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Der Fall des Philosophen

Eine Archäologie des Denkens am Beispiel von Ernst Bloch

Details

Verlag Klostermann, Vittorio
Auflage/ Erscheinungsjahr 2019; 09.2019
Format 0 × 0 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 604 Seiten
Gewicht 914
ISBN 9783465043645

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39,00 €


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Zu diesem Buch

Das Thema dieses Buches ist das im Prinzip ursprüngliche ´Programm` der Philosophie, indem die mit und aus ihr gezogenen Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse als grundlegende Voraussetzung für Welterkenntnis zu sehen sind. Das und warum dem so ist, zeigt die Schülerin Ernst Blochs und Frankfurter Psychoanalytikerin Hanna Gekle in diesem Buch– unter den verschärften Bedingungen der Moderne, konkretisiert an Ernst Bloch. Psychische Entwicklungsgeschichte und die Geschichte des Werkes bilden die beiden Stränge der theoretischen Rekonstruktion. Ziel ist die Darstellung ihrer inneren Verbindung als eine Archäologie des Denkens. Es ist Blochs Besonderheit als Philosoph, dass er sich den Zugang zum Denken aus den Tiefen früher, leidvoller Erfahrung erschloss. Dafür brauchte er nicht nur neue Kategorien, sondern er musste dafür überhaupt erst Worte finden: Den Erfahrungen des Unheimlichen und Abgründigen stellt er auf der Ebene philosophischer Theorie das Dunkel des gerade gelebten Augenblicks wie seine Entdeckung eines Noch-nicht-Bewussten zu Seite. Sie münden als metaphysische Ödipuserweiterungen in dem, was in der Nachfolge Freuds den klassischen Ödipuskomplex unterhöhlt. Die Spannungen zwischen Psyche und Werk und die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegeln sich in diesem Buch ineinander.

Aus dem Vorwort der Autorin

"Dieses Buch ist weder eine Biographie noch eine Fallgeschichte, obwohl es Züge von beidem hat. Weil der Titel dieses Buches befremdlich, gar herabsetzend wirken könnte, seien mir einige Hinweise dazu gestattet. Bereits das Wort ´Fall` changiert von einer alltagssprachlichen Verwendung über die Medizin bis in die Philosophie. Im Alltag bedeutet ´Fall` erst einmal Sturz. Der Fall des Philosophen erinnert demnach an den Sturz aus den Höhen der Vernunft. So endete die Metaphysik im 19. Jahrhundert.(...). Es war kein Geringerer als Thales, der, den Blick hinauf zum Himmelsgewölbe gerichtet, in einen Brunnen fiel. Eine Magd verspottete ihn, weil er mit aller Leidenschaft die Dinge am Himmel studiere, während ihm das, was ihm direkt vor der Nase liege, verborgen bleibe. Der Philosoph, der sich den weit entfernten Wahrheiten zuwendet, erscheint dem praktischen Alltagsverstand als lächerlich. Diesem Spott mochte die glückselig machende Schau der ewigen Ideen standhalten, aber unter den Schlägen der Vernunftkritik zerbrachen im 19. Jahrhundert auch diese. Fast gleichzeitig entsteht damals das neue literarische Genre der Detektivgeschichten. In ihnen verwandelt sich der Sturz aus der Wahrheit in einen aus der Moral und wird zu einem Mord-Fall, der aufgeklärt werden muss.

Der Appell der Aufklärung, Kants Wage Dich Deines Verstandes zu bedienen!, wird in die Hände eines ebenso scharfsinnigen wie mutigen Detektivs gelegt, dessen Kunst des Spurenlesens den schwerfälligen Polizeiköpfen stets überlegen ist. Seinem Scharfsinn vertraut sich der Prozess der Aufklärung an. Detektivisch gibt sich überdies die Medizin. Sie verwandelt das Schick-sal der Leiblichkeit in einen Fall der Psychopathologie, die deren verborgene Wurzeln aufdecken muss, um ihre pathogenen Wirkungen zu beseitigen. Die Krankheit verwandelt sich aus einem Schicksalsschlag in einen Fall der Medizin. Von der Anatomie, die ins Innere des menschlichen Körpers dringt und ihn kunstfertig seziert, bis zum morbus sacer, als sogenannte Fallsucht eben-so verehrt wie gefürchtet, wird der Mensch, Gottes Ebenbild, der Logik na-turwissenschaftlicher Rationalität unterworfen.

Psychiatrie und Psychologie haben Menschen zum Fall gemacht, die zuvor als abwegig-anrüchig galten: Sonderlinge, Verrückte, Hexen. Aber »Fall« ist auch ein theoretisches Konstrukt. An die Stelle von Dämonie und Besessenheit tritt seit dem 19. Jahrhundert das wissenschaftliche Bewusstsein der modernen Medizin. Die Krankheit ist ein Fall, lateinisch casus, nicht der Teufel, der Faust lachen macht. Aus diesem Ethos ist selbst noch der Fall der Psychoanalyse entstanden, und sie ist damit prompt gescheitert. Etwas Besseres hätte ihr gar nicht passieren können. Obwohl Freud ursprünglich einem naturwissenschaftlichen Ideal verpflichtet war, verwandelte sich ihm die Beschreibung seiner neuen Methode aus einem Fallbericht, der logischer Präzision folgen sollte, in eine dichte Geschichte, in der sich die Symptome der Krankheit als getarnte Beziehungskonstellationen entpuppten, bis sie schließlich als Novelle endeten. Wenn Freud auch die genuine Qualität seines Gegenstandes zu Anfang verkannt haben mochte, so verhalf er ihm gleichwohl dadurch zum Ausdruck, dass er die Kränkung seiner nach dem Gedanken schielenden Sätze so lange ertrug, bis sich ihm schließlich ihr Geheimnis enthüllte: Die talking-cure selbst war eine unerhörte Begebenheit. (...)°

Die Autorin

Hanna Gekle war Ernst Blochs letzte Assistentin. Sie ist niedergelassene Psychoanalytikerin in Frankfurt am Main.

Rezensionen

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