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Autorität und Verantwortung

Aus dem Französischen von Claudia Van Den Block

Details

Verlag Kunstmann, A
Auflage/ Erscheinungsjahr 28.09.2016
Format 21,5 × 14,5 cm
Einbandart/ Medium/ Ausstattung Hardcover
Seiten/ Spieldauer 260 Seiten
Gewicht 426
ISBN 9783956141270

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24,00 €


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Zu diesem Buch

In verunsicherten Gesellschaften wird der Ruf nach Führung, Marschrouten, nach ´Autorität` üblicherweise immer lauter: Es wird nach dem starken Staat gerufen, nach klar definierbaren Werten, Normen und Regeln, mit dem das Neue, Unbekannte, Fremde zumindest gefühlerweise ´eingehegt`, unter Kontrolle gebracht werden soll.

Der Psychoanalytiker und Kulturwissenschaftler Paul Verhaeghe untersucht in seinem neuen Buch dieses tiefsitzende Begehren von Großgruppen nach mehr ´gemeinsamer Identität in unsicherer Zeit` und fragt sich, wie dieser uralte Mechanismus überdauern konnte, hatte man sich in Zentraleuropa doch erst kürzlich mit Blick auf die Geschichte von autoritären Strukturen lossagen wollen: von der Macht der Patriarchen, von moralischen Zwängen, religiösen Dogmen?

Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft geht der belgische Psychoanalytiker dem rasanten Wertewandel unserer westlichen Gesellschaften unter dem Diktat der neoliberalen Ökonomie auf den Grund. Er beschreibt dabei auch neue, ermutigende Beispiele von Netzwerken und Gruppen mit flachen Hierarchien, sei es in Bürgerinitiativen, Elternvereinigungen oder Aktionärsversammlungen. In Umweltbewegungen und Stadtverwaltungen, in Erziehung und Pflege ist der Wandel zu dieser neuen Form von 'horizontaler Autorität' bereits erfolgreich auf dem Weg.

Paul Verhagehe im Buch: »Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist folgende: Ich spiele draußen, dabei zerbreche ich eine neue Fensterscheibe, die in der Werkstatt meines Vaters eingesetzt werden soll. Aus Angst vor dem Ärger meines Vaters heule ich wie ein Schlosshund. Mein Vater kommt nach Hause und ist überhaupt nicht böse. Bis heute erinnere ich mich an diese Begebenheit, und besonders an meine Überraschung. Warum hatte ich nur solche Angst? Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Mein Vater war ein gutmütiger Mann, der uns nur selten schlug. Warum machte ich ihn zu dem Monstrum, das er nie war?

Ich bin dreißig, mein Sohn bricht eine Scheibe aus dem gerade erst gebauten Schrank. Ich bin so wütend, dass ich ihn durchschüttele. Bedauern. Und Scham.

Gymnasium, Kadavergehorsam. Im Internat pickt sich der Aufseher systematisch die schwächeren Jungen heraus, um sie öffentlich zu demütigen. Das weiß jeder. Jeder ärgert sich darüber, jeder fühlt sich hilflos.

Viele Jahre später. Unser Fakultätsrat wird von einem Professor geleitet, der Macht und Autorität in sich vereint und sich nicht scheut, davon auch Gebrauch zu machen - übrigens beides stets zum Vorteil der Fakultät. Bei einer Sitzung zieht er heftig über den Kollegen X her, der für die Bibliothek verantwortlich ist. Dort läuft seit geraumer Zeit einiges schief. Das wissen alle, alle kennen den Grund, ein fest angestellter Bibliothekar, den man nicht wegbekommt, der aber alles blockiert. Kollege X kann nichts dagegen tun. Ich ärgere mich und falle dem Leiter des Fakultätsrats ins Wort - ich denke an die Zeit im Internat zurück, wie ohnmächtig ich mich damals fühlte, jetzt ist das anders - und widerspreche: Wenn Kollege X für die Bibliothek verantwortlich ist, muss er auch die dazugehörige Macht bekommen. Falls man ihm die nicht geben kann, kann man ihm auch nichts vorwerfen. Nach der Sitzung geht der Kollege neben mir her, legt kurz seine Hand auf meine Schulter und geht schweigend weiter.

Eine Diskussion zwischen Assistenten und »dem Prof« in meiner Promotionszeit. Aus verschiedenen Gründen bin ich zu dem Zeitpunkt für alle der Prügelknabe. Während der Diskussion bringe ich einen Punkt ein, von dem ich vollkommen überzeugt bin - er wird einfach weggewischt, woraufhin ich ihn wiederhole und hinzufüge, dass dieser Punkt nicht gehört wurde, weil er von mir kam. Jahre später werde ich die andere Seite erleben: Meine Argumente werden gehört, weil sie von mir kommen, nicht weil sie richtig sind.

Mein erster Fakultätsrat als blutjunger Professor. Ich platze vor Stolz und habe das Bedürfnis, bei einer Diskussion laut und deutlich mitzumischen. Nach der Sitzung kommt ein älterer Hochschullehrer auf mich zu und sagt beiläufig: »Kollege, darf ich Ihnen einen Rat geben? Versuchen Sie doch in den nächsten Sitzungen vor allem gut zuzuhören und warten Sie noch ein paar Monate, bis Sie sich selbst zu Wort melden.« Dieser Mann genießt bei mir Autorität, daher höre ich auf ihn. Während meines Studiums ist er einer der wenigen Professoren gewesen, der die Lehre sehr ernst nahm. Beim nächsten Fakultätsrat begreife ich, warum mein Einwand bei der vorigen Sitzung sowohl naiv als auch dumm war. Mangel an Sachkenntnis. Ein gutes halbes Jahr lang halte ich den Mund.

Fünfundzwanzig Jahre späterr werden mein Fachgebiet und ich von der belgischen Zeitung De Standaard angegriffen. Ein ganz junger, gerade Promovierter einer anderen Fakultät ist Wortführer und spricht sich kritisch gegen unsere Forschung aus. Dabei unterlaufen ihm so viele Fehler, dass meine Fachgruppe zum ersten Mal den Rückhalt der gesamten Fakultät genießt. Ein Kollege fragt sich: »Kann denn niemand diesen Jungen vor sich selbst schützen?«

Uni-Abschlussfeier in der Aula der Universität. Eine Absolventin, mittlerweile eine junge Kollegin, bedankt sich bei mir mit folgenden Worten für meine Seminare: »Sie genießen bei Ihren Studenten viel Autorität, weil Sie Ihre Macht nicht einsetzen.« Ich nicke höflich, finde die Formulierung hübsch und denke mir nichts weiter dabei. In diesem Augenblick ist sie die Intelligentere von uns beiden, Macht ist nicht dasselbe wie Autorität. Das werde ich selbst erst viel später begreifen. (...)« (Aus der Einleitung)

Aus dem Inhalt

  • Eine Art Einleitung
  • Identität und Autorität
  • Autorität und Ursprung: Warum? Darum!
  • Drei unmögliche Berufe
  • Rückkehr (Darth Vader) oder Veränderung (Big Brother)?
  • Intermezzo
  • Das Zeitalter der Frau
  • Eltern im Plural
  • Geld oder Leben
  • Der Fall Waldemar oder deliberative Demokratie
  • Schlussbemerkung

Über den Autor

Paul Verhaeghe, Jahrgang 1955, hat sowohl eine Ausbildung als klinischer Psychologe als auch Psychoanalytiker absolviert. Sein erstes Doktorat (1985) behandelte das Thema Hysterie, sein zweites (1992) Fragen der Psychodiagnostik. Er ist als Universitätsprofessor an der Universität Gent tätig. Seit 2000 gilt sein Interesse vor allem dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen auf psychologische und psychiatrische Störungen. Paul Verhaeghe gilt als anerkannter Freud- und Lacanspezialist und ist Autor mehrerer Bücher; sein jüngstes ("Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft", Kunstmann 2013) wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Interviews mit dem Autor finden sie hier:

Dieses Wirtschaftssystem zerstört unsere Menschlichkeit

Mehr Verantwortung oder Disziplinierung?

Sinngebung ist ein kollektives Geschehen

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