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Einbruch in die Kinderseele

Details

Verlag Furche Verlag, Berlin
Auflage/ Erscheinungsjahr 2. Auflage 1961
Format 11,4 × 18,6 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung OKart.
Seiten/ Spieldauer 31 Seiten
Reihe Furche Bücherei
SFB Artikelnummer (SFB_ID) SFB-000746_AQ

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Aus der Einleitung des Autors

"Charakteristisch ist heute: die Probleme der Erziehung gelten fast nur dem unbegabten und anomalen Kind; man hat den Eindruck, man gehe vom anomalen aus und betrachte das normale Kind als einen Sonderfall. Das paßt zu der allgemeinen Tendenz heute, nur das Auffällige, Überdeutliche zu beobachten. Die Erschei nungen heute sind fast alle ungeformt — in einer sol chen Verschwommenheit hebt sich allein das Anomale plastisch hervor, man sieht es überhaupt nur; nur das Anomale vermag dem Auge aufzufallen. Ein Phänomen gilt nur, wenn es krisenhaft, auffällig ist, nur dann ist es diskussionswürdig. Man apperzipiert es sonst gar nicht, man sieht zum Beispiel die Ehe nicht zum vornherein als ein ganzes Phänomen, das primär gilt und das erst sekundär von dem abhängig ist, was in ihm geschieht; man sieht heute die Ehe primär als ein Phänomen, das eine Gelegenheit ist für Krisen; man sieht die Ehe von der Krise aus. Es gibt heute eine besondere Terminologie des Krisenhaften, in der allein man zu diskutieren und darzustellen vermag.

Aber daß man diese Erscheinungen nur auf das Ano= male, Aufgesplitterte hin ansieht, das wirkt auch vom Betrachtenden zurück auf den Betrachteten: Man nimmt nicht nur das Zersplitterte, Verstörte wahr, man erzeugt es auch dort, wo man wahrnimmt. (Ein Beispiel aus der klassischen Psychiatrie: man weiß, daß Charcot das Bild der Hysterie zuerst entdeckt hat, aber auch, daß dann viele Neurotiker ihre Neurose nach diesem Bild geformt haben.)

Der Schüler ist vielleicht nicht nur von sich aus verstört; er wird unter dem zersplitternden Blick des Betrachters noch mehr zersplittert. Er war vielleicht ein wenig verstört gewesen, aber dann präzisiert sich die Verstörung, es wird ein Betrachter gespürt, der auf die Verstörung zugeht, und man kommt ihm entgegen.

Allerdings, der verstörte Schüler ist durch die Verstörung auch isoliert, er hat das Bedürfnis, bemerkt zu werden, er braucht und wünscht die Menschennähe, den Blick eines ihn betrachtenden Auges; einsam in seiner Verstörung, fühlt sich der Schüler durch den Blick des ihn Betrachtenden nicht mehr isoliert. So kann das pure Betrachten schon Rettung sein: aus der Isolierung herausgeholt durch den Blick des Betracht tenden, kann eine Heilung zustande kommen; der pure Akt der Teilnahme vermag zu heilen, ohne eine besondere Therapie.

Man weiß: mancher Schüler heute ist nicht von sich aus verstört, sondern er muß teilnehmen an der Ver-Störung seiner Umgebung. Das hat seinen Grund in der Struktur unserer Zeit: denn ein Phänomen ist heute nicht nur für sich, bei sich zerrissen, sondern es reißt von ihm weiter in andere Phänomene, es ist keine Barriere da für die Zerreißungen in der Umgebung."

Der Autor

Max Picard (* 5. Juni 1888 in Schopfheim; † 3. Oktober 1965 in Neggio bei Lugano) war ein Schweizer Arzt und Kulturphilosoph.

Leben: Picards Urgroßvater war ein berühmter Rabbiner. Picard studierte in Freiburg im Breisgau, Berlin und München Medizin, hörte dabei aber auch philosophische Vorlesungen von Heinrich Rickert und Ernst Troeltsch. Er wurde Assistenzarzt in Heidelberg und anschliessend Arzt in München. 1918 gab er aufgrund des von ihm als mechanistisch empfundenen Medizinertums seine Tätigkeit als Arzt auf und liess sich als freier Schriftsteller im Tessin nieder, um schreiberisch diagnostisch und heilend tätig werden zu können.

Picard verfasste Werke zur Kunsttheorie, Kulturphilosophie und Kulturkritik. Bekannt wurde er zunächst durch die Arbeiten, die die menschliche Physiognomie zum Thema hatten, und in denen er dichterisch das Mysterium des menschlichen Gesichts charakterisierte und deutete und in Beziehung zum tierischen Antlitz sowie zu historischen Menschenbildnissen setzte. In dem Werk Die unerschütterliche Ehe ging er auf die Institution der Ehe ein und verteidigte diese gegen modernen Subjektivismus. Aufsehen erregte sein Buch Hitler in uns selbst. Höchst kritisch stand Picard in seinem Werk nach dem Zweiten Weltkrieg besonders dem Großstadtleben und den Massenmedien wie Radio und Fernsehen gegenüber, bei denen es keine Stille und kein Schweigen mehr gebe, auch die Psychoanalyse lehnte er ab. Er galt damit als unzeitgemäßer und antimoderner, jedoch nicht reaktionärer Denker.

1952 erhielt er den Johann-Peter-Hebel-Preis. Zu den Personen, die sich mit Picards Werk auseinandersetzten oder ihn bewunderten, zählen Rainer Maria Rilke, Joseph Roth, André Gide, Gabriel Marcel, Hermann Hesse und Rudolf Kassner.

Quelle: Wikipedia

Zum Erhaltungszustand

Im SFB-Fachantiquariat als ein annähernd neuwertiges und mithin ausnehmend frisches Exemplar; in dieser Erhaltung kaum zu bekommen.

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