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Müller, Peter (Hg.)

Das Unbehagen in der Familie

Was in einer Kinderanalyse auf em Spiel steht. (OT: »Malaise dans la famille«; Ed. érès, Paris 2006)

Details

Verlag Turia + Kant
Auflage/ Erscheinungsjahr 08.2017
Format Gr.-8°
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 214 Seiten
ISBN 9783851328653

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24,00 €


Merkliste

Die deutsche Ausgabe erscheint unter Beteiligung von Dorothee Bortel, Hans-Jürgen Bortel, Johanna Cadiot, Karl-Josef Pazzini, Rony Weissberg.

Zu diesem Buch

Was heißt es, Kinder zu analysieren? Und um welches Kind geht es dabei? Welchen Platz nimmt es in der Familie und deren radikalem Wandel ein, dem wir heute begegnen? Fragen an einen Kinderanalytiker mit klinischen Beispielen sowie Bezügen zu Freud, Dolto, Winnicott und Lacan.

Die Autoren geben Analytikern wie Laien, vor allem aber Eltern eine Orientierung über das, was im Kind zur Sprache kommen will. Behandelt man seine »Störungen«, so unterschlägt man dabei, dass das Kind auf etwas im Unbewussten aufmerksam macht, was es stört und womit es stört: wahrlich ein Unbehagen in der Familie, ihrer Kultur und ihrem oft vermeintlichen Bescheidwissen.

Ist das Kind Träger einer unbewussten Botschaft, so verlangt dies vom Analytiker, sich von seinem jungen Patienten überraschen zu lassen, sein theoretisches Wissen an der Praxis zu prüfen. Dabei werden Grundfragen einer Disziplin lebendig, die sich wie keine andere dem psychischen Erbe und den Beziehungen der Generationen widmet: der Psychoanalyse.

Aus den verschiedenen Vorworten des Autors zu den verschiedenen französischen Auflagen haben die Herausgeber diese Zusammenfassung extrahiert:

Ein geglücktes, letztlich durch die Mehrdeutigkeit der Sprache bedingtes Missverständnis nennt Thierry Najman die Zwiesprache, aus der das vorliegende Buch hervorgegangen ist. Es bietet »all denjenigen, die sich zur Psychoanalyse mit Kindern Fragen stellen, ein Zeugnis klinischer Erfahrung.«

In einem Gedankenaustausch befragt Thierry Najman, Psychoanalytiker, Psychiater und Leiter einer psychiatrischen Klinik, Nazir Hamad zu seiner langjährigen Erfahrung als Kinderanalytiker. So verbindet die vorliegende Arbeit Erfahrung und Forschung. Die im Gespräch aufgeworfenen Fragen setzen sich mit der Praxis der Kinderanalyse als auch mit ihren Grundlagen auseinander. Es wendet sich nicht nur an Analytiker und Therapeuten, sondern auch an das allgemeine Publikum, besonders an die Eltern mit ihren Fragen.

»Was geschieht in der Praxis des Psychoanalytikers, wenn er wegen Fragen, die ein Kind betreffen, aufgesucht wird? Gibt es überhaupt eine Kinderpsychoanalyse, das heißt, eine spezifische Analyse des Kindes? Unterscheidet sie sich von derjenigen Erwachsener? Was resultiert aus der Tatsache, dass die Anfrage (demande)  nach der Analyse eines Kindes von den Eltern ausgeht?« Diesem Themenkreis widmet sich das vorliegende Buch.

»Die Form des Gesprächs«, so Najman weiter, »hat mir erlaubt, die Fragestellung weiter voranzutreiben, als dies in schriftlicher Form möglich gewesen wäre, wo der Text viel stärker einer Kontrolle unterliegt, und der Verfasser unterbrechen kann, wann er das möchte. Eine andere Form der
Bearbeitung hätte nicht erlaubt, die Fragen zu vertiefen und der Logik auf den Grund zu gehen. Dies umso mehr, als ich mir regelmäßig gestattete, dasselbe Thema wieder aufzugreifen, wenn es mir wichtig schien. Dadurch entsteht ein eher gesprochener Stil und ein Zögern, wie es jedem in Bewegung
befindlichen Denken eigen ist. Ein Zögern, das auch von ungelösten Fragen oder von Gedanken zeugt, die schwer in Worte zu fassen sind. Ich empfinde das persönlich nicht als Mangel. Wir haben kaum versucht, absolute Antworten zu geben, sondern etwas treffender zu sagen, besser zu formulieren und die Fragen aufzuwerfen, die uns heuristisch am interessantesten erschienen.«

Im Vorwort zur Taschenbuchausgabe im Jahr 2015 heißt es: »Seit der Erstveröffentlichung dieses Buches vor fast zehn Jahren sind die darin aufgeworfenen Fragen immer drängender geworden. So sehr, dass man auf die Geschichte der Psychoanalyse verwiesen wird, die je nach dem Ausmaß ihrer subversiven Wirkung Gegenstand von Angriffen und Kritiken gewesen ist. Man erinnere sich an die Bemerkung, die Freud an Jung richtete, als sie im gerade begonnenen zwanzigsten Jahrhundert auf dem amerikanischen Kontinent ankamen: ›Sie wissen nicht, dass wir ihnen die Pest bringen.‹

Es ging dem Gründervater nicht um die Provokation um ihrer selbst willen. Jedoch haben die großen Entdecker stets festgestellt, dass die Menschen selten bereit sind, die Wahrheiten zu hören, nach denen sie zu rufen scheinen. Unbewusstes und infantiles Triebleben stellen keine Ausnahme dieser Regel dar. […] Die große Aktualität dieses Buches hängt auch damit zusammen, wie sich unsere postmoderne Epoche Punkt für Punkt konträr zu den Leitlinien der psychoanalytischen Methode positioniert. Die zeitlichen Bedingungen des heutigen Menschen vertragen sich unter dem Druck der Produktivität schlecht mit der logischen Zeit der Subjektivität. Die Logik des Begehrens lässt sich weder mit einem frenetischen Genießen vereinbaren, mit dem uns die Konsumgesellschaft eindeckt, noch mit dem ständigen Überangebot an neuen Technologien der Informatik (IT) oder der verschiedenen Zweige der Medizin wie etwa der Fertilitätsmedizin. In einer Welt, in der nichts mehr unmöglich erscheint und das Virtuelle andauernd die Realität zu übertrumpfen scheint, sieht sich die Psychoanalyse einerseits von einem spürbaren Willen zum Genießen bedroht, wie sie andererseits mehr denn je dazu aufgerufen ist, von Verwirrung und einem Gefühl der Resignation zu befreien.

Aus dieser Sicht ist die Kinderanalyse bestens geeignet, von Grund auf zu befragen, worum es in der Psychoanalyse überhaupt geht. Mit Kindern ist es weder vorstellbar, sich diesen Fragen mit therapeutischen Tricks zu entziehen, noch Therapeut zu spielen, es sei denn man verstärkt ihre Symptome oder riskiert einen Abbruch. Mit Kindern kann man sich weder an einen stereotypen Rahmen noch an ein Standardverfahren klammern. Wenn es jemandem an Authentizität mangelt und er nicht dazu bereit ist, das therapeutische Vorgehen neu zu erfinden und das Risiko auf sich zu nehmen, in das Unbekannte des Einzelfalls einzutauchen, so wird er schneller in eine Sackgasse geraten als bei der Arbeit mit Erwachsenen. In gewisser Hinsicht tricksen Kinder weniger als die Älteren. Nicht zufällig hat Freud in seinem Aufsatz über den kleinen Hans behauptet, dass ›das Kind im ganzen mehr Neigung zur Wahrheitsliebe [hat] als die Großen.‹ Diese Wahrheitsliebe kann bei vielen Adoleszenten in eine Leidenschaft [und somit potentiell in Leiden, A. d. Ü.] umschlagen.

In der Vergangenheit sind einige Autoren so weit gegangen, die Psychoanalyse von Kindern für  unmöglich zu erklären oder bei ihnen sogar die Übertragung für inexistent zu erklären. Die besondere Beziehung des Kindes zur Wahrheit ermutigt uns zu einem gegenteiligen Schluss, dass nämlich diese spezifische Praxis, die ein unvergleichliches Licht auf die Grundlagen der Psychoanalyse wirft, bei ihnen sehr wohl angebracht ist. Wären wir vor die Wahl gestellt, uns nur für eine Psychoanalyse zu entscheiden, dann würden wir die Kinderanalyse vorziehen. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass das Kind Fragen, die mit der Psychoanalyse zusammenhängen, radikalisiert. Dank unserer jungen Patienten wird
jede von ihnen Punkt für Punkt wieder aufgeworfen, was zur Schärfung ihrer Begriffe verhilft. Vielleicht sollte die Ausbildung bei jedem Analytiker eine minimale praktische Erfahrung mit Kindern enthalten.
Es ist keineswegs ohne Konsequenzen, dass die klinische Arbeit mit Kindern in den letzten Jahren laufend neue diagnostische Kategorien hervorgebracht hat. Sie reichen von Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörung, intellektueller Frühreife zu all jenem, was sich ›Dys‹ nennt: Dysgraphie, Dysphasie, Dysorthograpie bis hin zum Spektrum der autistischen Störungen. Diese neuen Klassifizierungen sind zum Kampfplatz von Ideologien, finanzieller Verteilung und institutioneller Macht geworden, was die Kompetenz der Psychoanalyse zusätzlich in Zweifel zog.

Es geht uns nicht darum, in diesen Zeilen die Abweichungen, ja Entgleisungen von Psychoanalytikern zu leugnen, die öffentlich in den für unsere Postmoderne typischen Debatten unhaltbare Positionen vertreten haben. So diente die symbolische Ordnung einigen als Alibi, sich für Homophobie stark zu machen, was den ganzen Wissenszweig der Psychoanalyse in Misskredit brachte. Die Diskussionen über neue Formen der Familie hätten etwas mehr Vorsicht verdient, bevor definitive Meinungen geäußert würden, denn es ist noch zu früh, die verschiedenen Entwicklungen zu beurteilen. Aus all dem ergibt sich eine umso größere Notwendigkeit, den Platz der Psychoanalyse besser zu bestimmen: ihr Objekt, ihre Ziele aber auch ihre Grenzen. Dies ist das wesentliche Ziel dieses Buches. (...)«

Der Autor

Nazir Hamad arbeitet in freier Praxis als Psychoanalytiker in Paris. Er war außerdem Direktor einer medizinisch-psychologisch-pädagogischen Ambulanz. Thierry Najman ist Psychoanalytiker und Klinikchef am Hôpital Moisselles, einem psychiatrischen Krankenhaus am Rand von Paris.

Rezensionen

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