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Lehrerdämmerung

Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet

Details

Verlag Beck, C H
Auflage/ Erscheinungsjahr 29.09.2016
Format 20,5 × 12,4 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 159 Seiten
Gewicht 201
ISBN 9783406688829

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14,95 €


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Zu diesem Buch

Lehrer? ..... Deren Zeit läuft ab, so die Befürchtung des renommierten Philosophen und Kulturwissenschaftlers Christoph Türcke in seinem jüngsten Buch.

Gelernt wird heute eigenständig, beweglich, kreativ, weder Lehrern zuliebe noch nach Schablonen. So etwa klingt der Triumphgesang der wie Pilze aus dem Boden geschossenen Vertretern einer „neuen Lernkultur“.

Wie sehr dieser Weg in die Irre führt, zeigt die Streitschrift Cristoph Türckes.

Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische und pädagogische Grundeinstellungen zur Debatte. Wenn die Lehrer für den Erhalt und das Ethos ihres Berufs wirklich kämpfen, können sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rührt. Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Alles, was in Sach- und Fachkompetenzen nicht aufgeht, soll in der schönen neuen Lernwelt keinen Ort mehr haben. Menschen aber nur auf ihre Kompetenzen hin anzusehen, das heißt, sie wie Maschinen anzusehen. Lehrer zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen zu reduzieren heißt, sie zu entwürdigen. Das müssen sie sich nicht bieten lassen. Sie sind zu ihrer Selbstdegradierung und -abschaffung nicht verpflichtet, wohl aber zur Rückbesinnung darauf, was Lehren eigentlich ist.

Rezensionen

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  • 1
    Türckes Werke richten sich in der Regel gegen fundamentale Unredlichkeiten und Schönrederei. Sie sind durchweg plausibel, dabei mit feiner Ironie bis hin zum Sarkasmus versehen, etwa wenn Türcke schreibt, dass es höchst dürftig sei, ADHS als eine neue Krankheit zu behaupten, andererseits lediglich Wackelkontakte, genetische oder funktionelle Schaltfehler anzuführen …
    „Lehrerdämmerung“, sein neues Buch, schließt sich konsequent an seine bisherige weitblickende Gesellschaftsanalyse und -kritik. Ein Anklang an die Götterdämmerung ist nicht zu überhören, obwohl Lehrer – selbst zu autoritären Glanzzeiten – nicht ansatzweise Göttern geglichen haben. Doch Lehrerdämmerung beschreibt nichts weniger als die systematische Entsorgung des Lehrers. Und die 156 Seiten dieses Buches haben es in sich. Sie beschreiben, was viele als dumpfes Unbehagen schon lange gefühlt haben, es selbstverständlich nicht so brillant ausformulieren konnten wie Christoph Türcke.
    In seiner Einleitung zitiert Türcke das Lied der neuen Lernkultur: „Zeitgemäßer demokratischer Unterricht orientiert sich an den persönlichen Interessen und dem individuellen Tempo der Lernenden. Er braucht dringend Lernbegleiter, die überall zur Stelle sind, wo Lernende gerade nicht weiterkommen …“ „Gelernt wird heute eigenständig, beweglich, kreativ, weder Lehrern zuliebe noch nach Schablonen oder im Gleichschritt“ (S. 7).
    Solche Forderungen stehen konträr zur ehemaligen Pauk-, Lern- und Übungsschule und hören sich geradezu revolutionär an. Doch in drei Kapiteln lässt Türcke erkennen, dass die schöne neue Bildungswelt höchst problematisch und fragwürdig ist. Aus seiner Sicht ist Bildung zu einem ‚Kompetenzgenerierungsbereich‘ geraten, jedoch ohne einen emotionalen Boden für Kompetenz überhaupt einzubeziehen. So befasst sich das erste Kapitel folgerichtig mit dem „Kompetenzwahn“.
    Im zweiten Kapitel steht ein weiteres Zauberwort im Mittelpunkt, die Inklusion. Darum nennt der Autor das zweite Kapitel auch „Inklusionswahn“. Im letzten Kapitel widmet sich Türcke den Lehrern, die innerhalb der neuen Lernkultur zunehmend überflüssig werden.
    In seinem ersten Kapitel wird bereits deutlich, was statt Lernen und Üben – diese werden als Drill und Gleichschritt bezeichnet - angestrebt wird. „Die Zehnjährigen haben erste Einsichten in die Prinzipien der Rechtschreibung gewonnen. Sie erproben und vergleichen Schreibweisen und denken über sie nach. Sie gelangen durch Vergleichen, Nachschlagen im Wörterbuch und Anwendung von Regeln zur richtigen Schreibweise“ (S. 42). ‚Überprüft‘ werden diese Kenntnisse mit so genannten Lückensatzdiktaten. Mit deren Hilfe fallen Unterschiede im Schreibtempo nicht mehr ins Gewicht, weil so der Schreibaufwand begrenzt ist, „was insbesondere für schwächere Schreiberinnen und Schreibern hilfreich ist“. Hier wird, gemäß Türcke,, offen eingestanden, dass eine Routine des Schreibens erst gar nicht mehr angestrebt wird. Vielmehr wird die zentrale Absicht erkennbar: Es soll möglichst geringe Leistungsunterschiede geben, was am besten so erfolgt, dass ein Leistungsdruck gar nicht erst entsteht. Ähnliches wird in der Mathematik veranstaltet. Es soll nur noch angekreuzt werden, die Lösung ist vorgegeben – eingeübt wird, so Türcke ironisch, eine „Lückenfüllermentalität“. Die aktuellen Bildungsstandards verordnen also Niveausenkungen, wie Türcke feststellt unter „diffusem globalen Fexibilitätsdruck“ (S. 45). Das ist auch an der Abitursinflation festzustellen, die Anzahl jener, die in jedem Jahrgang das Abitur ablegen ist sukzessive angestiegen. Dies bedeutet, dass innerhalb der heutigen Schule das Realitätsprinzip zunehmend vermieden wird, hingegen vorgegaukelt wird, dass es auch in anderer Weise leicht ist, an ein Ziel zu kommen – das Lustprinzip soll nicht zu kurz kommen.
    Dies leitet zu Türckes zweitem Kapitel über, zur Inklusionsschule. Er schreibt, dass ein Abitur für alle eben kein Abitur mehr ist, genauso wie ein regulärer Unterricht für alle eben kein regulärer Unterricht mehr sein kann. Gemäß Türcke kann auf diese Weise nicht nur kein gemeinsamer Unterricht stattfinden, vor allem wird Ausgrenzung auf diese Weise eben kein Ende finden. „Der Klassenraum, der jeden aufnimmt und jeden anders sein lässt, ist ein Raum in dem gerade Behinderte und Lernschwache ihr Anderssein ständig knallhart demonstriert bekommen“ (S. 77).
    Damit kommt Türcke auf seine zentralen Überlegungen zu sprechen. Die neue Bildungsideologie braucht veränderte Pädagogen, die sich den Verhältnissen anpassen. „Im deregulierten Klassenraum, hat ja kaum jemand Gelegenheit, Schülern etwas vorzuführen, sich von einer Sache erfüllt zu zeigen und andere dafür zu begeistern, sie mitzunehmen auf gemeinsame mentale Entdeckungsreisen“ (S. 86). Der Lernbegleiter hingegen teilt Materialien aus, führt Aufsicht, fördert, berät und begutachtet. Konsequent ist, dass dies irgendwann auch ein Computer kann. Darum kommt Türcke in seinem zentralen dritten Kapitel zur Rückbesinnung auf den Lehrer und zu seinen Vorstellungen von einer ‚beseelten Schule‘.
    Er zeigt zunächst auf, wie Lernen entsteht, nämlich innerhalb der Beziehungen von Mutter, Vater und Kind. Aber bekanntlich sind diese auf Dauer keineswegs die besten Lehrer, Kindergarten und Schule schaffen die notwendige Distanz. Gemäß Türcke tun Lehrer für eine gewisse Tageszeit hauptamtlich und professionell, was Eltern sporadisch und dilettantisch taten: Sie zeigen, nur auf einem anderem Niveau! Und seiner Meinung nach ist ein Anfangsunterricht ohne beständiges Hervorheben von Sachverhalten und deren Befestigung durch gemeinsames Wiederholen undenkbar. Ich bin Türcke sehr dankbar, dass er jetzt auf einen zentralen Punkt zu sprechen kommt, Grundschullehrer sind Elternsubstitute und als solche unvermeidliche Identifikationsfiguren, im Guten wie im Schlechten. Damit führt Türcke die Vorstellung ad absurdum, Sachverhalte kämen als autonome Gebilde auf Sechsjährige zu. Vielmehr ist im Grundschulalter Begeisterung für Sachverhalte noch weitgehend übertragene Liebe zu Personen. Menschliches Lehren und Lernen zeigt sich als ein mehrschichtiger Übertragungsvorgang: Zunächst wird die erotische Besetzung der Mutterbrust auf Sachverhalte übertragen. Dann überträgt sich die kindliche Empfänglichkeit fürs Zeigen von der Mutter auf andere Nahestehende. Schließlich geht sie auch auf Leute über, die von Berufs wegen hervorheben und zeigen. Die wiederum verweisen umso überzeugender auf Sachverhalte, je stärker und glaubwürdiger sie als Personen sind (S. 106). Der Lehrer ist, jetzt spreche ich als Psychoanalytiker, ein Objekt von positiven und negativen Übertragungen, seine Gegenübertragungen richtet er wiederum auf seine Schüler. Türcke stellt an dieser Stelle fest: Wechselseitige Übertragung ist der Mutterboden allen Lernens“ (S. 109). Türcke betont, dass Lehrer keine Therapeuten sind und das auch klar signalisieren sollten. Dennoch bin ich betrübt darüber, dass an unseren Pädagogischen Hochschulen die psychoanalytische Pädagogik keinen Platz gefunden hat. Natürlich sollen Lehrer nicht mit Übertragung und Gegenübertragung arbeiten, aber diese bewusst wahrzunehmen, täte ihrer Arbeit unendlich gut.
    Meine ehemalige Grundschule war die schmuddelige Baracke eines Flüchtlingslagers. Wir schrieben mit Griffeln auf Schiefertafeln, und wenn es mir langweilig war, schrieb ich nachmittags Texte aus der Fibel ab. So lange, bis ich mit meiner Schrift ganz zufrieden war. Nach heutigen pädagogischen Idealen hätten aus dieser armseligen Schule nur Ungebildete in die Welt entlassen werden können. Wir hatten auch nur eine einzige Klassenlehrerin. Diese war eine bemerkenswerte Frau, sie hat uns geliebt und wir sie, aber sie hat uns auch als Gruppe gefordert. Ich bin ihr heute noch dankbar, dass sie mich in eine beispiellose Welt eingeführt hat, in die Welt des Geistes, des Denkens, Lesens und Schreibens. Ich kann Türckes Feststellungen darum nur nachdrücklich unterstreichen: Von einem guten Lehrer lernt ein Kind, sich in Sachverhalte so zu vertiefen, dass sie ihm zu „Eigen, lieb und wert werden“.
    Türckes Buch macht unmissverständlich deutlich, dass Schule und Lernen immer Teile von Beziehungen sind. Es beschreibt, wie sich Lernen verändert hat. Üben, Anstrengungen, „Hard skills“ sollen vermieden werden, sie sollen durch „Soft skills“ ersetzt werden: Verwöhnende Haltungen manifestieren sich damit in der Familie und in der Schule, Zwang zum Triebverzicht soll nicht spürbar werden. Doch Türcke macht auch deutlich, wie er sich eine Schule des Lernens vorstellt. Ich würde mir darum erhoffen, dass es nicht nur Lehrern dämmert, sich gegen ihre Abschaffung zu wehren, sondern dass sich in der gesamten Gesellschaft Protest gegen eine solche verfehlte Bildungspolitik formiert.

    Dr. Hans Hopf am 27.08.2018, 20:39
  • 2

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