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Das psychoanalytische Erstinterview und seine Bedeutung für Diagnostik und Behandlung

Details

Verlag Psychosozial-Verlag
Auflage/ Erscheinungsjahr 01.2017
Format 21 × 14,8 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Paperback
Seiten/ Spieldauer 280 Seiten
Gewicht 425
ISBN 9783837926262

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Zu diesem Buch

Ellen Reinke vermittelt in ihrem Buch Grundlagen und Techniken des psychoanalytischen Erstinterviews: Jener ersten Schlüsselbegegnung zwischen TherapeutInnen und PatientInnen, in denen die Weichen für ein etwa einzugehendes Arbeitsbündnis gestellt und Informationen zur späteren Indikationsstellung gewonnen werden. Als Sondierungsinstrument zu den Möglichkeiten - oder Unmöglichkeiten - einer Behandlung hat das psychoanalytische Erstinterview eine zentrale (Erkenntnis-)Funktion für die gfs. sich anschließende Behandlung. Solch ein Interview professionell führen zu können, stellt eine der Kernkompetenz des Psychoanalytikers dar.

Um eine Orientierung für diesen wichtigen Ausgangspunkt der Therapie zu geben, stellt die Autorin sowohl das Erstinterview nach Hermann Argelander als auch das strukturelle Interview nach Otto F. Kernberg vor und illustriert beide an zahlreichen Beispielen aus der Praxis. Sie geht auf die erkenntnistheoretische Dimension des Interviews ein und erläutert die für das Erstgespräch wichtigsten Grundlagen der psychoanalytischen Theorie, insbesondere die Theorie der Technik und das Konzept des Szenischen Verstehens nach Alfred Lorenzer.

Ergänzende Informationen und Hinweise der Autorin für die Leserinnen und Leser der Novitätenschau

"I. Praxis. Das Interview in der Psychoanalyse dient einer ersten Verständigung zwischen dem Analytiker und dem Analysanden, d.h. der Sondierung der Möglichkeiten einer Behandlung. Es hat damit eine wichtige Funktion. In den Worten von Thomä und Kächele formuliert, besitzt das Interview eine einzigartige Eigenschaft: »Wir betrachten das Erstinterview als die erste Möglichkeit für die flexible Anwendung der psychoanalytischen Methode auf die Gegebenheiten des jeweiligen Kranken« (Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie I, 1996, S. 212). In der deutschsprachigen Psychoanalyse ist es vor allem mit dem Werk Hermann Argelanders (1920–2004) verbunden. Daneben hat sich die von Otto Kernberg (geb. 1928) ausgehende Entwicklung und Anwendung des »Strukturellen Interviews« etabliert. Beide Ansätze stehen im Zentrum meiner Ausführungen zur Praxis. Ich werde ihre Entwicklungsgeschichte, ihre Methoden und ihre Anwendungsbereiche anhand von zahlreichen Beispielen aus der jeweiligen Praxis darlegen. Dabei betrachte ich es als fruchtbar, die beiden Interviewansätze miteinander in einen Dialog zu bringen, der vom Argelander´schen, weitgehend hermeneutisch orientierten, über den familientherapeutischen bis zum weitgehend strukturierten Ansatz Kernbergs reicht, der diesen Spannungsbogen zum Vorschein bringt. Das heißt, ich lege hier eine Summe meiner Praxiserfahrungen vor.

II. Erkenntnislehre: Neben diesem Schwerpunkt, der auf der Praxis liegt, möchte ich nicht vernachlässigen, dass die Psychoanalyse nicht nur eine Form der Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse ist. Sowohl in der Praxis wie bei der Wahl spezieller Methoden wirken wie in jeder Disziplin unsere über diese hinausweisenden Grundüberzeugungen, unsere ›Gewissheiten‹, auch wenn wir uns darüber nicht oder selten Rechenschaft ablegen. Für die Psychoanalyse Freuds gilt das ebenso. Freud war davon überzeugt, und dies ausdrücklich, dass die Psychoanalyse eine Erkenntnisform ist und beanspruchte für sie den Status einer Erkenntnislehre, die die Grenzen der Fachdisziplinen übersteigt. Wenn man es anders formulieren will: als Praktiker stehen wir immer schon mit einem Bein in der philosophischen Hermeneutik und der Philosophie der Naturwissenschaften. Das impliziert auch eine Kritik an den zahlreichen Versuchen, die Psychoanalyse einseitig entweder den Natur- oder den Kulturwissenschaften einzuverleiben. Sie ist beides, eine Theorie eigenen Typs und kann weder auf ihre epische noch auf ihre neurowissenschaftliche Seite verzichten.

III. Praxis und Geistesgeschichte: »Psychoanalytische Kompetenz« übt sich in der praktischen Tätigkeit, hängt jedoch ebenso von der geistigen Beweglichkeit, den Denkmöglichkeiten und dem Wissen des Psychoanalytikers ab. In Bezug auf letzteres hat Freud postuliert, daß der Psychoanalytiker zwar psychologisches und medizinisches Wissen braucht, jedoch: Ohne Wissen in »Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft« nicht auskommen kann: »Ohne eine gute Orientierung auf diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen Teil seines Materials verständnislos gegenüber« (Freud: Die Frage der Laienanalyse, 1926e, S. 281). Das gleiche gilt für die Reflexion psychoanalytischer Begriffe und Grundannahmen, damit wir einen Begriff davon haben können, was wir als Psychoanalytiker in unserer Praxis eigentlich tun.

IV. Dialog innerhalb der Praxis und interdisziplinär: Zuletzt sei noch erwähnt, daß wir mit der Psychoanalyse immer in dialogischen Prozessen stehen: Nicht nur mit unseren Patienten, sondern gerade auch mit unseren Kollegen und – hoffentlich – auch den Nachbarwissenschaften. Zwar nimmt die Psychoanalyse in der interdisziplinären Diskussion nicht mehr den Rang ein, den sie im 20. Jahrhundert hatte, jedoch läßt sich feststellen, daß es zumindest zwei aktuelle und lebhafte Debatten gibt, in denen die Psychoanalyse als unverzichtbar betrachtet wird: In der Neurobiologie und seit etwa 15 Jahren vermehrt in der internationalen Diskussion der Zeitgeschichte. Um die Zukunft der Psychoanalyse braucht uns nicht bange zu sein, tragen wir unseren Teil dazu bei!"

Ellen Reinke

Inhalt

1 Einführung: Geschichte und Grundlagen

  • 1.1 Aufbau und Schwerpunkt meiner Überlegungen
  • 1.2 Aufgabe und Besonderheiten des psychoanalytischen Interviews
  • 1.2.1 Einige Gedanken zum Begriff der Zeit und der Besinnung in der Psychoanalyse
  • 1.2.2 Die Erzählung und die ›szenische Funktion des Ichs‹
  • 1.3 Die Entwicklung von Interviewmethoden in der Psychoanalyse
  • 1.3.1 Eingrenzung
  • 1.3.2 Was heißt: Verstehen – Erklären?
  • 1.3.3 Das Fernrohr und das heliozentrische Weltbild
  • 1.3.4 Die Camera obscura oder: Wie der Beobachter seinem Beobachtungsobjekt den Rücken zukehrt
  • 1.3.5 Verstehen und Erklären oder: Über den Gegensatz von Geistes- und Naturwissenschaften
  • 1.3.6 Wo stehen wir heute?
  • 1.3.7 Zu guter Letzt: Neurobiologie und Neuropsychoanalyse
  • 1.3.8 Theoretische Voraussetzungen und Interviewentwicklung: die erweiterten Indikationsmöglichkeiten der Psychoanalyse

2 Das psychoanalytische Erstinterview in seiner Entwicklung aus dem SFI

  • 2.1 Die Vorläufer
  • 2.1.1 Michael Balint und sein Einfluss auf die Entwicklung des Interviews
  • 2.2 »Das Erstinterview in der Psychotherapie« nach Hermann Argelander
  • 2.2.1 Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten
  • 2.2.2 Die objektiven und die subjektiven Informationen
  • 2.2.3 Die szenischen oder situativen Informationen
  • 2.3 Zum Begriff des Gegenwillens (Freud) – ein Plädoyer für seine Wiedereinführung
  • 2.3.1 Erzählen, Erinnern, Vergessen
  • 2.3.2 Die Umkehr des Arzt-Patient-Verhältnisses
  • 2.3.3 Voraussetzungen beim Interviewer
  • 2.3.4 Ein Beispiel: Die Wendeltreppe und die Pforte
  • 2.3.5 Das Erstinterview ist keine ›Technik‹
  • 2.3.6 Einübung in das szenische Verstehen – oder: Über psychoanalytische Kompetenz
  • 2.3.7 Die Abgrenzung zwischen den klassischen Anamnese und Testverfahren und den psychoanalytischen Untersuchungsverfahren
  • 2.3.8 Die Bedeutung des Zeitfaktors als Unterscheidungskriterium
  • 2.3.9 Weitere Besonderheiten des psychoanalytischen Erstinterviews
  • 2.3.10 Szenisches Verstehen im Alltag und im Berufshandeln
  • 2.3.11 Methodische Implikationen der Wahrnehmungseinstellung
  • 2.3.12 Zur Funktion der Gruppe beim psychoanalytischen Interview
  • 2.3.13 Näheres zur Frage: Was ist psychoanalytische Kompetenz?
  • 2.3.14 Exkurs: Zur philosophischen Hermeneutik
  • 2.4 Eingangsszenen
  • 2.4.1 Eine ›aufgeklärte Patientin‹
  • 2.4.2 Der Asket
  • 2.4.3 Der Reisende
  • 2.4.4 Kommentar zu den Beispielen
  • 2.4.5 Ein ›unergiebiger‹ Patient?
  • 2.5 Psychosomatisch-psychoanalytische Theorien – ein Exkurs
  • 2.5.1 Der Koch – ein Beispiel von Alexander Mitscherlich
  • 2.5.2 Weiteres zur Frage: Gibt es so etwas wie einen ›unergiebigen Patienten‹?
  • 2.5.3 Die Selbstmorddrohung: Ein Beispiel aus einer speziellen psychoanalytischen Institution
  • 2.5.4 Über psychoanalytische Kompetenz
  • 2.5.5 Das vollständige Interviewprotokoll: eine Übung an Beispielen
  • 2.5.6 Die Vorfeldangaben
  • 2.6 Die Gliederung des Erstinterviews
  • 2.6.1 Eingangsphase
  • 2.6.2 Die Durchführungsphase
  • 2.6.3 Beendigungsphase
  • 2.6.4 Beispiele zur Struktur des Interviews
  • 2.7 Zwei vollständige Interviewprotokolle
  • 2.7.1 Protokoll des Interviews von Herrn Weber
  • 2.7.2 Protokoll des Interviews mit Frau Heller
  • 2.8 Das Verbatim-Protokoll
  • 2.8.1 Auszüge aus einem Verbatim-Protokoll
  • 2.8.2 Verbatim-Protokolle eines psychoanalytischen Erstinterviews von Hermann Argelander
  • 2.8.3 Ein zweiter Text zum Protokoll: »Lost in confusion«
  • 2.8.4 Gedächtnisprotokoll des Interviews mit Thomas Kern

3 Der Ansatz von Otto Kernberg

  • 3.1 Die Auffassung der Objektbeziehungstheorie bei Otto Kernberg
  • 3.2 Verfahren und Theorieperspektiven
  • 3.3 Exkurs zur Begriffsklärung:Was heißt ›dyadisch‹? Was heißt ›triadisch‹?
  • 3.3.1 ›δύας‹ [dyas] – Zweiheit
  • 3.3.2 Die symbolische Repräsentanz der Triade
  • 3.4 Formen der Übertragung
  • 3.4.1 Die Übertragungsanalyse bei frühen Störungen
  • 3.4.2 Ein kleines Beispiel zur Konfrontation
  • 3.4.3 Die negative Übertragung
  • 3.4.4 Die Analyse der Gegenübertragung bei schweren Persönlichkeitsstörungen
  • 3.5 Fallbeispiele
  • 3.5.1 Zum Umgang mit der Zerstörungsphantasie des Patienten
  • 3.5.2 Wie bringt man Gift zum Verschwinden?
  • 3.5.3 ›Ich kann dich nicht riechen‹
  • 3.5.4 Die ›falsche Ratte‹
  • 3.6 Das strukturelle Interview nach Otto Kernberg
  • 3.6.1 Die Struktur des Interviews
  • 3.6.2 Klärung
  • 3.6.3 Konfrontation
  • 3.6.4 Deutung (Interpretation)
  • 3.7 Gliederung des SI
  • 3.8 Haltung des Interviewers – Dauer und Aufgaben des SI
  • 3.9 Ein Strukturelles Interview: Ausschnitte und Kommentare
  • 3.9.1 Anfangsphase
  • 3.9.2 Die mittlere Phase
  • 3.9.3 Die Abschlussphase
  • 3.9.4 Diagnose und Prognose: Behandlungsempfehlung

4 Fazit und Ausblick

  • 4.1 Das psychoanalytische Erstinterview und das SI
  • 4.2 Ein Erstinterview mit einem Borderline-Patienten
  • 4.2.1 Vorgespräch
  • 4.2.2 Erstinterview
  • 4.2.2.1 Eingangsszene
  • 4.2.2.2 Durchführungsphase
  • 4.2.2.3 Abschlussphase
  • 4.2.3 Vorstellung im Interviewseminar
  • 4.2.4 Zweitgespräch
  • 4.2.4.1 Die Telefongespräche
  • 4.2.4.2 Das Zweitgespräch
  • 4.3 Abschließende Bemerkungen zu den methodischen und erkenntnistheoretischen Überlegungen

5 Anhang

  • 5.1 Liste der Fallbeispiele
  • 5.2 Literatur
  • 5.2.1 Literatur zum Erstinterview, zum Sprechstundeninterview, zum Strukturellen Interview und zur Fokaltherapie (Auswahl)
  • 5.2.2 Allgemeine Literatur.

Die Autorin

Ellen Reinke ist Psychoanalytikerin und psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis. Von 1991 bis 2007 war sie Professorin für Psychologie an der Universität Bremen. Forschungsschwerpunkte: Psychoanalyse und Neuropsychoanalyse, reflexive Kompetenz, Geschlechterforschung, Kriminalpsychologie, Generationentransfer und tiefenhermeneutische Kulturanalyse.

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