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Über das Vorurteil

Details

Verlag VS Verlag für Sozialwissenschaften
Auflage/ Erscheinungsjahr 1963; 01.01.1963
Format 24,4 × 17 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 52 Seiten
Gewicht 124 g
ISBN 9783663031918

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Merkliste

Max Horkheimer über das Vorurteil: „Der Trieb zur Selbsterhaltung ist nur eine der Ursachen von Vorurteilen. Eigenliebe, Bedürf­nis nach Prestige sind in der Gesellschaft mit ihm aufs engste verknüpft.“

Aus der Einleitung des Autors

"Seit dem Ende des Krieges war in Deutschland viel vom Vorurteil die Rede. In anderen Län­dern lange vorher. Wenn die Herabsetzung der Menschen wegen ihrer nationalen Herkunft, der Religion oder Hautfarbe erforscht und angegangen wurde, geschah es unter dem Titel des Vorurteils, auch dann, wenn nicht bloß Antipathie und soziale Benachteiligung, sondern der auf schwächere Gruppen gerichtete Haß, die organisierte Verfolgung, entfesselte Mordlust das Thema war. Der Euphemismus, der Gebrauch des harmlosen Wortes verdankt sich der Scheu, das Furchtbare zu nennen, ähnlich wie man gewaltsame Tötung durch gesellschaftlich bestell­te Ordnungskräfte gleichsam beschwichtigend als Hinrichtung bezeichnet. Schließlich meint ein so gebrauchtes Wort nichts anderes mehr als die krasse Wirklichkeit, deren Bild es mil­dern sollte. Die unheimliche Bedeutung schlägt auf es zurück.

Vorurteil nennt ursprünglich einen harmlosen Tatbestand. In alten Zeiten war es das auf frü­here Erfahrung und Entscheidung begründete Urteil, praejudicium. Später hat die Metaphysik, Descartes, Leibniz zumal, eingeborene Wahrheiten, Vorurteile im strengen Sinne, zur höch­sten philosophischen Wahrheit erklärt. Sätze ‚a priori‘, der Erfahrung logisch vorgeordnet, bilden nach Kant die reine Wissenschaft. Nur in England, wo Erfahrung seit Jahrhunderten als die oberste Instanz der Erkenntnis erscheint, galt prejudice, das heißt die Ansicht, die der Prü­fung durch die Tatsachen vorhergeht oder ihr sich gar entziehen will, von der Bibel abgese­hen, längst als Vorurteil im negativen Sinn.

Daß Abbreviaturen eigener Erlebnisse und dessen, was vom Hörensagen stammt, im Vollzug des Lebens eine Rolle spielen, ist offenbar. Was einmal gelernt und aufgenommen ist, wird in allgemeinen Vorstellungen aufgestapelt. Bewußt und halbbewußt, automatisch und absichtlich wird jeder neue Gegenstand mittels des so erworbenen Arsenals begrifflich eingeschätzt. Die Verhaltensweisen der Individuen in den Situationen des Alltags haben auf Grund von bruch­stückhaftem Wissen sich eingeschliffen, sind Reaktionen aus Vorurteilen. Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschi­nerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen. Nur muß er imstande sein, die Generalisierung einzuschränken, wenn er nicht unter die Räder kommen will. Jenseits des Kanals fahren Autos auf der linken Straßenseite, und hierzulande wechseln die Kunden in immer rascherem Tempo den Geschmack: Man kann sie nicht stets nach demselben Schema zufriedenstellen. Solche Vorurteile näher zu bestimmen, zwingt das eigene Interesse.

Der Trieb zur Selbsterhaltung ist nur eine der Ursachen von Vorurteilen. Eigenliebe, Bedürf­nis nach Prestige sind in der Gesellschaft mit ihm aufs engste verknüpft. Jeder muß nicht bloß so handeln, sondern so auftreten und sprechen, daß die Menschen ihm glauben und ihren Vor­teil in ihm sehen. Er bedarf der positiven Vorurteile über sich selbst. Sie zu korrigieren, fällt schwerer als wenn es nicht um Stolz und Selbstbewußtsein, sondern unmittelbar um Selbst­erhaltung geht. Es gibt dunklere Triebe die noch auf andere Weise mit Vorurteilen in Verbin­dung stehen. Machtgier, Neid, Grausamkeit haben seit Anfang die Geschichte der Länder und Kontinente beherrscht. (...)"

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