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Die Bücher und das Paradies

Über Literatur

Details

Verlag Hanser, Carl
Auflage/ Erscheinungsjahr 10.03.2003
Format 22,7 × 14,7 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 352 Seiten
Gewicht 589
ISBN 9783446203136

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23,50 €


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„Weisheit ist begreifen, daß man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist.“ Umberto Eco

Zu diesem Buch

Ohne Bücher kein Paradies - niemand weiß das besser als Umberto Eco: so schreibt er fesselnd und gelehrt über sein ureigenstes Thema: die Literatur, die Phantasie und das Erzählen. Von Don Quixote, von einer Lesart von Dantes Paradies oder von den Paradoxien von Oscar Wilde handeln seine Aufsätze. Und manchmal nimmt Eco sein eigenes Werk und sein eigenes Erzählen zum Bezugspunkt seiner Überlegungen und wirft damit ein deutliches Licht auf sein eigenes Schreiben.

Wie ich schreibe - Die frühen Anfänge

"Als Autor narrativer Werke bin ich ein eher anomales Subjekt. Denn ich habe im Alter von acht bis fünfzehn angefangen, Erzählungen und Romane zu schreiben, dann habe ich aufgehört, um es erst mit annähernd fünfzig neu zu versuchen. Vor diesem Ausbruch lange gereifter Schamlosigkeit habe ich mehr als dreißig Jahre in vorgeblicher Scham gelebt. Ich sage »vorgeblich« Dazu gleich mehr. Aber gehen wir der Reihe nach vor, also machen wir, wie es meine erzählerische Gewohnheit ist, einen Schritt zurück.

Angefangen mit dem Romanschreiben habe ich so: Ich nahm ein Heft und schrieb die Titelseite. Der Titel klang nach Salgari, denn seine Romane waren meine Quellen (zusammen mit denen von Verne, Boussenard und Jacolliot in den Jahrgängen 1911– 1921 des Giornale illustrato dei viaggi e delle avventure di terra e di mare, die ich in einer Kiste im Keller entdeckt hatte). Also Titel wie Gli scorridori del
Labrador (Die Kundschafter von Labrador) oder Lo sciabecco fantasma (Der Geisterkahn). Dann schrieb ich unten den Verlag hin, er hieß Tipografia Matenna (eine kühne Zusammenziehung von matita und penna, Bleistift und Feder). Danach machte ich mich an die Auswahl der Illustrationen, die alle zehn Seiten eingefügt werden sollten, nach dem Muster der Illustrationen von Della Valle oder Amato in den Salgari-Ausgaben.

Die Auswahl der Illustrationen bestimmte die Geschichte, die ich dann schreiben mußte. Tatsächlich schrieb ich einige Seiten des ersten Kapitels. Doch um die Sache richtig professionell aussehen zu lassen, schrieb ich in Blockschrift, ohne mir irgendwelche Korrekturen zu erlauben. Versteht sich, daß ich das Unternehmen
nach einigen Seiten abbrach. So war ich zu jener Zeit nur der Autor großer unvollendeter Romane.

Von dieser Produktion (die bei irgendeinem Umzug verlorengegangen ist) habe ich nur noch ein Werk, das zwar vollendet, aber von unbestimmter Gattung ist. Ich hatte eine Art großes Schreibheft geschenkt bekommen, dessen Seiten feine waagerechte Linien und breite veilchenblaue Ränder aufwiesen. Das
brachte mich auf die Idee (auf der Titelseite steht das Datum 1942. XXI Era Fascista, wie es damals Pflicht und Brauch war), ein Werk namens (...) zu schreiben, das Tagebuch eines Zauberers Pirimpimpino, des Entdeckers, Kolonisators und Reformators einer Insel im Arktischen Eismeer namens Ghianda, deren Bewohner den Gott Calendario anbeteten. Dieser Pirimpimpino notierte Tag für Tag mit großer dokumentarischer Pingeligkeit Fakten und (wie ich heute sagen würde) sozio-ethnologische Strukturen seines Volkes, wobei er diese trockenen Aufzählungen mit kleinen literarischen Übungen auflockerte. Zum Beispiel finde ich da eine futuristische Erzählung, die so geht: Luigi war ein tapferer Mann, weshalb er sich, nachdem er die Teller der Häsinnen geküßt hatte, in den Lateran begab, um das passato prossimo zu kaufen [...] Doch unterwegs fiel er in einen Berg und starb. Erschütterndes Beispiel für Heroismus und Philanthropie, wurde er von den Telegrafenmasten beweint.Im übrigen beschrieb (und zeichnete) der Ich-Erzähler die Insel, über die er herrschte, mit Wäldern, Seen, Küsten und bergigen Gegenden, erging sich über seine sozialen Reformen, über Riten und Mythen seines Volkes, stellte seine Minister vor, berichtete von Kriegen und Pestilenzen...

Der Text alternierte mit Zeichnungen, und die Erzählung (die keinerlei Regeln irgendwelcher Gattungen gehorchte) mündete in die Enzyklopädie – und mit dem Wissen von heute sieht man, wie die Kühnheiten der Kindheit die Schwächen des Erwachsenen determinieren können. Als ich nicht mehr wußte, was ich der Insel und ihrem Herrscher noch widerfahren lassen sollte, ließ ich ihn auf Seite 29 mit den Worten schließen: ...Ich werde eine lange Reise unternehmen...

Vielleicht werde ich auch nicht wiederkommen. Ein kleines Geständnis: In den ersten Tagen habe ich mich als Zauberer bezeichnet. Das war gelogen, ich heiße nur Pirimpimpino. Verzeiht mir.« Nach diesen Versuchen beschloß ich, mich auf Comics zu verlegen, und brachte tatsächlich einige zustande. Hätte es damals schon Fotokopierer gegeben, ich hätte sie weit verbreitet. Statt dessen schlug ich meinen Schulkameraden vor, um der Ressourcenknappheit meiner Schreibwerkstatt abzuhelfen, mir so viele Lagen Karopapier zu geben, wie das Album Seiten enthielt, plus einige zur Kompensation der aufgewandten Mühe und Tinte, und versprach ihnen, entsprechend viele Kopien des Abenteuers zu produzieren. Ich fertigte alle Verträge aus, ohne mir bewußt zu machen, wie mühsam es sein würde, zehnmal denselben Comic zu zeichnen.

Am Ende mußte ich das Papier beschämt zurückgeben, gedemütigt für mein Scheitern nicht als Autor, sondern als Verleger. In der Unterstufe des Gymnasiums schrieb ich Erzählungen, weil damals die traditionellen Schulaufsätze mit vorgegebenen Themen ersetzt worden waren, in denen man frei gewählte Erlebnisse erzählen sollte. Ich glänzte mit humoristischen Stücken. Mein Lieblingsautor war damals P. G. Wodehouse. Mein Meisterwerk besitze ich noch: die Beschreibung, wie ich einmal vor Nachbarn und Verwandten, nach langer Vorbereitung und vielen Versuchen, ein technisches Wunderwerk vorgeführt hatte: eines der ersten unzerbrechlichen Gläser, das ich triumphierend zu Boden fallen ließ, wo es natürlich in Scherben ging ...."

(Aus der Einleitung)

Der Autor

Umberto Eco wurde 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er war Ordinarius für Semiotik an der Universität Bologna und zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Eco war als Sprachwissenschaftler Verfasser zahlreicher Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, der Literatur und der Kunst, nicht zuletzt der Ästhetik des Mittelalters. Hierzu zählen seine Einführung in die Semiotik (1972), Das offene Kunstwerk (1973) und Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte (1977). Den Roman 77 nome della rosa (1980) schrieb er, weil er in reifem Alter erkannte: "Wovon man nicht theoretisch sprechen kann, muß man erzählen."

Ecos literarisches Werk erscheint in deutschsprachigen Originalausgaben bei Carl Hanser, zuletzt u. a. Die Geschichte der Hässlichkeit (2007), Der Friedhof in Prag (Roman, 2011), Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013), Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften (2014), Nullnummer (Roman, 2015) und Pape Satàn (Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen), 2017).

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