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Im Fall der Liebe

Psychopathologie des Liebeslebens. Aus dem Französischen übersetzt von Rike Felka

Details

Verlag Brinkmann u. Bose
Auflage/ Erscheinungsjahr 21.12.2021
Format 26,5 × 15 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Engl. Broschur
Seiten/ Spieldauer 120 Seiten
ISBN 9783940048424

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26,00 €


Merkliste

Zu dieser Edition

Anne Dufourmantelle (1964 – 2017) ist Psychoanalytikerin und Philosophin, die durch ihre Zusammenarbeit mit Jacques Derrida zum Thema „Gastfreundschaft“ international bekannt wurde.

In diesem Buch geht es der Autorin um tiefengeschärfte Randgänge im Reich der Psychoanalyse, es bietet Protokolle über außergewöhnliche und abweichende Erfahrungen während der Analyse, erzählt in Form einzelner Fallgeschichten. Anne Dufourmantelle kombiniert die Singularität des jeweiligen Zugangs, den sie sucht, mit Denken, im Versuch, Praxis und Theorie in der Analyse immer wieder neu zu verbinden.

Immer dann, wenn es um Wiederholung und Geheimnis geht, wird der direkte Draht zur Philosophie hergestellt. Diese Anwendungen theoretischen Wissens ohne akademische Sprache sind das Ergebnis von Erfahrungen, die sich, frei flottierend am Rand, außerhalb des Kodierten und Festgelegten des psychoanalytischen Settings bewegen und den „psychoanalytischen Pakt“ selbst transformieren wollen.

Anne Dufourmantelles Schriften gilt es im deutschsprachigen Raum erst noch zu entdecken. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch Zugänglichkeit aus, obwohl sie an Hermetisches rühren. Sie sucht und findet, dabei auch Risiken eingehend und sich weit vorwagend, Lücken im diskursiven philosophischen Feld, orientiert an den Problemen der Jetztzeit, die sie ausgehend von der Praxis der Analyse füllt und unabhängig ausdeutet, dabei sprachliche Formen anwendend, die im akadamischen Feld so nicht gebräuchlich sind – zum Beispiel die direkte Ansprache des Lesers oder der Leserin durch Satzkonstruktionen, die auf dem Wort „Sie“ aufbauen.

Das Buch werden nicht allein Psychoanalytiker und eine philosophisch interessierte Leserschaft mit Gewinn lesen, auch für alle anderen bewußt im Leben stehende Menschen dürfte eine Lektüre anregend und aufschlußreich sein.

Leseprobe

Die Wiederholung denken

Für Deleuze besteht die gemeinsame Qualität von Kierkegaard und Nietzsche darin, die Wiederholung nicht nur als eine Kraft der Sprache und des Denkens begriffen zu haben, sondern in ihr die wesentliche Kategorie einer Philosophie der Zukunft erkannt zu haben. Die Wiederholung, sagt Deleuze, ist für sie gebunden an eine Prüfung – an eine ganz bestimmte Prüfung. Nietzsche schreibt, man müsse den Willen von allem, was ihn in Ketten hält, befreien, indem man die Wiederholung zum eigentlichen Objekt des Wollens macht. Gewissermaßen eine höhere Pathologie. Was Kierkegaard angeht, so erhebt er die Wiederholung zu einem forcierten Konzept, um zur Existenz zu gelangen. Die Psychoanalyse wird später versuchen, in der Nachfolge von Schopenhauer und Spinoza, die Wiederholung als Zwang zu denken. Anders gesagt, sie wird sich darum bemühen, diesen „Willen“ in uns zu denken, dieselbe Situation noch einmal zu erleben, dieselbe Emotion, denselben Affekt, so schmerzlich sie auch seien. In der Tat, woran die Patienten leiden - und zwar ohne den Ursprung noch den operativen Modus zu erkennen -, stellt sich in erster Linie als Wiederholung dar. Die repetitive Litanei des Symptoms, das auf dem Leben des Subjekts lastet, verhindert, dass es sich daraus befreien kann, es sitzt in einer Falle, deren eng gezogene Maschen keine Atmung mehr möglich machen: Schlaflosigkeit, Kopfweh, Phobien und Schwindelgefühle, Erkrankungen, aber auch wiederholte Verlassenheitserfahrungen, eheliche Gewalt, depressive Krisen, der Wunsch, alles zu beenden - die Symptome drehen sich um ein unerkanntes x, um ein Objekt des Begehrens, das sich verschleiert, um nicht repräsentiert zu werden. Ist diese Wiederholung eine Wahl oder eine Fatalität? Auf welcher psychischen Kartographie ist sie verzeichnet - und wie?

Vom klinischen Standpunkt aus ist das, was Mina Tauher dazu bringt, zu einer Konsultation zu gehen, nicht die Wirkung einer Wiederholung, inauguriert durch das traumatische Warten auf einen an die Front geschickten Sohn? Die sich immer mehr verengende Sackgasse, in welche die Wiederholung führt, ist eine Art Betäubung, die mehr oder weniger gewaltsam ist. Was sich wiederholt, sind die Leiden an der Liebe, das Gefühl der Nicht-Könnens, die Schlaflosigkeit, der Jähzorn. Eines Tages erkennt man, dass unter der scheinbaren Vielfalt unserer Erfahrungen und dem Auftreten von (unglücklichen) Zufällen möglicherweise eine Logik des Begehrens liegt, die das Leben dahin bringt, sich selbst immer wieder am selben Ort zu zerstören, vom selben Affekt gelenkt. Und man beginnt danach zu suchen, wer dieser böse Geist ist, der ohne mein Wissen die Wiederholung dieser Krisen „will“. Zum Beispiel glaubt jemand, seine Frau sei hysterisch und verlässt sie, dann trifft er ein sanftes junges Mädchen und die Krisen der Hysterie beginnen von neuem. Wider alle Erwartung enthüllt sich das Mädchen als Furie. Aber was genau sucht er in diesem immer erneuten Wiederaufnehmen der Krisen? Auf der Oberfläche der Klagen bleibt alles gleich. Aber wenn man in seinen Träumen sucht, in seinen Fehlhandlungen, in der bruchstückhaften Rede desjenigen, der es wagt, an seine Grenzen zu gehen, wenn man mit der Geduld und der Präzision eines Detektivs zuhört, von der Frage gelenkt, „warum sich das wiederholen muss“, dann gelingt es manchmal, sich diesem Schrecken zu nähern, den die Wiederholung beschützt. Die Befürchtigungen, die Angst, allein zu sein, die Symptome – sie sind da, um das Subjekt daran zu hindern, seine infantilen Treue-Begriffe, die es beschützen, zu durchschauen. Insistierender als das Ich selbst, halten sie das Zukünftige unter Verschluss.

Die Wiederholung, so Freud, kann als ein Produkt der Verwirrung von gegenläufigen Strebungen gelesen werden: einerseits erotischen Strebungen, die das Subjekt ohne Ende unter Spannung setzen, und andererseits vermeintlich „toten“ Strebungen, von denen die Löschung allen Begehrens ausgeht. Auf dem Feld des Todestriebes gibt es keine Anstrengungen mehr, auch keine Angst, da ist nur noch eine kreisförmige Wiederholung desselben tödlichen Motivs. Die Konsequenz: ein Leben wie unter Cellophan, ein gelöschtes Leben, und die Medikamente übernehmen, medizinisch abgesegnet, die Relais der Angst.

Die Wiederholung denken, heißt in die Antike zurückkehren. Die griechische Tragödie setzt einen Held in Szene, der sich selbst zum Helden macht, indem er das Schicksal erfüllt, dem er keinesfalls hätte entkommen können, ein Schicksal, das ihn auf irgendeine Art „will“ und das, wenigstens in der Lektüre Nietzsches des amor fati, darin besteht, seine Unfähigkeit in Können zu transformieren. Aber der größte Denker der Wiederholung ist ohne Zweifel Kierkegaard. Die Gegenposition zur allgemeinen Meinung vertretend, die es gerne hätte, dass Wiederholung darin besteht, dass sich etwas mit einer leichten Differenz wiederholt, schreibt er: wiederholen heißt, sich singulär zu verhalten und zwar mit Blick auf eine Sache, die einmalig ist, die kein Ähnliches oder kein Äquivalent hat. Die Wiederholung, weit davon entfernt, eine Replik des Identischen zu sein, ist Indiz einer Singularität, die sich gegen das Allgemeine richtet und in der zeitlichen Ordnung den Bruch des Diskontinuierlichen gegen das Permanente setzt. Die Wiederholung denken, heißt die Diskontinuität denken. Die spirituelle Wiederholung stellt das Gesetz oder das Ethischen in Frage, sie denunziert den allgemeinen Charakter zugunsten einer tiefergelegenen Realität, die buchstäblich unerhört, geradezu beispiellos ist. Ist diese Realität beschreibbar? Und kann der Mensch sie „wollen“: das ist die Frage, die Kierkegaard sich in seinem Text Die Wiederholung stellt.

Ein junger Mann fährt nach Berlin, mit dem Ziel, dort den Zauber einer früheren Reise, die unter bestimmten Bedingungen statthatte, wiederzufinden. Erstaunlicherweise ist das ganze erste Drittel des Werks die Beschreibung eines Theaterstücks, das der junge Mann wiedersieht, und seine Enttäuschung besteht darin, nicht an die frühere Emotion anschließen zu können. Die Begeisterung, die einige Jahre vorher vom Theater ausging, setzt eine Reflexion in Gang über ästhetische Wiederholung (was in diesem Kontext einem „das noch einmal leben“ korrespondieren würde). Kierkegaard schreibt über den Schauspieler: „Jede seiner Möglichkeiten ist (...) ein tönender Schatten. (...) In der Posse wirkt das untergeordnete Personal durch jene abstrakte Kategorie ‚überhaupt’ und erreicht dies durch eine zufällige Konkretion.“ (2) Diese abstrakte Kategorie des Allgemeinen könnte man auch als Dummheit bezeichnen, als „stupidity“(3). Die Posse (frz. farce) ist eine Inszenierung der Wiederholung mit den Mitteln des Theaters, das heißt eine Wiederholung in der zweiten Potenz der Idealität. Der Ästhet valorisiert den Augenblick, weil er fürchtet, sich dem Realen auszuliefern. Er lebt im ewigen Exil seiner selbst, aber die Verführung erwirkt, dass er sich in seinem Ich wohlfühlt, das nur das reine Mögliche ist. Der ästhetisierende Narzissmus unserer Gesellschaft, der durch die Denker der Postmoderne evident gemacht worden ist, scheint in vielerlei Hinsicht diesem Schwindel des Ästheten sehr nahe zu kommen, der mit der mimetischen Wiederholung des rein Möglichen beschäftigt ist. In der ästhetischen Wiederholung spielt die Neurose immer wieder die gleiche Rolle. Das Ich nimmt an einer theatralen Repräsentation teil, ohne auch nur ein Wort des Textes ändern zu können und ohne Zugang zu einem „Dahinter“. Das zweite Bewusstsein der Wiederholung setzt sich der Unmittelbarkeit des Ästhetischen entgegen, denn die Wiederholung bedeutet hier nicht nur das „noch einmal“, sondern die Ewigkeit im Augenblick. Die spirituelle Wiederholung verdammt also das Gedächtnis dazu, Wiedererinnerung zu sein.

Der junge Mann in der Abhandlung von Kierkegaard ist irritiert, denn er begreift, dass es darum geht, die Wiederholung gerade nicht zu wollen, damit sie stattfinden kann. Bei seiner Rückkehr denkt er über den Sinn dieser von ihm herbeigewünschten Reprise nach, die sich für ihn nicht eingelöst hat, und setzt sie dem Wiedererinnern in der griechischen Antike entgegen (wo alles schon eingeschrieben ist). Was die Möglichkeit jeder Wiederholung tötet, ist unser Wille, erwirken zu wollen, dass die Zeit zum Ort der Manifestation der Idee werden soll. Folglich ist die Wiederholung transzendent, vielleicht ist sie sogar „ein wenig zu transzendent, um gedacht zu werden.“ Man versteht, warum Kierkegaard so starke Skrupel hat, aus der Wiederholung eine Kategorie der gelebten Zeit zu machen, da diese sich weder als ethische Forderung noch als spirituelle Realität vermittelt, sondern als Aufscheinen am Rand eines Abgrunds. Wenn die Wiederholung durch die (ein Opfer verlangende) Prüfung hindurchgeht, dann deshalb, weil nur ein Wesen, das die Verlassenheit durchlebt, an die extreme Grenze seines Wollens und seiner Revolte herangeführt werden kann; nur da erscheint die Möglichkeit einer spirituellen Verdoppelung, das Jenseits der Gabe. Diese Prüfung gehört weder zum Ästhetischen, Ethischen oder Dogmatischen, sie ist absolut transzendent. „Wir Menschen können dagegen eine Verdoppelung in uns nicht aushalten“, sagt Kierkegaard. Deshalb ist es einzig die spirituelle Wiederholung, die in der Ordnung der Freiheit gelebt wird. Das menschliche Leben öffnet sich nicht auf die Wiederholung, denn durch sie wird sogar unsere Verankerung in der Zeit in Frage gestellt. Die unverzichtbare Bedingung der Verdoppelung beruht auf einer doppelten Bewegung in Richtung auf das Unendliche - zunächst auf der Bewegung der relativen Freiheit hin zur Grenze der absoluten Freiheit, um dann ins Zeitliche zurückzukehren. Aber, schreibt Kierkegaard, “die wirkliche Verdoppelung seiner selbst, ohne etwas Drittes, das von außen Druck ausübt, ist eine Unmöglichkeit und reduziert jede Existenz ... auf eine Illusion oder auf ein Experiment.“4

Der Begriff der Wiederholung ist eminent aktuell, und zwar in dem Maße wie er eine fundamentale Befragung der Moderne vorwegnimmt, die Beziehung des Subjekts zur Zeit betreffend. Durch einen auf Entscheidung basierenden Akt der Freiheit gelingt es, dass sich das Subjekt auf irgendeine Weise „noch einmal von neuem“ Zugang zu sich selbst verschafft. Dass sich diese Alterität für die Begriffsarbeit als solche nicht aneignen lässt, so wie bei Hegel die Entfremdung, zeigt ausreichend an, dass sie sich in den Anfang einschreibt, als den eigentlichen Horizont unserer Philosophie, und uns zur enigmatischen Bedeutung dieser Reprise befragt, „welche die Aufgabe der Freiheit ist“.

Die Autorin

Anne Dufourmantelle (1964 - 2017) war Philosophin und Psychonalytikerin. Sie ist die Tochter eines englisch-schweizerischen Vaters und einer französischen Mutter, verbrachte als Kind einige Jahre in Spanien und später auch in Mittelamerika. Hier wurde Spanisch zu ihrer Lieblingssprache. Diese Stationen ihrer Jugend weckten ihr Interesse an Exilliteratur und Denkern, die andere Grenzen überschreiten. Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Medizin und Philosophie in Paris. 1993 promovierte sie an der Sorbonne. Ihre Dissertation mit dem Titel La vocation prophétique de la philosophie (Die prophetische Berufung der Philosophie) beschäftigte sich mit Søren Kierkegaard, Friedrich Nietzsche, Emmanuel Levinas und Jan Patočka. (...) Nach ihrer Promotion entschied sie sich, sich der Psychoanalyse zuzuwenden. Sie veröffentlichte mehrere Bücher, darunter La sauvagerie maternelle („Die mütterliche Gewalt“) und La femme et le Sacrifice („Die Frau und das Opfer“). Dufourmantelle starb an den Folgen eines Herzstillstands, den sie erlitt, als sie vor dem Strand von Pampelonne zwei Kinder vor dem Ertrinken zu retten versuchte. Rettungsschwimmer retteten kurz darauf die Kinder.

Rezensionen

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