungen und Konflikte umfassend und gemein-verständlich zu thematisieren.

Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert – insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte – paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die »Krypta der Familie« hinab.

Die Autorin

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie.
Sie lebt in Berlin und hat vielfach zu Themen der Geschichte des Ostens publiziert.

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