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Hitler in uns selbst

Erstausgabe

Details

Verlag Eugen Rentsch Verlag, Zürich
Auflage/ Erscheinungsjahr 1946
Format 13,4 × 20,6 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung OLwd.
Seiten/ Spieldauer 279 Seiten
Gewicht 491 g
SFB Artikelnummer (SFB_ID) SFB-006935_AQ

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»Das Nichts war schon vor Hitler da, aber es hatte noch nicht seinen besonderen Ausdruck, das Hitlertum erst schaffte den Ausdruck, der dem Nichts entspricht: Den Schrei statt der Sprache.«

Max Picard

»Da stand nun geschrieben, der heilige Tychon habe die Gottesmutter gebeten, es möge noch lange Friede auf Erden sein, und da habe der Apostel Paulus ihm mit lauter Stimme ein Zeichen genannt, wann der Frieden aufhören würde. Er habe also gesprochen: Wenn alle von Frieden und Ordnung reden werden, dann wird die allgemeine Vernichtung plötzlich über sie hereinbrechen.«

Ljesskow, Der verzauberte Wanderer

Leseprobe aus der Einleitung des Autors

I. Während einer Reise in Deutschland im Jahre 1932 besuchte mich der Chef einer großen deutschen Partei und fragte mich, wieso es möglich gewesen sei, daß Hitler so bekannt habe werden, daß er so viele Anhänger habe finden können. Ich wies auf die Illustrierte Zeitung hin, die auf dem Tische lag und sagte zu ihm, er möge sie anschauen. Auf der ersten Seite war eine fast nackte Tänzerin abgebildet; auf der zweiten Seite übte ein Bataillon Soldaten mit einem Maschinengewehr; darunter wurde der Gelehrte X in seinem Laboratorium gezeigt; auf der dritten Seite war die Entwicklung des Fahrrades von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute abgebildet; daneben war ein chinesisches Gedicht abgedruckt; auf der nächsten Seite waren Gymnastikübungen der Arbeiter in der Y-Fabrik während der Freizeit photographiert, darunter die Knüpfschrift eines südamerikanischen Indianerstammes. Gegenüber steht der Abgeordnete A. in der Sommerfrische.

«Das ist die Art», sagte ich, «wie der Mensch von heute die Dinge der Außenwelt zu sich nimmt. Der Mensch von heute bewegt alle Dinge zu sich hin in einem zusammenhangslosen Durcheinander; das beweist, daß auch sein Inneres ein zusammenhangsloses Durcheinander ist. Der Mensch von heute steht nicht mehr den festen Gegebenheiten der Dinge gegenüber, und die Dinge kommen nicht mehr jedes für sich zu ihm, er nähert sich dem einzelnen Dinge auch nicht mehr durch einen besonderen Akt, sondern: zu dem Menschen von heute, dessen Inneres ein zusammenhangsloses Durcheinander ist, bewegt sich ein äußeres zusammenhangsloses Durcheinander. Es wird gar nicht geprüft, was auf einen zukommt, man ist zufrieden, daß überhaupt etwas kommt, und in dieses zusammenhangslose Durcheinander kann sich jedes und jeder hineinmischen, - auch Adolf Hitler: er ist dann auch im Innern des Menschen, ohne daß man merkt, wie er hineingeraten ist, und es hängt nicht mehr von einem selber ab, sondern von der Geschicklichkeit Adolf Hitlers, ob Hitler durch das Innere des Menschen nur hindurchgehen, oder ob er sich darin festhaken will.»

Diese Zusammenhangslosigkeit einer illustrierten Zeitschrift ist im Vergleich mit dem Radio fast altmodisch, fast noch handwerklich. Das Radio hat den maschinellen Betrieb der Zusammenhangslosigkeit übernommen. 6 Uhr: Frühturnen. 6.10 Uhr: Schallplattenkonzert. 7 Uhr: Nachrichten. 8 Uhr: Morsekurs. 9 Uhr: Frühpredigt. 9.30 Uhr: Im Pfahlbauerndorf. 10 Uhr: Beethoven, Sonate für Flöte und Klavier. 10.30 Uhr: Landwirtschaftlicher Vortrag. 10.45 Uhr: Weltchronik. 11 Uhr: Ouvertüre zu «Rienzi» - und so weiter bis abends 22.10 Uhr: Spanischer Kurs. 22.30 Uhr: Für den Jazzliebhaber.

Diese Welt des Radio ist nicht nur zusammenhangslos, sie produziert auch die Zusammenhangslosigkeit, sie produziert die Dinge so, daß sie von vornherein nicht miteinander zusammenhängen und daß deshalb eines nach dem anderen vergessen wird, schon ehe sie verschwunden sind, sie erscheinen von vornherein in einer Wolke des Vergessens. Diese äußere Welt setzt voraus, daß der Menschen Inneres gar nicht fähig ist, die Dinge der Welt in einem Zusammenhang aufzunehmen, - also so, wie sie sind, wie sie bleiben und wie sie sich ihrem Wesen gemäß zueinander verhalten, - sie operiert von vornherein auf die innere Diskontinuität, auf die Zusammenhangslosigkeit des Menschen hin, damit arbeitet sie.

Es gibt keine Außenwelt mehr, die erkannt werden könnte, denn sie ist ein Durcheinander, - es gibt kein Inneres mehr-, das klar erkennen könnte, denn auch die Innenwelt ist ein Durcheinander. Deshalb bewegt sich der Mensch nicht mehr durch einen Akt des Willens zu den Objekten hin, er wählt die Objekte nicht mehr und prüft sie nicht mehr: die Welt ist aufgelöst, die Objekte bewegen sich zusammenhangslos am zusammenhangslosen Menschen vorbei. Was vorbeizieht, ist gleichgültig, wichtig ist nur, daß etwas vorbeizieht. In diese Reihe kann sich deshalb alles einschleichen, auch Adolf Hitler, und lieber ist es einem, daß er, Adolf Hitler wenigstens, erscheint, als daß gar nichts mehr erscheint. «Heil» ihm, der nicht nur selbst in diesem Durcheinander vorbeizieht, sondern auch noch dafür sorgt, daß das vorbeiziehende Durcheinander nicht aufhört, - er, der die Maschinerie des laufenden Bandes der Ereignisse und Dinge besser als ein anderer betreibt!

Die große Stadt ist der Ausdruck für das Zusammenhangslose an sich. Die Zusammenhangslosigkeit ist hier Stein, nein, Zement geworden. Andauernd werden die Linien der Häuser durchbrochen von den Bewegungen der Autos, der Trams und der Züge, die wie Maschinen sind, die alles zerhacken. Aufgelöst ist des Menschen Gestalt in dunkle Punkte, wie zum bösen Spiel werden sie zwischen Hauswänden und Straßen hin- und hergeworfen. Ferner als sonst vom Boden der Erde erscheint hier der Himmel, auch er hängt nicht mehr mit sich selbst zusammen, entzweigeschnitten ist er durch die scharfen Flugzeuge. (...)"

Die Kapitel

  • Der vorhitlerische «Betrieb» als Vorbereitung für Hitler
  • Der bloße Aspekt des Naziphänomens 21
  • Die «neue Rasse» 29
  • Der Mensch ohne Erinnerung 31
  • Der Mensch des Augenblicks 37
  • Der Mensch ohne Entwicklung 39
  • Der Mensch, der alles erneuert 41
  • Der Mensch des Radio 43
  • Die Entstehung einer Welt aus den Defekten des Menschen 48
  • Der Mensch der Greuel 57
  • Das Gesicht Hiders 68
  • Die Zerstörung der Wahrheit 77
  • Die Degradierung des Wortes zur Parole 79
  • Ersetzung der sinnvollen Ordnung durch äußerliche Gruppierung 90
  • Ersetzung der Wahrheit durch die Feststellung 92
  • Wahrheit und Irrtum als Zufälligkeiten 94
  • Die Verabsolutierung des Geringen und Nichtigen 95
  • Die «neue Ordnung» zwischen den Menschen 101
  • Der Mensch ohne Wirklichkeit 103
  • Die Degradierung der Gemeinschaft zum Zwangsverband 112
  • Die Degradierung des Symbols zum Abzeichen 122
  • Treue und Tapferkeit in der Hiderwelt 128
  • Der Antisemitismus 132
  • Die Zerstörung der Jugend und des Alters 141
  • Die Okkupation der Natur 146
  • Die Vorschulen des Nationalsozialismus 153
  • Die Erziehung 155
  • Malerei und Literatur 160
  • Philosophie 170
  • Künsder und Gelehrte 174
  • Die Nervosität 178
  • Die Sexualität 186
  • Der Nationalsozialismus, ein pseudo-politisches Phänomen 191
  • Der Einbruch in die Geschichte 193
  • Der Diktator über das Nichts 207
  • Die Expansion der Leere 221
  • Der Mensch ohne Schicksal 232
  • Verbrechen und Strafe 235
  • Die Ausnahme 239
  • Die Möglichkeiten der Rettung 243
  • Die Ausscheidung des Bösen 245
  • Das Schwierige der Situation 251
  • Die pädagogische Möglichkeit 253
  • Die Möglichkeiten einer plötzlichen Verwandlung 256
  • Die Hilfe durch die naturhaften Phänomene 257
  • Die Armut 260
  • Die Zentrierung von außen her 263
  • Der Mensch im kleineren Räume 266
  • Das Christentum, die wahre Zentrierung des Menschen 270
  • Das Christentum und der zusammenhangslose Mensch 272
  • Die Intervention 274

Zusätze 279

Stimmen zu diesem Buch

"Je rarer Neuentdeckungen werden, desto mehr sind wir auf Wiederentdeckungen angewiesen. Doch wie konnte ein Max Picard überhaupt so gründlich vergessen werden, daß man Jüngeren – auch jüngeren Autoren – heute schon seinen Namen buchstabieren muß? Zählten nicht so gegensätzliche Geister wie Rilke und Joseph Roth, André Gide und Gabriel Marcel, Hermann Hesse und Rudolf Kassner zu Picards Bewunderern? Und war nicht nach 1945 Picards Buch vom „Hitler in uns selbst“ in aller Munde?

Picard beklagt dort, daß Hitler die Deutschen gar nicht erst zu erobern brauchte: „Durch die Struktur der Diskontinuität, der allgemeinen Zusammenhangslosigkeit, war für ihn alles schon vorerobert ... nur in der Welt der totalen Diskontinuität konnte ein solches Nichts, wie Hitler, Führer werden.“ Die Macht der Diskontinuität, die es erlaubte, daß Menschen mit der gleichen säuberlichen Sorgfalt, mit der sie gerade noch Briefmarken gesammelt hatten, an der KZ-Rampe Juden selektierten, war eines der Lebenstraumen und -themen Max Picards. Sollte die Kontinuität dieser Diskontinuität, die sich die schlauen Deutschen mit einer „Stunde Null“ vergeblich vom Hals zu schaffen versuchten, nicht auch heute herausfordernd aktuell sein? (...)

Aus einer ausführlichen Besprechung von Peter Hamm, in: Die Zeit (16.021990)

«Es ist brennend vor Aktualität und geht zugleich durch die Mächtigkeit der Vision und des Wortes über alle Aktualität hinaus. Es wird als Zeitanalyse seinen Wert behalten, auch wenn der Name Hitlers nur noch ein verblaßtes Grauen erwecken wird.»

Neue Zürcher Zeitung, NZZ

«Picards Hitlerbuch ist eines der ganz wenigen Bücher der Nachkriegszeit, dessen Aktualität, dessen Richtigkeit, dessen Wichtigkeit und Notwendigkeit von Jahr zu Jahr wuchsen. Nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt kann es nicht ernst genug genommen werden.»

Prof. Dr. Hans Barth

»Ohne sich in die Niederungen der Zeitpolemik zu begeben, hat er mit diesem Buch einen Beitrag zur Zeitdeutung gegeben, der heute aus der Diskussion nicht mehr fortzudenken ist. Man kann diese Arbeit, ohne sich eines unerlaubten Superlativs schuldig zu machen, das schlechthin wertvollste Buch nennen, das über das Hitler-Phänomen geschrieben worden ist. Denn Picard bleibt nicht wie andere Deuter bei diesem Phänomen stehen, sondern nimmt es als Anlaß und Gelegenheit, das geistige Panorama unserer Zeit ins Blickfeld zu nehmen und zu deuten.«

Michael Heissenberger, Die Neue Zeitung, Berlin

»Es ist ein großartiges und revolutionäres Buch, im Sinne einer Revolution, die auf den letzten Grund geht.» Leonhard Ragaz «Noch deutlicher, ja erleuchteter als alle vor ihm, hat der große schweizerische Philosoph den Kausalnexus zwischen der ganzen Daseinsform der modernen Menschheit und allem, was man unter dem Begriff .Nazismus' subsummieren kann, dargestellt.«

Walter Abendroth, in: Deutsche Rundschau, Stuttgart

Der Autor

Max Picard (* 5. Juni 1888 in Schopfheim; † 3. Oktober 1965 in Neggio bei Lugano) war ein Schweizer Arzt und Kulturphilosoph.

Leben: Picards Urgroßvater war ein berühmter Rabbiner. Picard studierte in Freiburg im Breisgau, Berlin und München Medizin, hörte dabei aber auch philosophische Vorlesungen von Heinrich Rickert und Ernst Troeltsch. Er wurde Assistenzarzt in Heidelberg und anschliessend Arzt in München. 1918 gab er aufgrund des von ihm als mechanistisch empfundenen Medizinertums seine Tätigkeit als Arzt auf und liess sich als freier Schriftsteller im Tessin nieder, um schreiberisch diagnostisch und heilend tätig werden zu können.

Picard verfasste Werke zur Kunsttheorie, Kulturphilosophie und Kulturkritik. Bekannt wurde er zunächst durch die Arbeiten, die die menschliche Physiognomie zum Thema hatten, und in denen er dichterisch das Mysterium des menschlichen Gesichts charakterisierte und deutete und in Beziehung zum tierischen Antlitz sowie zu historischen Menschenbildnissen setzte. In dem Werk Die unerschütterliche Ehe ging er auf die Institution der Ehe ein und verteidigte diese gegen modernen Subjektivismus. Aufsehen erregte sein Buch Hitler in uns selbst. Höchst kritisch stand Picard in seinem Werk nach dem Zweiten Weltkrieg besonders dem Großstadtleben und den Massenmedien wie Radio und Fernsehen gegenüber, bei denen es keine Stille und kein Schweigen mehr gebe, auch die Psychoanalyse lehnte er ab. Er galt damit als unzeitgemäßer und antimoderner, jedoch nicht reaktionärer Denker.

1952 erhielt er den Johann-Peter-Hebel-Preis. Zu den Personen, die sich mit Picards Werk auseinandersetzten oder ihn bewunderten, zählen Rainer Maria Rilke, Joseph Roth, André Gide, Gabriel Marcel, Hermann Hesse und Rudolf Kassner.

Quelle: Wikipedia

Zum Erhaltungszustand

Im SFB.Fachantiquariat die seltene Erstausgabe als ein noch gut erhaltenes Exemplar der extrem seltenen Erstausgabe; innen entsprechend frisch und ohne Anmerkungen, Anstreichungen o. ä.  Auf dem Deckblatt und dem Vorsatz jeweils mit einem zierlichen Namenseintrag des Erstbesitzers; am Vorsatz zudem mit einem kleinformatigen Stempel der "Kapziner-Provinz Strasbourg". - Sehr selten!

Rezensionen

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